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Die Corona-Krise wird zur Spaltung genutzt. Trotz vieler Aufrufe zu helfen, verlieren jetzt vor allem jene, die schon vorher unten waren: Alleinerziehende, auf die Tafeln Angewiesene, Geringverdiener, Kurzarbeiter, Wohnungslose und viele mehr. Wird ihnen die gebotene Solidarität verweigert, werden sie nach der Krise noch ärmer sein, wird die Klassenspaltung vertieft.
Die Corona-Krise wird aber auch dafür genutzt, einen Keil zwischen die Generationen zu treiben. Alten Menschen wird ihre besondere Gefährdung zum Vorwurf gemacht. Es heißt, die notwendige Rücksicht auf sie belaste die jüngeren Generationen und lasse am Ende die Wirtschaft kollabieren. Auf Rubikon und auf KenFM fordert der Autor Sven Böttcher in dem Artikel „Die Pseudo-Krise“ sogar die Verweigerung medizinischer Hilfe für die ganz Alten. Rainer Rupp sieht darin nichts anderes als einen „Aufruf zur Euthanasie, ein Aufruf zur Vernichtung unwerten Lebens, das für die Volksgemeinschaft zu keinen produktiven Zwecken mehr ausgenutzt werden kann.“
Andere fordern, dass ältere Menschen sich jetzt selbst isolieren, sich „wegsperren“. Dies verlangt etwa der frühere Fraktionsvorsitzende der Partei DIE LINKE im Landtag von Niedersachsen, Manfred Sohn, heute Mitglied der DKP. In meinem Artikel „Geld oder Leben“ kritisiere ich diese zynische, die Gesellschaft spaltende Forderung.
Der Vorwurf gegenüber den Alten, dem Glück der Jüngeren im Wege zu stehen, ist leider nicht neu. Bereits die Bewegung „Fridays for Future“ warf ihnen vor, den nachwachsenden Generationen „die Zukunft zu stehlen“, ganz so als wären die sozial oft schlecht gestellten Alten und nicht der Kapitalismus verantwortlich für den Raubbau an der Natur. Schon lange wird von den Neoliberalen eine angeblich nicht mehr zu finanzierende „Rentenlast“ beklagt. Verlangt wird die Kürzung der Renten. Entsprechendes gilt für die medizinische Versorgung der Senioren. Immer mehr Leistungen, etwa bei der Krebsvorsorge, werden ihnen mit Blick auf das fortgeschrittene Alter verweigert. Ihr vorzeitiges Ableben wird dabei kühl einkalkuliert. Die Devise lautet stets: Für alle reicht es nicht!
Linke müssen diese Altersdiskriminierung bekämpfen, so wie sie die Klassenspaltung angreifen. Für sie gilt: Keiner oder alle! Erinnert sei an die Aussage des Kommunistischen Manifests: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ Die Betonung liegt dabei auf der „freien Entwicklung aller“, was heißt, dass nicht eine oder einer zurückbleiben darf. Das ist das humanistische Erbe der sozialistischen Bewegung. Die Arbeiterbewegung kennt dafür eine Losung, die heute so wichtig ist wie nie: Volkssolidarität!
Andreas Wehr
