Dr. Hans Coppi | Offener Brief an den Berliner Bürgermeister | „Deshalb möchten wir den Berliner Senat auffordern, den 8. Mai 2021 als gesetzlichen Gedenk- und Feiertag zu wiederholen“

Berliner VVN-BdA e. V. · Magdalenenstr. 19 · 10365 Berlin
Der Regierende Bürgermeister von Berlin
Senatskanzlei
Jüdenstr. 1
10178 Berlin

 

 

Sehr geehrter Herr Müller,
in unserer Vereinigung sind inzwischen hochbetagte Verfolgte des Naziregimes und auch zahlreiche Nachkommen organisiert, deren Vorfahren seit 1933 in vielfältiger Weise Widerstand leisteten oder sich ins Exil retten mussten. Viele von ihnen wurden als Gegner des Naziregimes, als Juden, Asoziale, Polen, Sinti und Roma verfolgt, ermordet oder Opfer stalinistischer Repressionen.

Vor diesem Hintergrund gehört der Tag der Befreiung zu den Schwerpunkten unserer erinnerungspolitischen Arbeit. Seit 1990 erinnern wir am 8. Mai jeden Jahres in Gedenkveranstaltungen an sowjetischen Ehrenmalen und weiteren Gedenkorten in ganz Berlin an die Befreiung Berlins und an das Ende des blutigsten aller Kriege. Gemeinsam gedenken wir unter Teilnahme von Vertretern der Botschaft der Russischen Föderation und der Belorussischen Botschaft, der Bezirksämter, von Gewerkschaften, Schulen und Parteien der sowjetischen und polnischen Befreier Berlins.

Seit 2006 begehen wir am 9. Mai im Eingangsbereich des Treptower Ehrenmals mit vielen Besuchern den Tag des Sieges, der auch heute noch in vielen Ländern gefeiert wird. Unter dem Leitgedanken „Solidarität statt Nationalismus“ und dem Motto „Wer nicht feiert, hat verloren“ findet die auf Deutsch und Russisch moderierte Veranstaltung große Resonanz, auch unter vielen jungen Leuten. Auf der Bühne wechseln Musik und Gespräche mit Zeitzeugen, die in Streitkräften der Antihitlerkoalition, in polnischen Armeeeinheiten und in Partisanenverbänden zum Sieg über den Faschismus beigetragen hatten.

Aufgrund der Corona-Epidemie kann der 8. Mai 2020 leider nicht– wie vom Senat und Abgeordnetenhaus beschlossen– als gesetzlicher Feiertag mit einem öffentlichen Gedenken und umfangreichen Kulturprogramm stattfinden. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Deshalb möchten wir den Berliner Senat auffordern, den 8. Mai 2021 als gesetzlichen Gedenk- und Feiertag zu wiederholen. Wegen der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen ruft die Berliner VVN-BdA auf, in diesem Jahr in kleinen Gruppen Ehren- und Denkmale für die sowjetischen und polnischen Befreier aufzusuchen und dort Blumen niederzulegen.

 

Esther Bejarano, Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen und der Bundesverband der VVN-BdA wenden sich in einer Petition an den Bundespräsidenten, die Bundeskanzlerin, den Bundestagspräsidenten und Bundesratspräsidenten. Wir setzen uns dafür ein, den 8.Mai in Deutschland als gesetzlichen Gedenk- und Feiertag zu begehen und damit dauerhaft im gesellschaftlichen Gedächtnis zu verankern. Berlin könnte – wie bereits 2015 und 2020 – mit gutem Beispiel vorangehen.

Wir freuen uns sehr, dass die vor vier Wochen gestartete Petition eine große Unterstützung gefunden hat. Wir werden am heutigen Nachmittag den Vizepräsidentinnen des Deutschen Bundestages Claudia Roth und Petra Pau sowie den Bundestagsabgeordneten Canan Bayram, Cansel Kiziltepe  und Thomas Oppermann vor dem Reichstag über 108.000 Unterschriften mit der Bitte übergeben, sie bei dem Petitionsausschuss des Bundestages einzureichen.

 

Für heute verbleibe ich mit solidarischen Grüßen wünsche Ihnen alles Gute und bleiben Sie gesund!

 

Ihr

Dr. Hans Coppi, Ehrenvorsitzender der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V

Berlin, den 7. Mai 2020

http://berlin.vvn-bda.de