#Corona: Leserbrief zu Wolfgang Wodarg auf den NachDenkSeiten

Lieber Herr Müller,
ich danke Ihnen für Ihre Mühen, immer auch andere Stimmen zu Wort kommen zu lassen.

Der Artikel von Herrn Wodarg ist jedoch ein schwieriger Fall. Sein Gewicht bei der Bewertung der gegenwärtigen Situation tendiert bei mir gegen Null. Ich will erläutern, warum das so ist.

Warum schreibt Herr Wodarg diesen Artikel? Meine Kenntnisse in Medizin sind beschränkt, die eines Laien. Also frage ich: Will er den Menschen helfen? Seine Mediziner-Kollegen auf Fehler hinweisen, um Menschen zu helfen? Würde er das wollen, publizierte er nicht bei den Nachdenkseiten, Telepolis etc.! Eine medizinische Fachzeitschrift wäre da eher sinnvoll. Dort wird dieser Tage schnell publiziert insbesondere, wenn es um SARS-CoV2 und Covid-19 geht. Das passiert innerhalb von Tagen. (In meinem Fachgebiet dauert es eher Monate!) Oft wir schon während des Prüfprozesses durch Spezialisten des Faches online veröffentlicht. Dieser sogenannte peer review-Prozess ist nicht perfekt, aber weitgehend praktiziert und mehr oder weniger akzeptiert. Ein Wissenschaftler legt selbst auch durchaus Wert auf eine solche Prüfung. Er hat immer Zweifel: Ist mir ein Fehler unterlaufen? Habe ich etwas nicht bedacht?

Herr Wodarg geht nicht diesen Weg. Er wendet sich an ein Laienpublikum, das den fachlichen Inhalt seiner Ausführungen bestenfalls zum Teil, meist gar nicht bewerten kann. (Gesunder Menschenverstand genügt dabei ganz sicher nicht.) Wie schätzen Sie dieses Vorgehen ein?

Ich habe noch einen weiteren Punkt. Mit Medizin kenne ich mich wie gesagt nicht aus. Ich arbeite seit mehr als 30 Jahren als Chemiker in der Forschung. In dieser Zeit hatte ich mehrfach Gelegenheit, mit forschenden Medizinern zusammenzuarbeiten. Von durchweg allen habe ich eine hohe Meinung von ihrer wissenschaftlichen Kompetenz. Sie kennen ihr Fachgebiet und einiges darum herum sehr genau. Von praktizierenden Ärzten kann ich Derartiges nicht behaupten. Ich könnte es verstehen, wenn Herr Wodarg seinen niedergelassenen Kollegen Anleitung liefert. Diese haben allerdings kaum etwas mit der Behandlung schwerer Covid-19-Fälle zu tun. Es sind die Krankenhäuser und oft auch die Universitätskliniken. Auch wenn ich meine oben geäußerten Erfahrung nicht verallgemeinern kann, so ist die Beschuldigung, viele der dortigen Mediziner würden mit ihrer Behandlung den Patienten eher schaden, sehr schwerwiegend und sollte mit soliden Daten den Fachkollegen – nicht den Laien! – präsentiert werden.

Nach meinen Erfahrungen gehe ich davon aus, dass an der Charite und ähnlichen Einrichtungen, aber auch am Robert-Koch-Institut fähige Wissenschaftler arbeiten. Da mag man über die Chefs denken, was man will. Sie haben noch andere Aufgaben. Aber die eigentliche Arbeit machen nicht die Drostens und Wielers! Ein Gutteil der Expertise liegt nicht bei denen, sondern bei den Mitarbeitern. Dass sie mit Unterstützung der Gates-Stiftung und der Industrie arbeiten, liegt nicht an ihnen. Es ist die Ökonomisierung der Wissenschaft, die in den letzte 20+ Jahren durchgesetzt wurde und die Finanzierung der Universitäten ausgedünnt hat. Herr Wodarg war von 1994 bis 2009 im Bundestag. Wie stand er zur Schrödersche Agenda-Politik? Das ist der unmittelbare Ursprung, dieser und vieler weitere Problem, die heute sichtbar werden. Aber das wissen Sie, lieber Herr Müller, viel besser als ich.

Mit freundlichem Gruß
Dr. Andreas Holländer

Alle Leserbriefe zu Wolfgang Wodarg auf den NachDenkSeiten hier:
https://www.nachdenkseiten.de/?p=60794