75 Jahre Hiroshima Gedenktag, Berlin, 6. August 1945 / 2020 Brandenburger Tor

von Ana Barbara v. Keitz

Berlin, den 6. August 1945 / 2020

Wir erinnern hier, heute am 6. August 2020, in Berlin am Brandenburger Tor, an die weltweit ersten Zündungen von zwei URAN-Atombomben durch Piloten der US-Airforce.

URAN?
Warum URAN?
Im Mythos leitet sich Uran ab von griechisch ouranos – der „Himmel“.
Urania, auch griechisch, bedeutet die „Himmlische“. Ihr Beiname war Aphrodite und Aphrodite ist identisch mit der griechischen Liebesgöttin…
1789 entdeckte Martin Heinrich Klaproth ein „seltsames“* Element. Er nannte es URAN.
1896 entdeckte Henri Becquerel daß URAN radioaktiv ist.
1938 gelang dem Chemiker Otto Hahn in Berlin die Spaltung des URAN durch Beschuß des URAN-Kerns mit Neutronen. Die Physikerin Lise Meitner leistete die Interpretation dieser Sensation …

Unsere Erinnerung heute ist eine Wiederholung der „Erinnerung an die Atombombenzündungen über Hiroshima und Nagasaki in Japan“ durch die „Friedensinitiative Kreuzberg“ in Berlin Kreuzberg am 6. August 1982.
(Auch dies zur Erinnerung: 1983 wurde in der Kreuzberger Bezirksverordnetenversammlung von der SPD und der AL beschlossen, Berlin-Kreuzberg zu einer atomwaffenfreien Zone zu erklären. Dieser Beschluß hat bis heute Gültigkeit.!)

Am 6. August 1945 befand sich der US-Präsident Harry S. Truman zusammen mit den zwei anderen Siegermächten – Josef Stalin, der Generalsekretär der KPdSU und Winston Churchill, Außenminister von England – in der sogenannten „Potsdamer Konferenz“, um über die Behandlung des besiegten deutschen Volkes für die Zeit nach dem II. Weltkrieg zu verhandeln.
An diesem Tag gab Harry S. Truman in seiner Villa in Potsdam die Befehle für die Zündungen der Atombomben über Hiroshima, drei Tage später, am 9. August, über Nagasaki.

Die wenigen Fotografien, die Sie hier sehen, aufgenommen kurz nach den Bombenangriffen, zeigen Tod, das zugefügte Leid und die Zerstörung –

Welche Lehren zogen die US-Amerikanerinnen aus der Zündung dieser beiden Uranatombomben angesichts dieses nicht beschreibbaren Leides und dieser Zerstörung?

Die US-Regierung hatte während ihrer 5-jährigen Besatzungszeit Japans strengste Geheimhaltung über die Auswirkungen der Atombomben in Japan, sogar weltweit, angeordnet. Erst nach Abzug der US-Besatzungstruppen durfte der erste Bildbericht in einer japanischen Zeitung erscheinen. Der Roman über dieses Verbrechen „Schwarzer Regen“ von Masuji Ibuse durfte erst 1968 in einer zensierten Fassung in englischer Sprache in Tokio erscheinen.
1954 zündete das US-Militär auf dem Bikini-Atoll eine Wasserstoffbombe. Ein japanisches Fischerboot geriet in den von weither getriebenen Regen von radioaktiver Asche. Die Fischer erkrankten alle. Sie zeigten ähnliche Symptome wie viele der Überlebenden in Hiroshima und Nagasaki. Die Hibakusha, – das ist der Name für diejenigen, die die Atombombenangriffe – meist schwer verletzt überlebten – die von diesem Ereignis durch Presse und Rundfunk erfuhren, verstanden nun – 9 Jahre später – die bisher unerklärlichen Symptome ihrer Krankheiten.

„… Nur wenige Wochen nach der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki durch US-Atombomben, wurde in den USA beschlossen, das Atombombenarsenal mit Langstreckenbombern auszubauen.

