Geheime Kriegsführung der USA in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik unter CIA-Chef Allen Dulles: Nach 1945 sollen dort 35 000 sowjetische Kader, Gewerkschafter und Exekutivorgane ermordet worden sein. (Hannes Hofbauer, Publizist und Verleger)
(Vielen Dank an den Autor Hannes Hofbauer für die Genehmigung der Veröffentlichung)
Vom heißen zum Kalten Krieg (1945–1991)
(Ausschnitte)
Bereits im Jahr 1942, also mitten im Krieg, entwickelte der US-amerikanische Politikwissenschaftler Nicholas Spykman ein geopolitisches Konzept, dem sich u. a. George C. Marshall und Harold Stark, die beide zur Führung des Generalstabs gehörten, verpflichtet fühlten. In seinem Hauptwerk America’s Strategy 1 greift Spykman die Theorie von Halford Mackinder aus dem Jahr 1904 auf, mit der die Notwendigkeit der Kontrolle über das russische Herzland argumentiert wird, um weltherrschaftliche Ansprüche umsetzen zu können. Spykman bedient sich allerdings Mackinders Formel nur, um ihr eine andere geopolitische Stoßrichtung zu geben. Ihm zufolge gehe es heutzutage – also in der Epoche nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – nicht darum, das »Herzland«, Russland, zu beherrschen. Vielmehr müssten die USA die sogenannten »rimlands« kontrollieren, den das russische Kernland umgebenden
geografischen Bogen. Die Interpretation dieser »rimlands« schließt Osteuropa, den Balkan und den Mittleren Osten genauso ein wie die innerasiatischen Sowjetrepubliken bis nach Afghanistan und China. 2
Später sollte der Stratege und Präsidentenberater Zbigniew Brzeziński diese Theorie aufgreifen und weiterentwickeln. 3
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Im Kampf gegen Hitler ließen die US-amerikanischen Geostrategen von Anfang an das größere Ganze, die Weltherrschaftspläne, nicht außer Acht. Die fürchterlichste Ausprägung, um diesem Ziel näher zu kommen, war der Einsatz von zwei Atombomben gegen die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki.
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Bei diesem bislang einzigen militärischen Einsatz der schrecklichsten je von Menschen entwickelten Waffe ging es nicht in erster Linie um den endgültigen Sieg der Alliierten über Japan, wie uns dies Teile der Historikerzunft bis heute weismachen wollen. Japan hatte bereits am 11. Juli 1945 an Moskau ein erstes Kapitulationsangebot abgegeben und dieses in den folgenden Tagen mehrfach wiederholt. Doch die Rote Armee bereitete sich in diesen Tagen auf einen Vormarsch in die Mandschurei vor und war dabei, Japan anzugreifen; und Washington wollte von dem Angebot nichts wissen und lehnte ab. 4 Mehr noch als um Japan ging es den Strategen im Pentagon um die Nachkriegshegemonie. Mit den Abwürfen von »Little Boy« und »Fat Man« zielte die US-Führung strategisch auf die Sowjetunion, und dies in mehrfacher Hinsicht. Die verheerenden Auswirkungen der Atombombenabwürfe sollten Moskau (und die Welt) ganz allgemein einschüchtern. Die alleinige Verfügungsgewalt über die militärische Nutzung der Atomtechnologie verschaffte den USA entsprechenden Respekt. Hiroshima und Nagasaki signalisierten auch der Sowjetunion, sie hätte ihre Schuldigkeit im Kampf gegen Hitler und seine Verbündeten getan.
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Unter dem Titel »Atombombenziel Sowjetunion« erstellte das Joint Intelligence Committee am
3. November 1945 eine Liste mit 20 sowjetischen Industrie- und Verwaltungszentren, die durch einen »präventiven begrenzen Atomschlag« zerstört werden sollten, für den Fall, dass eine »sowjetische Aggression bevorsteht«. 5 Als Abwurfziele werden darin genannt: Moskau, Leningrad, Gorki, Kasan, Omsk, Swerdlowsk, Tiflis und 13 weitere Städte.
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Bald war den Strategen in den USA indes klar, dass es mit dem Abwerfen von Atombomben alleine nicht getan sein würde, um die verhassten Kommunisten in Russland in die Knie zu zwingen. Deshalb wurden in der Folge Interventionsszenarien entwickelt, die einerseits an nazi-deutsche Besatzungspläne anknüpften und andererseits auf die ethnische Karte setzten, also vorhandene nationalistische Bestrebungen z. B. in der Ukraine für die eigenen geopolitischen Zwecke instrumentalisieren sollten. Die Interventionspläne der Jahre 1948 bis 1952 trugen Namen wie »Broiler« (»Griller«), »Halfmoon«, »Offtackle«, »Fleetwood« oder »Dropshot«. Bodentruppen sollten Atombombenabwürfen folgen.
