Zum Krieg in der Ukraine – Vortrag im „Forum künstlerische Bildmedien“ in Berlin-Neukölln – von Helma Fries

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In den Krimis trinken die Kommissare am Tatort erst einmal einen Kaffee, pflaumen sich gegenseitig ein bisschen an, machen Witze. Spätestens wenn sie die Angehörigen aufsuchen, um ihnen die schlimme Nachricht zu überbringen, ändert sich der Ton des Films. Wir erleben den Schmerz der Eltern der Ermordeten. Sie sind geschockt, verzweifelt. Oft allerdings reagiert der Vater dann so: Wer hat das getan? Und da wissen wir als Krimi-Experten. Der Mann zieht gleich los, um die Ermordung seines Kindes zu rächen.

   Ein Gutachter vor Gericht steigt tief in die Vorgeschichte des Verbrechers ein, der den Mord begangen hat, listet die Faktoren auf, die im Leben des Mörders eine Rolle gespielt haben. Die Angehörigen des Opfers sitzen im Gerichtssaal blass auf ihren Bänken.

   Gegenüber dem Krieg in der Ukraine befinde ich mich ein bisschen in der Lage des Kommissars oder der des Gutachters, d.h ich analysiere, gehe zurück in die Vorgeschichte der Hauptbeteiligten. Das sind in diesem Fall die Ukraine, Russland und die USA. Ich beginne mit den USA.

   Sie werden nicht erwarten, dass ich jetzt all die schönen Dinge aufzähle, die es in den Vereinigten Staaten ja wirklich zu entdecken gibt. Ich beschränke mich auf ihre Geschichte nach 1945, und beginne mit einer kurzen Aufzählung der Interventionen, in denen sie sich als sogenannte „globale Ordnungsmacht“ betätigt haben.  

   Ich beginne mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Sie waren eine reine Machtdemonstration ohne militärischen Sinn, der Zweite Weltkrieg war bereits entschieden. In den Jahren danach folgten eine ganze Reihe von fast immer geglückten Umsturzversuchen durch die USA und ab und zu auch eine ausgewachsene Invasion: 1954 Iran und Guatemala, 1961 Kuba, 1964 Brasilien, 1965 Dominikanische Republik, 1965/66 Indonesien  (500.000 Tote), 1965 bis 1973 Vietnam (über 1.300.000 Tote), 1973 Chile. In den 1980er Jahren Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Granada, Afghanistan, 1991 Irak (danach 10 Jahre Embargo, laut UNICEF 1 Million Tote, davon 500.000 Kinder), 1998 wieder Irak, 1999 Serbien, 2001 wieder Afghanistan (danach in 20 Jahren 240.000 Tote), 2003 wieder Irak (500.000 Tote), 2011 Libyen, 2019 Venezuela.

   Warum dieses ganze ungeheuerliche Blutvergießen? Nun, es ging um die Durchsetzung globaler Dominanz, um Weltherrschaft.

   Im Gegensatz zu der Idee einer multipolaren Welt steht die einer unipolaren Welt, also von einer einzigen Macht dominierten Welt. Dazu gehört der Anspruch, kein anderes Machtzentrum zuzulassen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ist daher Russland an der Reihe, das nämlich darauf besteht, selber ein Machtzentrum unter anderen zu seinl. Das flächenmäßig größte Land der Erde will sich dem Anspruch einer einzigen Weltmacht nicht unterordnen. In diesem Fall nun befinden sich die USA in einem Dilemma. Anders als bei den anderen größeren oder kleineren Schurkenstaaten auf der Welt haben sie es jetzt mir einer großen Atommacht zu tun. Interkontinentalraketen gewähren eine halbe Stunde Vorwarnzeit. Da ist im Falle eines Erstschlags ein Zweitschlag von der anderen Seite zu erwarten. Und wer zuerst schießt, stirbt als zweiter.

