Als im Frühjahr 2020 feststand, dass das Coronavirus sich Europa und Nordamerika eingefangen hatte, änderte sich die Tonlage merklich: Selbst diejenigen Entscheidungsträger, die über längere Zeit versucht hatten, die Epidemie auszusitzen oder wegzuerklären, als sie sich längst zur Pandemie ausgewachsen hatte, gaben sich nunmehr von dem Virus überrumpelt und taten so, als hätte ihnen dummerweise niemand verraten, dass das 21. Jahrhundert völlig ungeahnte Überraschungen auf Lager hat. Man sei nicht rechtzeitig gewarnt worden, hieß es nun, hinterher, von manchen, die vorher alles besser wussten.
Dass es sich bei solchen rhetorischen Wendemanövern derjenigen Kreise, die sich für gewöhnlich als „gut informiert“ ausgeben und dies auch sein sollten, möglicherweise nur um Versuche handelte, die von ihnen zu verantwortenden akuten Versäumnisse im Zuge der nun chronisch gewordenen Epidemie zu kaschieren, wurde in etwa zu derselben Zeit deutlich: Bereits Mitte spätestens Ende November 2019, so verschiedene internationale Medienberichte im April 2020, könnten westliche Nachrichtendienste auf die Verbreitung des neuen Coronavirus in der chinesischen Großstadt Wuhan aufmerksam geworden sein.
Laut eines Berichtes des israelischen Fernsehsenders Channel 12 hätten amerikanische Geheimdienste in der zweiten Novemberwoche ein Exposé über den Ausbruch einer neuen Krankheit in Wuhan verfasst, das an die U.S.-Regierung, an israelische Regierungsstellen und sogar an die NATO weitergeleitet worden sei. Laut separaten Recherchen des amerikanischen Fernsehsenders ABC hätten amerikanische Nachrichtendienste bereits im November 2019 auf den Ausbruch in Wuhan hingewiesen und danach sukzessive zahlreiche Regierungsstellen und Entscheidungsträger zu warnen versucht (Warnten US-Geheimdienste schon Anfang November vor einer Epidemie in Wuhan?).
Ein offenes Geheimnis
Doch selbst ohne das Vorhandensein geheimer Nachrichtenberichte war die Informationslage wesentlich besser, als sie später, im Zuge des Pandemierevisionismus, dem es um Relativierung systematischer Versäumnisse mittels Schuldzuweisungen an andere ging, reinterpretiert wurde. Die Behauptung, Informationen über den Ausbruch des Virus und das Ausmaß der von ihm verursachten Epidemie hätten sich nur langsam verbreitet, hält keiner kritischen Überprüfung statt. Selbst auf der Basis öffentlich zugänglicher Informationen verdichtete sich schnell ein Bild, das bei kompetenten Beobachtern große Besorgnis und prompte Reaktionen hätte auslösen müssen – und bei etlichen auch ausgelöst hat.
Hier weiterlesen: https://www.heise.de/tp/features/Auf-der-Suche-nach-der-verlorenen-Inkubationszeit-4708862.html?seite=all