Im November 1945 entstand der erste Geheimplan mit dem Titel „Atombombenziel Sowjetunion“ Darin wurden den Sowjets Angriffspläne auf den Westen unterstellt, obwohl man in Washington genau wußte, daß die Sowjetunion als Gemeinwesen grundlegend ge- und zerstört war: sie hatte den Tod von 27 Millionen Menschen zu beklagen, dazu Verluste an allen Gütern zum Leben –
In diesem Geheimplan wurden zunächst 20 sowjetische Zentren ins Visier genommen. Es folgten 11 weitere geheime US-Atomkriegspläne, die eine Fließbandproduktion von Atombomben, Bombern, später Raketen und Marschflugkörpern in Gang setzten… Aus anfangs 20 Zielen in der Sowjetunion wurden bis 1959 20.000 Ziele…“
„… Auch die DDR wurde von den USA atomar bedroht: laut Planungspapier des Strategischen US-Luftkommandos aus dem Jahr 1956 sollten 258 DDR-Städte mit US-Atombomben angegriffen werden – allein für den Berliner Raum waren 100 Atombomben vorgesehen …“**

Welche Appelle und Verbote, Demonstrationen und Proteste zur Abschaffung von URAN-Atombomben hat es bisher gegeben?
Vom Stockholmer Appell im März 1950 – unterschrieben von 500 Millionen Menschen – 4/5tel davon in den Warschauer Vertragsstaaten – bis zu dem Vertrag über das Verbot von Kernwaffen der Vereinten Nationen im Juli 2017, der von 122 Nationen mit JA, von 1 Nation mit NEIN und von 1 Nation mit ENTHALTUNG abgestimmt wurde. Die offiziellen und de facto Atommächte und die NATO-Staaten mit Ausnahme der Niederlande nahmen nicht an den Verhandlungen teil.

Wir alle haben “Glück:“ Es ist bisher bei der Zündung von zwei URAN-Atombomben auf von Menschen bewohnte Orte geblieben!
Dieses „Glück“ ist nicht vollständig: was leider bis heute in allen Forderungen zum Verbot von Atomwaffen nicht enthalten ist, das ist URAN-Munition.
Das reine URAN ist nicht waffentauglich, d.h. URAN-235 und URAN-238 müssen getrennt- das URAN-235 „abgereichert“ werden – damit wird URAN-238 zu Abfall.

Dieser „Abfall“ ist härter als Blei, fällt leider in großen Mengen an, dazu als störender Abfall, weil radioaktiv, aber „billig“, eben Abfall.
URAN-238 eignet sich hervorragend für eine Munition, die Panzer- und Betonwände durchdringt. Damit werden die „Abfall“-Berge kleiner, die Fürsorge der Erzeuger dafür geringer, also günstig. Das alles im Sinne der Militärs und Rüstungshersteller, doch überhaupt nicht im Sinne der Menschen und Tiere.
URAN-238 hat eine Halbwertzeit von 4,5 Milliarden Jahren.
URAN-Munition wurde bisher in Mengen von mindestens 2.000 t Tonnen eingesetzt:
von den USA und Grossbrtannien
von den USA unter der Schirmherrschaft der NATO:
in den Jahren zwischen 1991 und 2003 im Irak, Italien, Sardinien, Serbien, Kosovo, Montenegro, Bosnien-Herzegovina, Jordanien, Syrien, Afghanistan –

Es gibt Auswege aus der Bedrohung durch Atomwaffen- und Munition und zwar auf der Grundlage des Stockholmer Appells von 1950 bis zu dem Atomwaffenverbotsvertrags der VEREINTEN NATIONEN in New York im Juli 2017 zusammen mit den vielen anderen internationalen Appellen, Aufrufen und Mahnungen in den Jahren dazwischen und bis heute.
Ich möchte hier besonders aus dem Atomwaffenverbotsvertrag die Artikel 6 und 7 – kurz zitiert –hervorheben, denn sie sind neu:
„Die Unterzeichnerstaaten leisten:
Hilfe für die Opfer von Atomwaffeneinsätzen oder –tests;
unterschiedslose medizinische Versorgung, Rehabitilation und psychologische Unterstützung;
Sorge für soziale und wirtschaftliche Inklusion;
die Sanierung der kontaminierten Gebiete.“******

Und ich füge hinzu:
Alle Verantwortlichen für diese mit URAN-Bomben und – Munition geführten Kriege sind verpflichtet, zu den betroffenen Völkern zu fahren und in die Gesichter derer zu schauen, die diese Angriffe überlebt haben.