   Seit 1945 versuchen die Regierungen der USA, diesem Dilemma zu entkommen. Sie treibt die Frage um: Wie kann ich das sogenannte Gleichgewicht des Schreckens zum Kippen bringen? Wie kann ich einen Atomkrieg gewinnen ohne selbst sein Opfer zu werden? Wie kann ich Erstschlagfähigkeit erreichen? Soviel darf ich schon jetzt verraten. Sie haben das Problem dermaßen hartnäckig und konsequent über die Jahrzehnte hinweg verfolgt, dass sie kurz davor stehen, es zu lösen. Durch welche Maßnahmen?

   Erstens. Die USA, von zwei Weltmeeren umgeben quasi ein Inselstaat, sind auf dem von ihnen nicht bewohnten eurasischen Kontinent leise und unauffällig, Zug um Zug, Russland so nahegerückt, dass sie jetzt an seinen Grenzen stehen
   1999 begann die Erweiterung der NATO durch die Aufnahme von Polen, Ungarn und Tschechien. Wurde dann fortgesetzt mit Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, der Slowakei, Slowenien, Albanien, Kroatien, Montenegro und Nordmazedonien. Auf dem Bukarester Gipfel der NATO 2008 haben die USA die Entscheidung durchgesetzt, dass auch die Ukraine und Georgien Mitglieder der NATO werden können.

   Das alles, obwohl bei den Verhandlungen über die Wiedervereinigung Deutschlands Gorbatschow versprochen worden war, die NATO nicht einen Zentimeter über die Oder hinaus auszudehnen.

   Da im Norden nicht bloß das NATO-Mitglied Norwegen, sondern auch die bisherigen Nichtmitglieder Schweden und Finnland ihre Militärpolitik am Bündnis ausrichten und die NATO eine Vielzahl von kleinen, schlagkräftigen Truppen mitsamt schweren Waffen dauerhaft an der russischen Grenze stationiert hat, die ununterbrochen große und kleine Manöver durchführen, haben die USA Russland vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer eine Dauer-Invasionsdrohung beschert. Bis in den Februar 2022 ließen die USA, die NATO und die EU das Verlangen Russlands, eine Sicherheitszone zwischen NATO/EU und Russland einzurichten, ins Leere laufen. 

Zweite Maßnahme zum Erreichen der Erstschlagfähigkeit: Aufrüstung. Der Westen ist schon heute seinem potentiellen Gegner in der Kategorie der konventionellen Waffen haushoch überlegen. Russland gab im vergangenen Jahr 65 Milliarden Euro fürs Militär aus, die NATO 1000 Milliarden; 700.000 russischen Soldaten stehen 3 Millionen auf Seiten der NATO gegenüber; die NATO besitzt das Doppelte an Kampfpanzern, das 3-fache an taktischen U-Booten, das 4-fache an Kampfflugzeugen, das 8-fache an Kriegsschiffen. All diese Waffensysteme werden mit Hochdruck weiterentwickelt und aufgestockt, zugleich ganz neue Waffensysteme erprobt.

   Aber vor allem geht es den USA um eine Potenzierung der nuklearen Schlagkraft. Deshalb wird der Wirkungsgrad der auf Atom-U-Booten wie auf landgestützten Raketen dislozierten Sprengköpfe so sehr verbessert, dass diese Sprengköpfe dieselbe Vernichtungswirkung erreichen wie die stärksten Sprengköpfe der Interkontinentalraketen im US-Arsenal. Durch die Verlagerung auf Unterseeboote, die die Raketen viel näher am Zielobjekt abschießen können, hat das US-Militär zudem eine signifikant größere Fähigkeit erreicht, einen Überraschungsschlag gegen russische Raketensilos, Abwehrstellungen und Kommandozentren durchzuführen. Denselben Vorteil bieten in Europa dislozierte Atomraketen. Nach der Kündigung des INF-Vertrages, der langestützte Mittelstreckenraketen verboten hat, werden diese Raketen – ganz wie die Pershings in den 1980er Jahren – Russland mit einer atomaren Vernichtungsdrohung von europäischem Boden aus konfrontieren. Europa fällt die ehrenhafte Aufgabe zu, das bevorzugte Gefechtsfeld für die nukleare Auseinandersetzung mit Russland zu stellen. Um die atomaren Sprengköpfe auch zuverlässig ins Ziel zu befördern, werden Trägerraketen entwickelt, die ihr Ziel in Hyperschallgeschwindigkeit (d.h. in mehr als fünffacher Schallgeschwindigkeit) und auf nicht-ballistischen Flugbahnen ansteuern. Russland bleibt dann keine Möglichkeit, die Gefahr zu lokalisieren und zu reagieren.

