Die Theorie vom „ukrainischen Holocaust“, ihre Urheber und ihre deutschen Unterstützer (RT Deutsch)

Das Narrativ, dem zufolge Stalin die ukrainische Nation mit Hunger als „Mordwaffe“ ausmerzen wollte, wurde im Kalten Krieg zu Propagandazwecken entwickelt. Nun läuft in Deutschland eine Kampagne für die Akzeptanz dieser Theorie an – mit ominösen Triebkräften.

von Wladislaw Sankin, 28.06.2020

„Wir sind keine Auftragswissenschaftler“, versichert der Vorredner Prof. Dr. Guido Hausmann von der Universität Regensburg zu Beginn der Konferenz mit Bezug auf einen durchaus denkbaren Lobbyismus-Vorwurf gegen ihn und seine Kollegen. Hausmann ist Mitglied der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission und sollte den Impulsvortrag bei dem Online-Gespräch „Deutschland und der Holodomor“ des den Grünen nahestehenden Thinktanks „Zentrum Liberale Moderne“ (LibMod) am 23. Juni halten.

Die bekannte grüne Polit-Rentnerin Marieluise Beck, der Osteuropasprecher und ihr Nachfolger im Deutschen Bundestag Manuel Sarrazin, der CDU-Abgeordnete Arnold Vaatz, zwei ukrainische Rada-Abgeordnete und ein weiterer Historiker nehmen daran teil. Mit der Diskussion wollen sie die Debatte um die Anerkennung der Hungersnot in der Ukrainischen SSR in den Jahren 1932/33 als Genozid an der ukrainischen Nation in Schwung bringen.
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Auszug:
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In Reaktion auf diese Kampagne gab Russland viele Geheimakte in den Archiven frei und intensivierte die eigene Forschungsarbeit über den Hunger in der Sowjetunion. „Dank unserer Bemühungen hat es dann trotz des massiven politisch motivierten Drucks keine juristische Einstufung der Hungerkrise als Genozid auf der Ebene der internationalen Organisationen gegeben“, sagt der russische Historiker Wiktor Kondraschin. Eine solche Einstufung wäre sehr schade, denn die ethnisch-national motivierte Genozid-Theorie sei schlicht unwahr und amoralisch.

Kondraschin ist der führende russische Spezialist für die russische und sowjetische Agrargeschichte des 20. Jahrhunderts. Er ist Autor Hunderter Publikationen und Herausgeber der von 2011 bis 2013 erschienen mehrbändigen Quellensammlung zur Hungersnot in der Sowjetunion. Besonders wertvoll ist die geheime Behördenkommunikation, vor allem die Beschreibungen der Lage durch den Inlandsgeheimdienst und die Verordnungen aus Moskau. Es gibt keinen einzigen Beweis für eine von Kreml absichtlich erwirkte Hungersnot, so der Historiker in vielen seiner Interviews. Die Zahl der Toten in der Ukraine und in der restlichen Sowjetunion sei ungefähr gleich: Derzeit gehe man von insgesamt etwa fünf bis sechs Millionen Opfer aus. Die Ursache für die Krise sei sehr komplex und auf mehrere politische Faktoren und verhängnisvolle Fehlentscheidungen zurückzuführen – auch wenn die Staatsmacht bei der Kollektivierung und der Eintreibung der Ernteabgaben äußerst gewaltsame und zynische Methoden gegen die Bauernschaft angewandt habe.

„Die Geschichte kennt keine schmerzlosen Fälle des Zerfalls der Bauernzivilisation unter dem Druck der industriellen. Aber in der UdSSR war dieser Prozess besonders dramatisch und mit harten Folgen für das Schicksal von Millionen von sowjetischen Bauern in allen Ecken des Landes“, sagte Kondraschin in einem Sputnik-Interview.

Auch auf der Ebene der Logik sei die Genozid-Theorie falsch: Für die Industrialisierung brauchte die Sowjetunion Millionen arbeitender Hände sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, auch um die rasch wachsende Arbeiterschaft zu ernähren. Außerdem war der Getreideexport mit Ausnahme der Hungerjahre die wichtigste Devisenquelle für den Einkauf von Maschinen. Die agrarisch geprägte Ukraine baute Stalin zu einer stark industrialisierten Vorzeigeregion auf. In diesem Kontext wird oft die Verfügung Stalins zitiert, die er mitten in der Krise erließ. „(Es ist nötig), sich das Ziel zu setzen, die Ukraine in kürzester Zeit in eine echte Festung der UdSSR, in eine wahre Vorbild-Republik zu verwandeln. Kein Geld darf dafür gescheut werden.“

Kondraschin ist weltweit angesehen, seine Arbeiten erscheinen in vielen Sprachen. Seine ukrainischen und ausländischen Opponenten kennt er persönlich. „Sie sind keine schlechten Menschen, oft sind sie nur schlecht informiert“, sagt er in einer Vorlesung. Auch einer der US-Väter der „ukrainischen“ Genozid-Theorie James Mace habe ihm nach der Lektüre eines seiner Bücher geschrieben, dass er nicht gewusst habe, dass der Hunger auch auf dem Territorium der Russischen SFSR wütete. Kondraschin lässt in seinen Artikelsammlungen auch ukrainische Autoren zu Wort kommen, Angst vor ihrer Argumentation hat er nicht. „Der Großteil der seriösen Forscher unterstützt sie nicht“, sagt er.

„Russische Wissenschaftler beweisen mit ihrer Offenheit für Debatten hohe wissenschaftliche Standards“, schreibt der schwedische Historiker Lennart Samuelsonin einem Artikel. Darin fasst er seine Eindrücke von einem internationalen runden Tisch der Russischen Akademie der Wissenschaften zum Thema Hungersnot zusammen. Samuelson scheint zu Kondraschins Thesen zu tendieren, wenn er auf die Monografie der australischen Agrarhistoriker RobertDavies und Stephen Wheatcroft „Die Jahre des Hungers“ (2004) hinweist. Deren Schlussfolgerung ist, dass „die sowjetische Führung mit einer Hungerkrise zu kämpfen hatte, die durch ihre verfehlte Politik verursacht worden war, aber unerwartet und unerwünscht war“.

Kondraschin betont, dass die Hungersnot eine große gemeinsame Tragödie aller Einwohner der Sowjetunion war. Das Gedenken an die Verstorbenen soll einen und nicht spalten und aufhetzen, ein „Tanz auf Gräbern“ sei inakzeptabel. Die Teilnehmer der Online-Konferenz „Deutschland und der Holodomor“ kennen Kondraschin und seine Thesen. Die Frage ist allerdings, ob sie ihn und seine russischen Kollegen zu den von ihnen angekündigten Diskussionen zu diesem Thema nach Deutschland einladen.

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