Zum Abschluß möchte ich noch etwas sagen. Es geht um den Mißbrauch und die Gewalt, die unseren Sprachen angetan wird.

Die Mitteilung über die „gelungene“ Zündung der Bombe über Hiroshima hatte den Code : „…the child is born…“, „das Kind ist geboren“
Der Code für die erste Bombe über Hiroshima lautete „Little Boy“, „ein kleiner Junge“
der zweite für Nagasaki „Patmann“ – pat‘ ist ein Klaps, ein Patsch, ein Klümpchen (Butter z.B.) oder ‚gerade recht, bereit …‘
Den B 52-Bomber, der die Atombombe über Hiroshima zündete, ließen die Regierenden der USA später „einsegnen“.
2001 fand der Anschlag auf das World Trade Center in Manhattan und andere Gebäude statt.

Innerhalb weniger Tage danach wurde ground zero zum Synonym für das Gelände des zerstörten World Trade Centers.
Das Oxford English Dictionary definiert ground zero als „diejenige Stelle am Boden, über der eine Bombe, insbesondere eine Atombombe, explodiert“.

Das bedeutet — die meisten Menschen in den USA erklären und fühlen sich mit der Bezeichnung GROUND ZERO als Opfer, für dessen fundamentales „in der Welt sein“ seit dem 6. und 9. August 1945 über Hiroshima und Nagasaki sie verantwortlich sind.
Im Volkspark Berlin-Friedrichshain steht ein kleiner Glockentempel. In ihm hängt eine Glocke. Diese Glocke wurde aus Münzen der damaligen 104 UN-Mitgliedsstaaten gegossen und trägt auf japanisch und deutsch die Inschrift „Frieden“. Von den 25 Friedensglocken weltweit, die von der Weltfriedensglockengesellschaft errichtet wurden, haben 12 diese besondere Legierungsart.

Die Friedensglocke von Berlin ist eine von diesen „12“ und wurde am 1. September 1989 als ein Symbol der Mahnung zum Frieden auf Wunsch der World Peace Bell Association, einer Association der UNO, der Berliner Bevölkerung übergeben.

Aus URANIA, der“ Himmlischen“ wurde URAN 235 und URAN 238, von Menschen ein „Mittel zum Krieg gegen die Schöpfung“.

Und zum Schluss ein Gedicht von Bert Brecht aus dem Jahre 1952 …..
Das Gedächtnis der Menschheit
Das Gedächtnis der Menschheit
für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.
Ihre Vorstellungsgabe für kommende
Leiden ist fast noch geringer.

Die Beschreibungen,
die der New Yorker
von den Gräueln der Atombombe erhielt,
schreckten ihn anscheinend nur wenig.
Der Hamburger ist noch umringt von den Ruinen,
und doch zögert er,
die Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben.
Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen vergessen.
Der Regen von gestern macht uns nicht nass sagen viele.

Diese Abgestumpftheit ist es,
die wir zu bekämpfen haben,
ihr äußerster Grad ist der Tod.
Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote,
wie Leute, die schon hinter sich haben,
was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.

Und doch wird nichts mich davon überzeugen,
dass es aussichtslos ist,
der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen.
Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen,
damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde!
Lasst uns die Warnungen erneuern,
und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind!
Denn der Menschheit drohen Kriege,
gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind,
und sie werden kommen ohne jeden Zweifel,
wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
nicht die Hände zerschlagen werden.


* Zitat Martin-Heinrich Klaproth
*** Lühr Henken, Rede am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Tiergarten am 8. Mai 2020
**** Hannah Arendt, „Über das Böse – eine Vorlesung zu Fragen der Ethik“, 1965
***** Lühr Henken „Zur Explosion deutscher Militärausgaben …“, 2020
****** Daniel Rietiker & Manfred Mohr, „Vertrag über das Verbot von Kernwaffen“, 2018
** Horst-Eberhard Richter, „Gefangen im eigenen Haß“, Freitag 42, 10.10.2003
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