   Des weiteren ergänzen luftgestützte taktische Atombomben (die u.a. in der Eifel, in Büchel, lagern) das Spektrum der Bedrohung, sowie eine Raketenabwehr in Rumänien und in Polen, mit Marschflugkörpern, die sich auch offensiv (etwa um Offensivflugkörper Russlands noch vor dem Start zu zerstören) verwenden lassen. Denn auch die Russen haben inzwischen Hyperschallwaffen, die, einmal abgeschossen, schwer zu orten sind. „Aber diese Abwehrraketen sind doch nicht gegen Russland gerichtet. Nur gegen den Iran, nur gegen Nordkorea. Keine Angst, Jungs. Wir  werden das nicht gegen euch einsetzen. Schaut uns in die ehrlichen Augen!“ Wie schon bei der NATO-Osterweiterung ist auch in diesem Fall falsch gespielt worden. Tatsächlich neutralisieren diese Raketensysteme russisches Zweitschlagpotential, sind damit ein weiterer Schritt in Richtung nuklearer Erstschlagfähigkeit der USA.

   Es soll noch erwähnt werden, dass die zu Reagans Zeiten begonnene Strategic Defense Initiative (SDI) im Weltraum inzwischen sehr weit entwickelt ist und sich auch an ihrem Zweck nichts geändert hat, nämlich die Pattsituation zu überwinden und der Nation endlich diejenigen Mittel zu verschaffen, die den großen Krieg gegen die Atommacht im Osten erfolgreich führen lassen. Auf dem Feld der imperialistischen Konkurrenz ist nicht der Besitz von Atomwaffen das ultimative Mittel, mit dem man sich in der Staatenwelt Respekt verschafft, sondern die Fähigkeit, sie ungestraft einsetzen zu können.

Die dritte Maßnahme, mit der Russland verunmöglicht werden soll, den Vereinigten Staaten auf ihrem Weg, einzige Weltmacht zu werden, in die Quere zu kommen, ist eine ökonomische: die Sanktionen. Sie stellen den Versuch dar, Russlands Wirtschaft in einer Weise zu schädigen, dass es auch den letzten Anspruch auf Mitsprache im Konzert der Mächtigen aufgeben, aber vor allem als Atommacht sich nicht mehr halten kann.

    Nach der Auflösung der Sowjetunion hat Russland alles dafür getan, sich in den Weltmarkt zu integrieren. Die russischen Energieexporte werden jetzt bekämpft – siehe Nord Stream 2 – sowie das Weltmarktgeschäft der bedeutendsten IT-Firmen usw. Mit dem Angriff auf die Benutzung des Weltfinanzmarkts findet ein Angriff auf das Wachstumsmittel schlechthin statt, von dem Russland abgeschnitten werden soll. Putin muss zu dem Schluss kommen, dass in absehbarer Zeit Russland nicht mehr in der Lage sein wird, seine Streitkräfte so zu modernisieren, dass sein Land mit der NATO Schritt halten kann. Diese Situation setzt natürlich die russische Regierung unter Zeitdruck. Vergessen wir nicht: Zum ersten Weltkrieg kam es nicht zuletzt deswegen, weil die Militärs in mehreren Ländern zu der Einschätzung kamen, ein längeres Warten mit dem Zuschlagen verschaffe der Gegenseite einen Vorteil.

