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Kommentare zur Erklärung der Berliner Universitätsklinik Charité über den Zustand des russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny (Sputniknews)

https://de.sputniknews.com/politik/20200824327785481-russland-deutschland-nawalny/
25.8.2020
Russische Ärzte übergaben Nawalnys MRT-Scans an die Berliner Charité
Boris Teplych, der Leiter der Anästhesiologie des Omsker Krankenhauses, in dem der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny vor seiner Ankunft in Deutschland behandelt wurde, hat gegenüber Sputnik die Erklärung der Berliner Universitätsklinik Charité zu Nawalny kommentiert.

Der Charité zufolge weisen die klinischen Befunde auf eine „Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer“ hin. Die konkrete Substanz sei bislang nicht bekannt. Eine weitere breitgefächerte Analytik sei initiiert worden. Laut Teplych betrachteten die russischen Ärzte im Fall Nawalny die Version einer möglichen Vergiftung, darunter mit Cholinesterase-Hemmern, hätten jedoch keinen Beleg dafür gefunden. „Ich habe bisher im Statement von den Kollegen aus der Charité nichts Neues gehört. (…) Sie sprechen von den klinischen Daten und nicht vom Stoff selbst. Diesen haben weder wir noch offenbar zurzeit auch sie gefunden.“ Nach Angaben der Charité-Ärzte wird dem Patienten Atropin verabreichert. Dieses Präparat bekam Nawalny dem russischen Arzt zufolge auch in Omsk bereits in den ersten Minuten der Behandlung.

In einem separaten Kommentar gegenüber russischen Medien sagte der führende Experte des russischen Gesundheitsministeriums im Bereich Anästhesiologie und Reanimation, Igor Moltschanow, dass Nawalny bei seinem Transport aus Omsk nach Berlin mit Medikamenten behandelt werden konnte, die ein für eine Cholinesterase-Hemmer-Vergiftung typisches klinisches Bild ergeben könnten.

Der stellvertretende Chefarzt des Omsker Krankenhauses, wo Nawalny behandelt wurde, Anatolij Kalinitschenko, versprach, dass man untersuchen werde, ob „wir einen Fehler begangen haben oder das Labor. Oder ob das alles nur Desinformation ist”.

Weiterer Kommentar zum Charité-Statement
Als Nawalny ins Omsker Krankenhaus gebracht worden sei, habe beim Patienten nicht das klinische Bild bestanden, das für eine Vergiftung mit einem Cholinesterase-Hemmer charakteristisch sei, hieß es von der Omsker Gesundheitsbehörde.
Der Politiker sei für ein breites Spektrum synthetischer Stoffe getestet worden, darunter auch der Inhibitoren. Das Ergebnis sei negativ gewesen.

Zusammenarbeit russischer und deutscher Ärzte
Dem russischen Gesundheitsministeriums zufolge übergaben die Ärzte des Krankenhauses in Omsk seine MRT-Scans an Charité-Kollegen und bekamen von der deutschen Klinik einen Brief mit einem Ausdruck der Dankbarkeit für die Zusammenarbeit.
Das Omsker Krankenhaus erklärte sich bereit, neben den Ergebnissen der Magnetresonanztomographie (MRT) auch weitere Informationen mitzuteilen, so dass die deutschen Fachleute die vollständige Anamnese des Patienten erfahren würden. Laut der Behörde handelt es sich sowohl um Ergebnisse weiterer Labortests, denen der Politiker unterzogen wurde, als auch um biologische Materialien.

https://de.sputniknews.com/politik/20200824327786014-cholinesterasehemmer-nawalny/
25.8.2020
Nawalny vergiftet – und Punkt? Wofür Cholinesterase-Hemmer aus Charité-Statement stehen: Experte
Von Andreas Peter, Liudmila Kotlyarova

Nach Ansicht des Ärzteteams der Berliner Charité, das den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny behandelt, gibt es Anzeichen für eine Vergiftung mit einem Stoff aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterasehemmer. Diese Information hilft allerdings nur bedingt weiter bei der Beantwortung der drängendsten Fragen.
Die Pressemitteilung der Charité lautete: „Die klinischen Befunde weisen auf eine Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin.“

