Schlimmstes verhindern – Von Jörg Kronauer (junge Welt)

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Eins ist klar: Echte Entspannung zwischen den USA und China ist eine Illusion. Der Konflikt zwischen den beiden Mächten ist einer von historischen Dimensionen. Die Vereinigten Staaten, Nummer eins in der Weltpolitik, sind im Abstieg begriffen, suchen ihre überkommene Führungsstellung aber mit allen Mitteln zu verteidigen. Die Volksrepublik wiederum setzt ihren rasanten Aufstieg fort, dabei einen Status anstrebend, den China in der Weltgeschichte immer wieder innehatte: eine der global führenden Mächte zu sein, die ihrer riesigen Bevölkerung Wohlstand bieten kann. Am grünen Tisch sind die Widersprüche zwischen den jeweiligen Zielen kaum aufzulösen; der transpazifische Machtkampf wird – unter den gegebenen Verhältnissen – praktisch ausgetragen werden müssen. Die große Frage ist, mit welchen Mitteln das geschieht.

Für die Hoffnung, wenigstens die Eskalation des Machtkampfs zum Weltkrieg verhindern zu können, hat das gestrige Gespräch zwischen den Präsidenten beider Länder die Tür einen Spalt weit offengelassen: Nicht nur Xi Jinping, auch Joseph Biden war um politische »Leitplanken« bemüht, die helfen könnten, das Schlimmste zu verhindern. Man darf sich nichts vormachen: Für Washington laufen die Dinge zur Zeit nicht rund. Der Wirtschaftskrieg, den es gegen die Volksrepublik führt, schadet der eigenen Industrie. Zudem warnen US-Militärs, man habe die Fähigkeit, einen Krieg gegen China zuverlässig zu gewinnen, zumindest vorläufig verloren. In dieser Lage ist taktisches Bemühen, eine Eskalation zu vermeiden, für Washington vorteilhaft. Ob es Bestand haben wird, daran mag man Zweifel haben.

Unabhängig davon hat China mit dem Treffen einen Erfolg erzielt. Als sich vor acht Monaten die Außenminister beider Länder in Anchorage trafen, hatte Washington unmittelbar davor eine neue Sanktionssalve gezündet, US-Außenminister Antony Blinken eröffnete die Gespräche mit heftigen Attacken. Die chinesische Seite musste mit einem ungewöhnlich scharfen öffentlichen Wortgefecht reagieren, um ihr Gesicht zu wahren. Vor dem gestrigen Treffen stellte die Biden-Administration Erleichterungen im Strafzollkrieg in Aussicht. Der US-Präsident verzichtete auf Beleidigungen und demonstrative Belehrungen. Beijing ist es gelungen, das demonstrative Machtgehabe der absteigenden Nummer eins zu bremsen und sich einem Verhältnis auf Augenhöhe mit Washington zu nähern. Auch das kann sich, sollten die USA Auftrieb verspüren, jederzeit wieder ändern. Ein Lichtblick ist es aus chinesischer Perspektive aber schon.