Vierte Maßnahme. Auf all die Entwicklungen in der Waffentechnik der USA hat Russland verständlicherweise versucht, mit neuen, eigenen Waffensystemen zu antworten, freilich ausgehend von einem sehr viel geringeren Budget. Nicht zuletzt hat Putin, um dieses für Russland ruinöse Wettrüsten und die immer größere Bedrohung seines Landes zu beenden, dem Westen unermüdlich Verträge über eine gemeinsame Sicherheit angeboten.    

   2001 hielt Putin eine Rede vor dem Deutschen Bundestag, etliche Sätze sagte er auf Deutsch. Er machte den Vorschlag, die mit dem Ende der Sowjetunion aufgebrochene Sicherheitsarchitektur, die in gegenseitiger Bedrohung durch NATO und Warschauer Pakt bestanden hatte, durch eine kooperative, das ganze Eurasien umfassende neue Sicherheitsvereinbarungen zu ersetzen. Er schlug vor, es möge eine Freihandelszone von Wladiwostok bis Lissabon eingerichtet werden. Auch einen Beitritt Russlands zur Nato schlug er vor. Die Parlamentarier standen auf und applaudierten.

   2007, inzwischen waren 10 Länder des Warschauer Paktes in die NATO eingetreten, versuchte Putin es erneut. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz warnte er, drohte, beschwor die Zuhörer: „Wir, Russland, wir möchten mit euch kooperieren. Alles andere führt in die Katastrophe.“

   2008 hat Russland eine Initiative zum Abschluss eines Europäischen Sicherheitsvertrags vorgelegt. Die Kernaussage war, dass kein Staat und keine internationale Organisation im euro-atlantischen Raum seine Sicherheit auf Kosten der Sicherheit anderer stärken kann.

   Noch im Dezember 2021 hat Russland den USA den Entwurf eines Abkommens zwischen der Russischen Föderation und den Vereinigten Staaten von Amerika über Sicherheitsgarantien sowie den Entwurf eines Abkommens über Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit der Russischen Föderation und der NATO-Mitgliedstaaten übermittelt.
   All diese Angebote wurden zurückgewiesen. Man hat Putin am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Stattdessen musste er erleben, dass von den USA beinahe alle Rüstungskontroll-Verträge gekündigt wurden, darunter der ABM Vertrag zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen, der schon erwähnte INF-Vertrag, der die Entwicklung und Aufstellung von nuklear bewaffneten landgestützten Kurz- und Mittelstreckenraketen verbietet und der „Open Sky-Vertrag“, der die gegenseitige Information über den Stand der Waffen und ihrer Dislozierung beinhaltete.
   Diese Zurückweisung von Verhandlungen über gegenseitige Sicherheit und die Zerstörung der Verträge über eine Rüstungsbegrenzung sind die vierte Maßnahme der USA auf dem Weg zur Führbarkeit eines Atomkriegs gegen Russland.

Zbigniew Brzezinski, seit Jahrzehnten einer der einflussreichsten Berater der US-Regierungen, schreibt in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“: „Die Ukraine ist ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt. Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr. Die Welt aber beherrscht nur diejenige Macht, die auch Eurasien beherrscht.“ Die fünfte Maßnahme der USA auf dem Weg zur einzigen Weltmacht, besteht darin, die Ukraine aus der Verbindung mit Russland zu lösen und den größten Flächenstaat Europas in einen Frontstaat der NATO zu verwandeln.

   Also verteilten die USA – laut Victoria Nuland, der vormaligen Abteilungsleiterin für die EU im US-Außenministerium –  vier Milliarden Dollar an oppositionelle Kräfte in der Ukraine. Und es kam zum Maidan. Der Aufstand, anfangs als Protest gegen Korruption und Oligarchen durchaus legitim, geriet bald unter rechtsextreme Hegemonie und wurde geopolitisch instrumentalisiert. Sein Anlass war die von Seiten des Präsidenten Janukowitsch erfolgte Ablehnung eines EU-Assoziierungsvertrags, der eine scharfe Kappung unzähliger historisch gewachsener Verbindungen zu Russland kategorisch verlangte.