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Das Memorandum 496/1, das unter dem Stichwort »Broiler« bekannt geworden ist, nennt als Aufgabe der Besatzungsmission: »Die Vernichtung der kommunistischen Diktatur in der UdSSR und überall auf der Welt« sowie »Die Zurückdrängung Russlands in die Grenzen von 1939; die Einwirkung auf die Bevölkerung einzelner Teile der UdSSR, damit diese einen unabhängigen Status erlangt oder Föderationen bildet.« 6
Die Anwerbung einzelner Personen und Gruppen aus nationalen Minderheiten schien Washington ein einfacher und gangbarer Weg, um Zwietracht in der vom Krieg zerstörten sowjetischen Gesellschaft zu säen. Was lag da näher, als auf antikommunistische NS-Kollaborateure zurückzugreifen. Veteranen der von Adolf Hitler Ende 1944 aufgestellten, gegen Moskau kämpfenden Wlassow-Armee, ukrainische Nationalisten aus dem Umfeld Stepan Banderas und baltische Rechte waren billig und schnell rekrutierbar, Überzeugungsarbeit war nicht mehr nötig. Der Historiker Christopher Simpson hat diese von Washington angeleiteten antikommunistischen Netzwerke zum Aufbau militärischer Formationen hinter der sowjetischen Grenze untersucht. Im Baltikum und in der Ukraine bestanden sie bis in die frühen 1950er Jahre. »Die Rekrutierung der CIA in Europa«, schreibt Simpson, »konzentrierte sich oft auf Russen, Ukrainer, Letten und andere osteuropäische Nationalisten, die während des Krieges, als ihre Heimatländer von der deutschen Wehrmacht besetzt waren, mit den Besatzern zusammengearbeitet hatten. Hunderte, vielleicht Tausende solcher Mitarbeiter waren SS-Veteranen, einige ehemalige Funktionäre beim berüchtigten Sicherheitsdienst (SD) gewesen.« 7
Als Koordinator dieser geheimen, irregulären Kriegsführung fungierte der Geheimdienstler Frank Wisner, der unter CIA-Chef Allen Dulles weitgehend freie Hand hatte. Zu seinen Aufgaben gehörte es nicht nur, aufstandswillige Antikommunisten zu rekrutieren und sie mit Waffen, Sprengstoff und allerlei technischem Gerät zur Durchführung von Sabotageakten zu versorgen, sondern auch Zielpersonen auszusuchen, die die Amerikaner eliminieren wollten. Allein in der Ukraine wurden auf diese Weise in den ersten Nachkriegsjahren 35 000 sowjetische Kader, Gewerkschafter und Exekutivorgane ermordet. Diese unvorstellbar hohe Zahl gab Wisner im Jahre 1961 selbst und voll Stolz zu Protokoll. 8
Der personelle Aderlass für die Sowjetunion ging also nach Kriegsende weiter, nur dass es nun nicht Wehrmacht und SS- Divisionen waren, die mit Hilfe von Kollaborateuren das Mordhandwerk betrieben, sondern vom ehemaligen Alliierten USA bezahlte und ausgerüstete Aufständische. Von Moskau aus betrachtet, hatte der Feind seinen Namen und auch seine Taktik geändert. Nicht mehr von Berlin, sondern von Washington aus kam die Bedrohung, und nicht mehr das ganze Land hatte er im Visier, sondern seine Randgebiete: »rimlands« statt »heartland«.
