Der neue Fatalismus. Krieg in der Ukraine – Von Reinhard Lauterbach (junge Welt)

https://www.jungewelt.de/artikel/418767.der-neue-fatalismus.html

Wenn ein einflussreiches Blatt wie die Süddeutsche Zeitung mit der Schlagzeile »Ein Krieg wird wahrscheinlicher« aufmacht (Sonnabendausgabe), dann spiegelt das die psychologischen Veränderungen wider. Die wachsende Wahrscheinlichkeit eines Krieges hinzuschreiben wie eine Wettervorhersage, das trägt implizit die Aussage, dass dieser Krieg so unausweichlich sei wie ein Starkregen. Nun soll an dieser Stelle nicht behauptet werden, die Bundesrepublik könne einen Krieg um die Ukraine im Alleingang verhindern, aber sie will es wohl auch nicht mehr. Es ist, als hätten sich die maßgeblichen Politiker und ihre journalistischen Sprachrohre mit dieser Perspektive schon abgefunden.

Auch was inzwischen über US-amerikanische Pläne zur »Eindämmung« einer eventuellen russischen Invasion in der Ukraine durchsickert, fügt sich in diese Logik. Wenn die USA davon reden, Russland »ein neues Afghanistan« in der Ukraine zu bereiten, besagt das einerseits, dass sich Washington nicht in der Lage sieht und auch nicht vorhat, einen solchen eventuellen Angriff zu verhindern. Wenn bzw. da die USA nicht bereit sind, auf die von Russland verlangten Sicherheitsgarantien – im Namen »westlicher Prinzipien« und so weiter – einzugehen, dann heißt das, dass sie einen solchen Krieg billigend in Kauf nehmen würden. Denn für die USA wäre das risikolos: Kleingruppen ukrainischer Partisanen sollen ausgebildet werden, um eine russisch eroberte Ukraine unregierbar zu machen – unter anderen Vorzeichen würde hier jeder von Förderung des Terrorismus reden. Osteuropäische NATO-Staaten seien als logistisches Hinterland dieser Kräfte vorgesehen, zitierte am Montag die polnische Rzeczpos­polita einen Bericht der New York Times. Das heißt, Washington zöge die Fäden, sterben würden andere. Vor allem Ukrainer, in deren Land ein Bürgerkrieg entfacht und eine entsprechende Antiterroroperation Russlands provoziert werden würde.

Ein Abgrund von Zynismus, aber nichts Neues. Das historische Beispiel Afghanistan ist lehrreich. Die Idee des ehemaligen US-Präsidentenberaters Zbigniew Brzezinski, der UdSSR »ihr Vietnam« in dem zentralasiatischen Land zu bereiten, indem durch die Destabilisierung einer mit Moskau verbündeten Regierung in Kabul ein Bündnisfall herbeiprovoziert wurde, war Monate vor der Intervention der Sowjetunion unter dem Eindruck der Destabilisierung entstanden. Was über 40 Jahre Dauerkrieg in Afghanistan angerichtet haben, muss man hier nicht ausführen. Wenn das Land schon die Folie ist, liegt da die Hypothese so fern, dass abermals mit Provokationen agiert werden soll?

Seit Wochen gibt es Meldungen über eine angeblich im Donbass vorbereitete False-flag-Aktion mit Chemikalien. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig solcher Pläne. Das Szenario ist aus Syrien bekannt. Und es ist beileibe nicht an den Haaren herbeigezogen.

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