   Als Antwort auf den dann folgenden Putsch des nationalistischen, russlandfeindlichen Lagers annektierte Putin die Krim. Mit dem absehbaren Verlust von Sewastopol wäre die russische Schwarzmeerflotte vom Mittelmeer abgeschnitten worden. Selbst Gorbatschow hat gesagt, er hätte an Putins Stelle genauso gehandelt. 20 Militärbasen besitzt Russland im Ausland, 700 in 118 Ländern besitzen die USA. Putin war nicht bereit, ein weiteres Vordringen des Westens an die Grenze Russlands hinzunehmen. Für ihn war eine rote Linie überschritten. Und so unterstützte er auch militärisch den Aufstand im Osten der Ukraine, wo große Teile der Bevölkerung die von Kiew verfolgte russlandfeindliche Linie ablehnten. Wobei  er Lugansk und Donezk nicht darin bestärkt hat, sich von der Ukraine abzuspalten. Aber er wollte nicht zulassen, dass sie von Kiew militärisch vernichtet werden.

   Das von Kiew an die Front entsandte Militär, schlecht ausgerüstet und schlecht ernährt, ist zwar gemeinsam mit den fanatischen Freiwilligen-Milizen in der Lage, mit ihrem Dauerbeschuss die – nach offizieller Sprachregelung von „Terroristen“ geführten – Ostgebiete seinerseits zu terrorisieren, aber hat auf Dauer militärisch keine Erfolge. Im Gegenteil. Kiews Truppen werden geschlagen. Angesichts eines drohenden Durchmarsches der (pro-)russischen Kräfte im Osten werfen Deutschland und Frankreich eine Art Rettungsanker für die damalige Führung der Ukraine aus. Es kommt zu den Minsker Abkommen. Sie sehen vor: Waffenstillstand, Truppenentflechtung, Amnestie für die Kämpfer, Gewährung einer in der Verfassung verankerten Autonomie für den Donbass, freie Wahlen. Nach Erfüllung all dieser Punkte soll die vollwertige Kontrolle der Regierung des ukrainischen Staates über den von ihr jetzt nicht kontrollierten Teil der Grenze zu Russland wiederhergestellt, also die Einheit der Ukraine gewahrt werden. Während Russland mehrere Jahre hartnäckig die Umsetzung Minsker Maßnahmenpaket anmahnt, weigert sich die Kiewer Regierung bis heute, auch nur einen einzigen der dreizehn Punkte des Abkommens zu erfüllen. Leisten kann sie sich das, weil sie die USA hinter sich weiß.

   Das hinter dem Konflikt um die ukrainischen Ostgebiete stehende Grundproblem ist, dass es nach dem Ende der UdSSR an der Peripherie Russlands in den 14 neu entstandenen Staaten russische Minderheiten mit entsprechendem Konfliktpotential gibt und junge Staaten generell eine Tendenz zu starkem Nationalismus aufweisen. In einigen Fällen hat das zu separatistischen Bestrebungen und territorialen Abspaltungen geführt, wie in Süd-Ossetien und Abchasien gegenüber Georgien, in Transistrien gegenüber Moldawien, und seit 2014 besonders dramatisch in der Ukraine. In einem Klima gutnachbarschaftlicher Beziehungen, Kooperation und internationaler Entspannung wären solche Probleme lösbar.

2021 ist die Ukraine in einem katastrophalen Zustand. Die Verbindung mit Russland ist gekappt und im kapitalistischen Ausland ist ihre Wirtschaft nicht konkurrenzfähig. Der fruchtbare Boden wird von ausländischem Kapital aufgekauft. Statt des angekündigten flotten Wachstums wachsen nur die Schulden beim IWF und die Zahl derer, die ins Ausland gehen. Aus den 55 Millionen Bürgern der Ukraine zu Sowjetzeiten sind inzwischen offiziell 42 geworden. Die Menschen sterben etliche Jahre früher. Die Ukraine ist zum Armenhaus Europas geworden.

