Venezuela-Beitrag im ARD-Nachtprogramm am 2.5.2020 – von Gerhard Mertschenk

Sehr geehrte Frau Mellmann,

angesichts Ihrer Berichterstattung über Venezuela, die ich am 02. Mai 2020 um 00:20 im ARD-Nachtprogramm hörte, fließt diese Formel „sehr geehrte“ sehr schwer aus meiner Feder.

Im besagten Beitrag erwähnen Sie die schwierige Situation im Gesundheitswesen, die auch durch die USA-Sanktionen mitverursacht werden. Sie vergessen zu erwähnen, dass diese Sanktionen gegen jegliches Völkerrecht verstoßen.

Sie führen weiter aus, dass es wegen der maroden Produktionsanlagen auf dem Erdölsektor zu Benzinmangel mit schlimmen Folgen kommt. Sie vergessen zu erwähnen, dass die USA sich seit 20 Jahren weigern, Ersatzteile für diese Produktionsanlagen zu liefern, die mit US-Technologie ausgestattet sind. Auch der Mangel an Fachleuten auf diesem Gebiet, verursacht durch Abwanderungen, trage zur gegenwärtigen Situation bei. Sie vergessen zu erwähnen, dass es genau diese Abwanderungen aufgrund von Unzufriedenheit mit den verschlechterten Lebensbedingungen sind, die die USA mit ihren Sanktionen erreichen wollen. Sie sollten mal die Überlegungen dazu von Lester D. Mallory, damaliger stellvertretender US-Außenminister, lesen, was er damals für die USA-Politik gegenüber Kuba empfahl: „Kuba müssen Geld und Lieferung verweigert werden, damit die Reallöhne sinken mit dem Ziel, Hunger, Verzweiflung und den Sturz der Regierung hervorzurufen.“ Dasselbe Rezept wird jetzt gegen Venezuela angewendet. Ein ganzes Volk wird in Geiselhaft genommen, um eine USA-genehme Regierung zu installieren.

Sie vergessen zu erwähnen, dass in Honduras Juan Orlando Hernández unter Verfassungsbruch sich wiederwählen ließ und dort die Menschenrechte massiv verletzt werden, ohne dass deshalb die USA Sanktionen gegen Honduras verhängen. Sie vergessen zu fragen, warum dieser doppelte Moralmaßstab angelegt wird.

Sie führten in Ihrem Beitrag weiterhin aus, dass in Venezuela nur noch Corona-Infizierte in Krankenhäuser aufgenommen werden, weil die Kapazitäten nicht ausreichen. Sie vergessen zu erwähnen, dass Tausende von Venezolanern aus Peru, Ecuador und Kolumbien nach Venezuela zurückkehren, weil sie in den genannten Ländern keinerlei Behandlung erfahren und wie der letzte Dreck behandelt werden. Für Sie waren diese Leute nur interessant, als sie Venezuela verließen. Sie vergessen zu erwähnen, dass Venezuela die meisten Corona-Tests pro Kopf in Lateinamerika durchgeführt und immer noch mehr Testgeräte für Labors als z.B. Kolumbien hat, sogar Kolumbien angeboten hat, zwei Testgeräte zu schenken, was Präsident Iván Duque allerdings ablehnte.

Sie erwähnten Plünderungen aufgrund der angespannten Versorgungslage in Venezuela. Sie vergessen zu erwähnen, dass es in Kolumbien und anderen Ländern zu ähnlichen Vorfällen kam.

Allein schon diese wenigen Beispiele zeigen, wie einseitig und tendenziös Ihre Berichterstattung ist. Kein Wort davon, dass UNO-Generalsekretär Guterres dazu aufgefordert hat, zumindest während der Corona-Pandemie einseitige Sanktionen gegen andere Länder aufzuheben, um den Kampf gegen diese Pandemie international effektiv führen zu können. Trump hält trotzdem an seiner Sanktionspolitik fest. Da Sie das offensichtlich gutheißen und auf Trumps Seite stehen, denn in Ihrem Beitrag klingt nicht die leiseste Kritik an der US-Politik gegenüber Venezuela an, vermute ich, dass Sie auch Trumps Ratschläge für den Kampf gegen Corona befolgen und sich als ergebene Trump-Anhängerin mit Desinfektionsmittel impfen lassen, um gegen Corona gefeit zu sein.

Ich verstehe nicht, warum Sie mit einer derartigen einseitigen Berichterstattung Ihre eigene Glaubwürdigkeit und die der ARD-Anstalten untergraben. Glücklicherweise gibt es noch andere Nachrichtenkanäle, um Ihrer Einseitigkeit und USA-Hörigkeit zu entkommen und diese als solche zu entlarven.
Mit kritischen Grüßen

Gerhard Mertschenk