Ende 1949 wollten die USA dann die Früchte der schmutzigen Kriegsführung in der Ukraine ernten. Dafür beschaffte Chefkoordinator Wisner über inoffizielle Wege Waffen einschließlich Fahrzeuge und Hubschrauber für Hunderte Millionen Dollar. Über eine Fallschirmjägerbrücke plante der US Geheimdienst, dieses Gerät und 1000 in den USA trainierte Kämpfer in die Ukraine zu fliegen. Man rechnete damit, innerhalb weniger Monate eine Guerillaarmee in der Stärke von 350 000 Mann auf die Beine stellen zu können. 9
Vor Ort waren es vor allem Mitglieder der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) mit ihrer herausragenden Figur Stepan Bandera und der mit dieser liierten Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), die als verlässlichste Partner der USA galten. Viele von ihnen hatten bis zum Kriegsende im Schatten und wohl auch im Solde der Wehrmacht gegen die Rote Armee gekämpft, jetzt wechselte, von der OUN aus betrachtet, nur der ausländische Partner. Der Feind, die Roten, war gleich geblieben. Noch bis 1951 setzten britische und US-amerikanische Dienste antisowjetische Kämpfer im Westen der Ukraine, insbesondere in der Gegend von Lwow/Lwiw ab. Letzte versprengte Reste dieser irregulären Truppen hielten sich bis Mitte der 1950er Jahre. Und dies nicht nur in der Ukraine, sondern beispielsweise auch im Baltikum. Führer der ukrainischen Nationalisten flohen in die Bundesrepublik Deutschland, wo sie die antikommunistische Exilorganisation »Anti-Bolshevik Bloc of Nations« aufbauten. Ihr Leiter Jaroslaw Stezko, der in den 1940er Jahren Stellvertreter von Stepan Bandera war, unterhielt auch kontinuierlich Kontakt zum US-amerikanischen Geheimdienst CIA. Im Jahr 1983 wurde Stezko von US-Präsident Ronald Reagan empfangen, der ihm versicherte: »Ihr Kampf ist unser Kampf, Ihr Traum ist unser Traum.« 10
Apropos Kontinuität: Stezkos Witwe, Slawa Stezko, kehrte 1991 aus dem Exil in die postsowjetische Ukraine zurück und beteiligte sich an der Gründung der rechtsradikalen Partei »Kongress der Ukrainischen Nationalisten«, die sich bei den Parlamentswahlen 2002 dem Block »Unsere Ukraine – Nationale Selbstverteidigung« des US-gestützten Präsidenten Wiktor Juschtschenko anschloss. 11
In Vilnius widmet ein großes sogenanntes »Museum der Genozidopfer« den sogenannten »Waldbrüdern«, die sich bis 1953 als antikommunistische Partisanen halten konnten, eine Reihe von ehrenden Sälen. Eine Broschüre mit dem Titel »Der unbekannte Krieg« gibt die Zahl von 30 000 Partisanen an, die sich 1945 in den litauischen Wäldern auf einen Guerillakrieg gegen Moskau und die Kommunisten vorbereiteten. 12 Ein letzter, versprengter »Waldbruder«, August Sabbe, kam im September 1978 ums Leben, als er sich seiner Festnahme entziehen wollte. Im heutigen Litauen gilt er als Held.
1 Nicholas Spykman, America’s Strategy in World Politics. The United States and the Balance of Power. New York 1942 (Neuauflage: 2007)
2 Vgl. Bernhard Rode, Das Eurasische Schachbrett. Amerikas neuer Kalter Krieg gegen Rußland. Tübingen 2012, S. 86f. Siehe auch: Stefan Fröhlich, Amerikanische Geopolitik – Von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg. Landsberg am Lech 1998, S. 134f.
3 Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Frankfurt/Main 1999 (englisch: The Grand Chessboard: American Primacy and its Geostrategic Imperatives, New York 1997).
4 Rolf Winter, Die amerikanische Zumutung. München 1991, S. 134f. Zit. in: Rode 2012, S. 291
5 Joint Intelligence Committee, Direktive JIC 329 , Nov 3, 1945. Zit. in: Bruhn 1995, S. 28. Siehe auch: Roth 1985, S. 15
6 Nuclear Weapons and American Strategy, 1945–1960, in: International Security 4/1983, S. 17f. Zit. in: Bruhn 1995, S. 31
7 Christopher Simpson, Der amerikanische Bumerang – NS-Kriegsverbrecher im Solde der USA. Wien 1988, S. 15
8 Simpson 1988, S. 184. Zur Rolle von Allan Dulles im ersten »schmutzigen« Krieg der USA siehe auch: Stephen Kinzer, The Brothers. John Foster Dulles, Allen Dulles and their Secret World War. New York 2013
9 Simpson 1988, S. 210
10 Russ Bellant, Old Nazis, the New Right, and the Republican Party. Boston 1991, S. 72; zit. in: https://www.wsws.org/de/articles/2014/05/24/swo2-m24.html (24.6.2015)
11 https://en.wikipedia.org/wiki/Congress_of_Ukrainian_Nationalists (24.6.2015)
12 Dalia Kuodytė/Rokas Tracevskis, The Unknown War. Armed Anti-Soviet Resistance in Lithuania in 1944–1953. Vilnius 2006
Hofbauer, Hannes: Feindbild Russland.
Geschichte einer Dämonisierung
Promedia 2016. 304 S.
Print: ISBN: 978-3-85371-401-0.
E-Book: ISBN: 978-3-85371-833-9