   An der diplomatischen Front verweigern Deutschland und Frankreich Präsident Selenskyj die Revision des Minsker Abkommens, was ihm zuhause als Zugeständnis an den „Aggressorstaat“ betrachtet wird. Die politischen Gegensätze in der Nation radikalisieren sich und werden von militanten Verbänden aus eigener Machtvollkommenheit ausgetragen. Die ukrainische Regierung steckt in einer ziemlich ausweglosen Klemme zwischen den unnachgiebigen Forderungen ihrer Schutzmächte und dem Zustand ihres Staatswesens,

   Angesichts dieser Zwangslager und einer militärisch enorm gestärkter Ukraine versucht Selenskyi einen Befreiungsschlag. Er macht sich daran, mit einem echten Krieg die drängenden Probleme seiner Nation schlagartig loszuwerden. Die Ukraine als Speerspitze der Demokratien würde endlich eine rückhaltlose Unterstützung erfahren und die gespaltene Nation sich angesichts der Bedrohung von außen in überwältigender Einigkeit wie ein Mann hinter ihre Führung stellen.

   Der Regierungschef traut sich das zu. Denn inzwischen ist das Land zwar nicht de jure, aber de facto in die NATO aufgenommen, der Neuaufbau ihrer Armee als verlässliche NATO-Teilstreitkraft gelungen. Die USA haben Schritt für Schritt die Ukraine in die militärische Struktur der Nato integriert. Ende 2021 stehen 4000 NATO-Soldaten in der Ukraine, davon 2000 US-Soldaten. Die Aktivitäten der ukrainischen Streitkräfte und Sicherheitsdienste werden von ausländischen Beratern geleitet. Das Kommando über die ukrainischen Streitkräfte, auch über einzelne Einheiten und Untereinheiten, kann direkt vom NATO-Hauptquartier in Brüel ausgeübt werden. Die NATO nimmt sich von dem, was in dem riesigen, potentiellen Kriegsraum an intakten oder halbintakten Radarstationen, Flugplätzen, Häfen und militärischem Gerät der ukrainischen Streitkräfte herumsteht, alles was sie brauchen kann. Ein mit Hilfe der Amerikaner ausgebautes Netz von Flugplätzen gewährleistet die Verlegung von Militäreinheiten in kürzester Zeit. Der ukrainische Luftraum ist offen für Flüge von strategischen- und Aufklärungsflugzeugen der USA sowie von Drohnen, die zur Überwachung des russischen Territoriums eingesetzt werden. Die ukrainischen 15 Labors zur Entwicklung biologischer Kriegführung werden mittlerweile vom Pentagon finanziert und in eigener Regie betrieben.

   Ein weiterer Schritt in Richtung auf eine militärische Eskalation ist dann die Veröffentlichung einer neuen Militärdoktrin der Ukraine, die als oberstes Ziel die „Wiederherstellung ihrer territorialen Integrität innerhalb der Staatsgrenzen“ vorsieht. Um dieses Ziel zu erreichen, soll dem Kriegsgegner in einem Abnutzungskampf bis zum letzten Reservisten hinhaltend Widerstand geleistet werden, solange bis die „Unterstützung der internationalen Gemeinschaft“ zur Stelle ist, der für die Ukraine dann den Krieg gewinnt, eine „Einstellung der bewaffneten Aggression zu günstigen Bedingungen für die Ukraine“. Die Strategie besteht also in der Berechnung, in einer aussichtslosen Lage gegenüber den meilenweit überlegenen russischen Kräften durch das rücksichtslose Opfern von allem, was noch eine Waffe halten kann, das westliche Kriegsbündnis zum Eingreifen regelrecht zu zwingen.

   Nächste Schritte sind dann die von der der OSZE beobachtete zunehmende Vorverlegung schwerer Waffen an die Waffenstillstandslinie im Donbass, die Verkündung des Armeechefs Chomtschak, dass in seinen Streitkräften „völlige Gefechtsbereitschaft“ hergestellt worden sei‚ Manöver im Süden des Landes sowie die Mobilisierung von Reservisten der Territorialverteidigung in den südlichen Bezirken entlang der

Schwarzmeerküste. Russland entsendet daraufhin 100 000 Soldaten an seine Grenze zur Ukraine. Die kriegsträchtige Konfrontation im Osten der Ukraine und im Schwarzen Meer wird von der Presse und den Politikern in der Bundesrepublik allein Russland angelastet.