Vereinfacht ausgedrückt sind Cholinesterase-Hemmer Stoffe, die den Abbau von Acetylcholin behindern, einem der wichtigsten Botenstoffe für das menschliche Gehirn, für dessen Abbau Esterase, ein fettspaltendes Enzym, benötigt wird – deshalb Cholinesterase-Hemmer. Bei der Recherche wird schnell klar, dass diese Wirkstoffgruppe ganz grundsätzlich auf das Nervensystem einwirkt. Acetylcholinesterase-Hemmer finden sich in Insektenbekämpfungsmitteln, in Rattengift, in chemischen Kampfstoffen, aber auch in Medikamenten zur Alzheimer-Behandlung. Das „Ärzteblatt“ weist in einem Artikel aus dem Jahr 2016 auf diese therapeutische Anwendung von Cholinesterase-Hemmern hin.

Cholinesterase-Hemmer vor allem in Insektiziden
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) verweist hingegen vor allem auf die Verwendung von Cholinesterase-Hemmern in Insektenschutzmitteln. Auf der Internetseite des BfR finden sich eine Reihe von Stellungnahmen zur Wirkungsweise in Mitteln wie Methamidophos, Ethephon oder Fenamiphos. Das Suffix „-phos“ in den Namen deutet auf sogenannte Phosphorsäureester hin, ebenfalls für Toxikologen ein Hinweis auf Cholinesterase-Hemmer und zwar wegen der Verwendung in Kampfstoffen. wozu wir noch kommen.

Für eine genaue Analyse und Bewertung ist es aber erforderlich, das Gift genau benennen zu können, die Nennung der Wirkstoffgruppe alleine reicht dafür nicht aus. Das ist auch die Ansicht der Gesellschaft für Toxikologie (GT). Ein Experte der GT, der vorerst nicht namentlich genannt werden möchte, verweist in einem Gespräch mit Sputnik Deutschland auf die grundsätzliche Wirkungsweise von Cholinesterase-Hemmern als Nervengift, weil diese Stoffe die Reizweiterleitung in den Nerven sabotieren oder unterbinden.

Cholinesterase-Hemmer auch in Medikamenten
Theoretisch sei auch eine Fehlmedikation nicht auszuschließen, räumt der GT-Experte ein, weil Cholinesterase-Hemmer auch in Medikamenten zur Behandlung von Demenz oder Alzheimer, aber auch von Myasthenie, also Muskelschwäche, oder allgemein in sogenannten Parasympathomimetika zum Einsatz kommen. Der Parasympathikus ist ein Schlüsselelement des vegetativen Nervensystems und steuert viele innere Organe bzw. den Blutkreislauf. Bekannte Medikamente mit Cholinesterase-Hemmern sind „Neostigmin“ oder „Rivastigmin“. Die eher seltenen Anwendungen von Cholinesterase-Hemmern als Gegengifte für Pfeilgifte wie das berühmte Curare können aber im Fall Nawalny wohl vernachlässigt werden. 

Cholinesterase-Hemmer auch Bestandteil von chemischen Kampfstoffen
Der GT-Experte betont dagegen, wie das BfR, dass die weitaus häufigere Anwendung von Cholinesterase-Hemmern heute in Insektenvernichtungsmitteln, aber auch in chemischen Kampfstoffen stattfinde, wie etwa im Insektizid „Parathion“ oder im sicherlich bekannten Kampfstoff „Sarin“. In dem Zusammenhang gibt der GT-Experte bezüglich der Nachweisbarkeit von Nervengiften vorsichtig zu bedenken, ohne werten zu wollen: „Das hängt sehr von der Substanz ab, und es kann nach vier Tagen schon sehr schwer bis unmöglich sein, es nachzuweisen. Es kann aber auch noch gut nachweisbar sein, das hängt wirklich ganz von der Substanz ab.“