Andrej Hunko über die Rückkehr des heiligen Kueka-Steins aus Berlin nach Venezuela

ah1ah2ah5

Oma Kueka kehrt zurück

Vor genau einem Jahr war ich elf Tage in Venezuela, um mir ein Bild der Situation von dem Land zu machen, dem Trump kurz zuvor faktisch den Krieg erklärt hat. Auf dem Programm standen rund 30 Gesprächstermine, mit Regierung und Opposition, mit Maduro und Guaidó, mit humanitären Organisationen, sozialen Bewegungen, allen Parlamentsparteien, Menschenrechtsorganisationen und kritischen Intellektuellen. Die Reise habe ich ausführlich hier dokumentiert: https://www.andrej-hunko.de/…/1370-bericht-venezuela-reise-… Deutsche Qualitätsmedien hatten im Tonfall der Schnappatmung ausschließlich über das Treffen im Präsidentenpalast mit Maduro berichtet, übrigens ohne mich jemals nach dem Inhalt des Gesprächs oder irgendeines der anderen Gespräche zu fragen.

Am Ende der Reise hatte ich die Gelegenheit das indigene Volk der Pemóns https://de.wikipedia.org/wiki/Pemón zu besuchen, in der Gran Sabana, im äußersten Südosten Venezuelas. Und zwar in derjenigen Gemeinde, Santa Cruz de Mapaurí, in deren Nähe vor über 20 Jahren, kurz bevor Chavez erstmals zum Präsidenten gewählt wurde, ein 35 Tonnen schwerer Stein von einem deutschen Künstler abtransportiert wurde. Was Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld damals wohl nicht wusste: Der Kueka-Stein hat für die Pemóns der Region eine große mythische Bedeutung. 20 Jahre lang protestierten sie gegen diese Entwendung, zunächst in Caracas, später sogar in Berlin, wo der Stein lange im Rahmen eines Kunstprojekts im Tiergarten stand. Chavez griff diese Proteste seinerzeit auf, es gab einen langjährigen diplomatischen Streit zwischen Deutschland und Venezuela. https://amerika21.de/tag/piedra-kueka

Als ich vor einem Jahr Santa Cruz de Mapaurí – als erster deutscher Politiker (vor einigen Jahren war auch ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts dort) – besuchte, organisierte die Dorfgemeinde eine Art Ratschlag mit ca. 100 Personen (geleitet und penibel protokolliert übrigens von den Frauen), auf der sie mir ausführlich die Bedeutung des Stein und die Geschichte der Auseinandersetzung darstellten. Am nächsten Morgen zeigten sie mir die Stelle, wo Kueka stand (Fotos). Nach ihrer Vorstellung ist der entwendete Stein die Großmutter, während ein gleichgroßer noch dort befindlicher Stein den Großvater darstellt. Dieser sei nun tief traurig, durch die Entwendung von Kueka sei die Natur aus dem Gleichgewicht geraten, mit der Folge etwa von Unwettern und Missernten. Ich versprach mich für die Rückführung von Kueka einzusetzen, sagte aber dazu, dass ich nicht weiß, ob es gelingt.

Unmittelbar nach meiner Rückkehr sprach ich mit dem zuständigen Vertreter vom Auswärtigen Amt über die Geschichte. Man sagte mir, Deutschland sei zur Rückgabe bereit, allerdings stünden dem die Urheberrechte des Künstlers entgegen. Dieser stellte allerdings überzogene Forderungen, die Venezuela nicht erfüllen konnte. Ich weiß nicht, ob man sich hinter dem Künstler versteckte, wies aber darauf hin, dass Venezuela mutmaßlich einen möglichen Prozess bei der UNESCO gewinnen würde. Hinzu kam, dass der deutsche Botschafter in diesen Tagen ausgewiesen war und eine Lösung des Kueka-Streits sicher als Geste des guten Willens angesehen würde. Was genau in der Folgezeit zwischen der venezolanischen und deutschen Regierung und dem Künstler ausgehandelt wurde, weiß ich nicht, jedenfalls gab es bald nach der Rückkehr des deutschen Botschafters ein Treffen mit den Pemóns und im Januar wurde der Stein aus dem Tiergarten abtransportiert. https://www.tagesspiegel.de/…/aufregung-um-sk…/25523650.html

Heute ist Oma Kueka im Hafen von Guanta, im Bundesstaat Anzoategui, angekommen, von wo sie jetzt nach Santa Cruz de Mapaurí transportiert wird. http://mppre.gob.ve/…/kueka-sacred-stone-of-pemon-indigeno…/? Dass es drei Monate gedauert hat, bis Kueka in Venezuela eingetroffen ist, könnte auch an den US-Sanktionen liegen, die jeglichen Wirtschaftsverkehr unendlich schwierig machen und die trotz Aufforderung der UNO angesichts der Corona-Krise immer noch nicht aufgehoben sind, ja, jüngst sogar verschärft wurden.

Man mag angesichts der gigantischen Probleme in Venezuela, den Sanktionen und Drohungen, der Wirtschaftskrise, der Korruption, der Corona-Krise, die Rückkehr von Kueka für ein unbedeutendes Detail halten. Ich finde aber, dass es ein wichtiges Symbol ist – auch um den Menschen, die seit 20 Jahren für die Repatriierung Kuekas kämpfen ein Stück weit die Würde zurück gegeben wurde, die seinerzeit mit dem kolonialen Gestus der Entnahme ohne die ansässige Bevölkerung zu fragen, verletzt wurde. Jedenfalls freue ich mich das es geklappt hat, dass ich vielleicht ein klein bisschen dazu beitragen konnte und bedanke mich auch bei denjenigen in der Bundesregierung, die das möglich gemacht haben.

In der fernen post-Corona-Zukunft werde ich sicher noch mal hinfahren, um mit den Pemóns die Rückkehr gebührend zu feiern.