Querdenken – Ein Leserbrief von Victor Grossman

Der Streit um Nasentücher, der Berlin Zehntausende von Besuchern bescherte – wohl nicht gerade die von Hoteliers und Gastronomen erwünschte Sorte – scheint mir so unnütz und abwegig zu sein wie der Streit über Kopftücher. Gewiss, der Beweggrund für die meisten gutwilligen besorgten Teilnehmer ist das Tuch und die wegen Corona eingesetzte Restriktionen. Ich mag sie auch nicht und lese auch Argumente, dass die ganze Pandemie übertrieben, erfunden wenn nicht gar schädlich sei und gegen die Freiheit gerichtet. Ich bin kein Arzt und kann es nicht beurteilen. Doch fällt es mir schwer zu glauben, dass Ärzte und Experte von China bis Kuba, von Südkorea bis Spanien alle einig sind, durch Nasentücher und andere Maßnahmen unsere Freiheit zu nehmen. Und wenn auch, ich bin bereit, um womöglich andere zu schützen, die Unbequemlichkeit zu dulden.

Was will denn sonst Querdenken 77, und was will Oberster Querdenker Michael Ballweg? Wer ist der Mann, der eine feste Bewegung aufbauen will, Neuwahlen schon im Oktober fordert und nun andeutet, dass er Oberbürgermeister von Stuttgart werden möchte.

Sein Programm? „Querdenken heißt für mich Eigenverantwortung, Selbstbestimmung, Liebe, Freiheit, Frieden und Wahrheit“, erklärte er am Samstag. Ein bisschen CDU, ein Quantum Linkes. War das immer sein Programm? Als Kleinunternehmer bot er eine elektronische Möglichkeit an, welche Firmenchefs „alle Einsatz- und Fahrtzeiten der Mitarbeiter ….fortlaufend erfasst und dem Einsatzleiter bei Schichtende übersichtlich dargestellt. Während der Einsätze kann sich der Leiter die genauen Standorte aller Mitarbeiter dank GPS-Ortung in Echtzeit auf einer Karte anzeigen lassen.“ … „Das spart Zeit, Nerven und letztlich auch Geld“. Geld wohl für die Firma, gewiss. Aber Nerven der Arbeitende? Und Selbstbestimmung, Liebe, Freiheit?“ Bei Krupp-Thyssen und Bosch ist er allerdings durchgefallen. Also mal Querdenken versuchen?

Gewiss, die AfDler und allerlei Neo-Faschisten mit ihren Reichsbannern sind eine Minderheit der Besuchermengen. Sie werden aber nicht nur geduldet. „…während Ballweg die Frage, ob er sich politisch links oder rechts verorte ‚Was ist denn das für eine Frage?‘“ antwortet und alle Teilnehmer willkommen heißt. Es entsteht die Frage, ob diese neue „unpolitische“ Bewegung, ohne echtes Programm doch anscheinend reichlich finanziert, nicht ein Versuch sei, wegen der inzwischen stagnierenden AfD-Zahlen doch eine zweite Kraft sein soll, um Deutschland bei der drohenden Wirtschaftsmisere statt etwa links nach rechts zu bewegen. Einige Ereignisse am Wochenende erinnerten allzu sehr an fast vergessenen Episoden im 20. Jahrhundert.

Victor Grossman

Karl-Marx-Allee, Berlin

https://victorgrossmansberlinbulletin.wordpress.com

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