Weshalb heute so viele westliche Marxisten China nicht verstehen – von Andreas Wehr


Das Unverständnis bzw. die Geringschätzung für die Kämpfe im globalen Süden durchziehen die gesamte Geistesgeschichte des „westlichen Marxismus“. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts schien es so, als habe der „westliche Marxismus“ seine Lektion gelernt, indem er den antikolonialen und antiimperialistischen Befreiungsbewegungen endlich jenen Stellenwert einräumte, den sie verdienen. Es war die Zeit der Solidarität mit der Revolution in Kuba und mit dem Kampf des vietnamesischen Volkes um seine Befreiung. Später kam die Unterstützung der Sandinisten in Nikaragua hinzu.

Doch die Liaison des „westlichen Marxismus“ mit den sich real vollziehenden Kämpfen der Dritten Welt um ihre antikoloniale und nationale Befreiung hielt nur wenige Jahre. Nach den dort errungenen Siegen erlahmte im Westen das Interesse an ihnen. Als sich diese Länder „den Mühen der Ebenen“ (Bertolt Brecht) gegenübersahen, sie daran gehen mussten, den ökonomischen Aufbau ihrer vom Krieg verwüsteten Länder in Angriff zu nehmen, zogen sich viele westliche Linke desinteressiert zurück. Nicht wenige von ihnen entwickelten sogar eine tiefe Feindseligkeit ihnen gegenüber, entsprachen diese doch nicht mehr ihren hehren Idealen. So wandten sich schließlich viele frühere Exponenten des „Westlichen Marxismus“ dem Liberalismus, der alten und neuen „Religion des Westens: ex Occidente lux et salus!“, zu. Die sich weiterhin als auf dem Weg zum Sozialismus verstehenden Staaten China, Vietnam und Kuba werden hingegen als autoritäre staatskapitalistische Länder gebrandmarkt.

In seinem Buch „Der westliche Marxismus – wie er entstand, verschied und auferstehen könnte“ stellt Domenico Losurdo dar, warum es so kam. Er vermerkt, dass Georg Lukács in seinem umfangreichen Jugendtext „Geschichte und Klassenbewusstsein“ von 1923 der kolonialen und nationalen Frage keine Zeile widmet. Losurdo verweist auf die auf Ernst Bloch zurückgehende „Religion des Westens“: Auf einer christlich-jüdischen Tradition aufbauend werden darin „messianische Motive“ und die Erwartung eines Kommunismus mit „neuen Menschen“ beschworen. Auf diese Weise sollen jegliche Konflikte und Widersprüche verschwinden und das „Ende der Geschichte“ erreicht werden. In der Frankfurter Schule wurde dieses messianische Denken mit einer vernichtenden Kritik jeglichen zivilisatorischen Fortschritts verknüpft.

Losurdo empfiehlt der verbliebenen westlichen Linken ein für alle Mal mit diesem Mystizismus zu brechen und China und die anderen nichtkapitalistischen Länder endlich als das anzusehen, was sie sind: Gesellschaften im langen Übergang zu einer anderen Gesellschaftsordnung. Es sind Staaten, die – so unzureichend ihre bisherigen Erfolge auch immer sein mögen – täglich hart darum kämpfen ihre Bevölkerungen aus Armut und westlicher Abhängigkeit herauszuführen. Erst wenn dies gelungen ist öffnen sich für sie und die Welt neue, sozialistische Perspektiven.

Nach einer Rezension in den Marxistischen Blättern vom März 2021 habe ich jetzt auch in der Juni-Ausgabe der „Zeitschrift Marxistische Erneuerung Z.“ das Buch von Domenico Losurdo besprochen.

Passt gut auf Euch auf und bleibt gesund!
Andreas Wehr

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https://www.andreas-wehr.eu/der-westliche-marxismus-2.html