   Die USA wie die EU bremsen die ukrainische Regierung zu diesem Zeitpunkt noch. Was genau am ukrainischen Militär für die Zwecke der Allianz brauchbar ist, wollen sie in allererster Linie in von ihnen geplanten und angeführten gemeinsamen Manövern herausfinden, die in allen drei Waffengattungen mehr oder minder ununterbrochen stattfinden. Darunter das Großmanöver „Defender-Europe“ im Schwarzen Meer. Die NATO patrouilliert im Operationsgebiet der russischen Schwarzmeerflotte an 100 Tagen im Jahr, führt Manöver durch, überwacht den Luftraum in der Region und tut überhaupt ihr Bestes, um die Schwachstelle an der Südostflanke der NATO zu reparieren. Immer wieder trainieren einheimische Kräfte zusammen mit NATO-Truppen. NATO-Kampfjets üben neben der Verteidigung des ukrainischen Luftraums die Bekämpfung des russischen Flugabwehrsystems S-300. Die Szenarien verschiedener Übungen enthalten eine nukleare Komponente. Gerade für die professionelle Handhabung des Atomkriegs ist ein besonders hohes Maß an Übung unter Realbedingungen erforderlich. Die zunehmende Zahl von Beinahekollisionen kommt nicht von Ungefähr. Man testet die Reaktionsgeschwindigkeit des Feinds. Großmanöver, die eine massive Invasionsdrohung darstellen, binden und strapazieren die feindlichen Kräfte.

   Unter Zeitdruck setzt Putin jetzt nicht nur die bereits erwähnte dritte Maßnahme der USA, die Zerstörung der Wirtschaft Russlands. Er muss davon ausgehen, dass der Beitritt der Ukraine zur NATO eine ausgemachte Sache ist und nur noch eine Frage der Zeit. Die Perspektive, dass die Ukraine nicht nur de facto, sondern auch de jure der NATO bald einverleibt werden soll, birgt die Gefahr, dass die Ukraine Russland unmittelbar in einen Krieg mit der NATO hineinzuziehen könnte. Sollte sie mit militärischen Operationen auf der Krim oder im Donbass beginnen und Russland würde darauf militärisch antworten, wären auf Grund ihrer Beistandsverpflichtung die Mitgliedstaaten der NATO gezwungen, der Ukraine zu Hilfe zu kommen. Russland befände sich dann in einem Krieg mit der NATO.

   Ein de jure Eintritt der Ukraine stellt aber für Russland noch eine weitere Bedrohung dar. Die Gefahr eines Überraschungsangriffs auf Russland würde um ein Vielfaches steigen. Nicht nur würden Radaraufklärungsanlagen in der Ukraine es der NATO ermöglichen, den russischen Luftraum bis zum Ural streng zu kontrollieren. Auf dem ukrainischen Territorium wären dann luft-, see- und landgestützte hyperschallschnelle Atomraketen stationiert, die so gut wie ohne Vorwarnzeit Luft- und Raketenabwehrstellungen, Kommandozentren, Infrastruktur und natürlich die Kernwaffen im gesamten europäischen Teil Russlands vernichten könnten. Ballistische Raketen aus dem Raum Charkow würden Moskau in sieben bis acht Minuten, Hyperschallraketen in fünf Minuten erreichen. Wenn aber die Vorwarnzeit für einen Enthauptungsschlag gegen Moskau nur noch fünf Minuten beträgt, dann hat Russland das Messer an der Kehle, dann haben die USA Russland endgültig die Fähigkeit zu einem wirksamen Gegenschlag genommen und die Option für den „Enthauptungsschlag“ erlangt, von dem US-Strategen nicht nur träumen. Ihre Planungsdokumente sehen die Möglichkeit eines sogenannten Präventivschlags ausdrücklich vor.