Das ukrainische Militär wirbt unter Hochdruck frische Kräfte für neue Offensivbrigaden. Neben je einem Verband der Polizei und des Grenzschutzes sollen ihnen auch sechs Brigaden der Nationalgarde angehören, die vor Beginn der Eskalation des Krieges rund 60.000 Angehörige zählte und dem Innenministerium unterstellt ist. Diese Angriffseinheiten sollen ausschließlich aus Freiwilligen bestehen, von denen die meisten schon »durch die Hölle gegangen« und »von Patriotismus angetrieben« seien, erklärte Innenminister Igor Klimenko, wie am 2. Februar bekannt wurde. »Davon gibt es in unserem Land eine Menge.« Bisher sollen schon mehr als 27.000 Bewerbungen vorliegen.
In der neuen Offensivformation findet sich auch die bekannteste faschistische Eliteeinheit der Nationalgarde, die als »heldenhafte Verteidiger von Asowstal« in der Ukraine wie in der gesamten westlichen Welt Kultstatus erlangt hat. Jüngst feierte eine »Asow«-Delegation mit der Prominenz aus Frankreichs Politik, Wirtschaft und Kultur – darunter auch der ehemalige Staatspräsident François Hollande – in Paris die Vorpremiere des Propagandafilms »Ruhm der Ukraine« des rechten Publizisten Bernard-Henri Lévy.
Eine von »Asow«-Gründer Andrij Bilezkij befehligte Nazispezialeinheit, die im Februar 2022 gebildet und kurz darauf in die reguläre Armee eingegliedert worden war, ist bereits vor drei Wochen zur Brigade vergrößert worden. Neuerdings ist »Asow« aber auch als paramilitärische Organisation in der Nationalgarde, als die sie 2014 ursprünglich ins Leben gerufen worden war, ein Großverband, der selbständig operieren kann. »Es ist Zeit, in die Offensive überzugehen«, so der Aufruf an die Anhänger, sich freiwillig zu melden. »Schreibe mit uns Geschichte. Komm zu Asow!« Als Belohnung winken Privilegien, von denen reguläre Soldaten der Armee, die häufig ohne nennenswertes Training und ausreichende Ausrüstung in die Fleischwölfe des Donbass getrieben werden, nur träumen können: eine mehrmonatige Intensivausbildung in den Waffengattungen Artillerie, Panzer und Drohnen durch kampferfahrene Offiziere, ein lukratives Gehalt, medizinische Behandlung in staatlichen Hospitälern, später ein Universitätsstudium oder eine berufliche Laufbahn im Innenministerium.
Die Ankündigung »Wir garantieren Kampfeinsätze an vorderster Front und mit Gleichgesinnten« dürfte vor allem militante Rechte mit großem Blutdurst anziehen. Ultimativ verlockend dürfte für sie das Ziel der »Kampfreise« sein, das Bilezkij als die »schwierigste Gegend« anpries: Bachmut. »Die entscheidende Schlacht in diesem Krieg steht noch bevor. Sie erfordert einen neuen Maßstab. Deshalb überträgt uns das Militärkommando eine neue Verantwortung«, prahlte Bilezkij am 26. Januar mit dem Machtzuwachs seiner Truppe und kündigte einen »heißen Winter« für die russischen Feinde an. »Wir bereiten viele Überraschungen für sie vor.«
Für ihre Rekrutierungen hat »Asow« eine aufwendige Kampagne gestartet. Die Werbevideos sind nach höchsten kulturindustriellen Standards der Hollywoodkriegsfilme gestaltet. Mit extrem schnellen Schnitten aus dramatischen Actionbildern, unterlegt mit archaischen Schlachtenhörner- und wagnerischen Bombastklängen sowie Beats aus Pulsschlägen zur Steigerung des Adrenalinausstoßes wird an niederste Gewaltinstinkte appelliert. »Ohne Kampf gibt es keinen Ruhm!« so die Devise. Am Dienstag präsentierte »Asow« bereits Aufnahmen der ersten Tage des Einsatzes ihrer Armeebrigade in Bachmut.
Im Januar hat der US-amerikanische Technologiekonzern Meta Platforms, dem Instagram, Facebook und weitere soziale Medien gehören, »Asow« von seiner Liste gefährlicher Organisationen gestrichen. Hunderte von »Asow«-Konten wurden freigeschaltet. Seitdem kann »Asow« als Bewegung – zu der neben den Kampfverbänden auch Milizen für den Terror gegen Oppositionelle und Minderheiten im Innern, eine Partei, eigene Mode- und Musiklabels und ein Merchandisenetzwerk gehören – völlig uneingeschränkt weltweit agieren.
Mit ihrer stetig weiter wachsenden Propagandamaschine produziert »Asow« nicht nur faschistische Kriegshetze, Herrenmenschenideologie und Heldenmythen, sondern auch gezielt Desinformationen: vor allem die Lüge, dass »Asow« sich vom Nazismus gelöst habe, die von Politikern und Medien in der EU und den USA im großen Stil weiterverbreitet wird. »Asow«-Führer Bilezkij hat sie am 3. Februar anlässlich des 94. Jahrestags der Gründung der »Organisation Ukrainischer Nationalisten« (OUN) selbst entlarvt. Er würdigte Stepan Bandera, Roman Schuchewitsch und andere für den Holocaust mitverantwortliche Kollaborateure Hitlerdeutschlands und mahnte seine Anhänger zum entschlossenen Handeln: »Die OUN hat ihren historischen Auftrag erfüllt. Jetzt ist unsere Zeit gekommen.«
