Kritik an der Bolivien-Berichterstattung – Gerhard Mertschenk

Sehr geehrte Frau Brandau,
sehr geehrte Damen und Herren,

in Ihrer Antwort vom 13.11.2019 auf meine Anmerkungen zur Bolivien-Berichterstattung bedankten Sie sich für den Hinweis, mit Pauschalierungen – wie etwa der „internationalen Staatengemeinschaft“ – achtsam umzugehen. Offensichtlich hat sich das aber nicht bis zu Ihrer Korrespondentin Anne Kathrin Mellmann herumgesprochen. In dem am 27.1.20 ausgestrahlten Weltsichten-Beitrag ließ sie die Hörer wissen: „die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft war enorm“ (Minute 3:22). Zuvor (1:55) hatte sie verkündet, daß fast 60 Staaten den Oppositionsführer anerkannt hätten. Bisher war selbst bei inforadio immer von „mehr als 50 Staaten“ die Rede. Selbst bei 60 Staaten würde das bedeuten, daß 130 UNO-Mitgliedsstaaten, also mehr als doppelt soviele, Guaidó nicht anerkennen. Zu dieser Einschätzung von enormer Unterstützung der internationalen Gemeinschaft kann man nur kommen, wenn man sich selber für den Nabel der Welt hält und Länder wie China, Russland, Indien, Mexiko und die Bewegung der Nichtpaktgebundenen als vernachlässigbar ansieht. Ganz abgesehen davon, daß auch die UNO und ihre Unterorganisationen Maduro als rechtmäßigen Präsidenten behandeln. (Enorm ist die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft – 187 von 192 UNO-Mitgliedsstaaten – für die Aufhebung der von den USA gegen Kuba verhängten Blockade – aber darüber berichtet inforadio nicht.)

Zweimal spricht Anne Kathrin Mellmann (3:00; 4:53) von der Ernennung Guaidós zum (Interims-)Präsidenten. Er wurde nie von jemandem ernannt, sondern er hatte sich selbst zum Präsidenten ausgerufen. (Sehr geehrte Frau Brandau, Sie selber schrieben mir in Ihrer Antwort vom 07.01.20: „Jemand erklärt sich selbst zum Präsidenten„) Aber solche feinen Unterschiede interessieren Frau Mellmann offenbar nicht, so wie sie vor einiger Zeit in einem Weltsichten-Gespräch auch nicht zwischen UNASUR und MERCOSUR zu unterscheiden wusste. Aber beim Hörer soll der Eindruck erweckt werden, er sei ernannt worden, das klingt ja so rechtskonform.

Zitiert wird (4:41): Es stimmt, dass die Regierung mit Gewalt tun kann, was sie will, aber das legitimiert sie nicht. Interessant wäre es gewesen, wenn Frau Mellmann das mit Tatsachen belegt hätte, wie z.B. 3.449 Verletzte, davon fast zweitausend Schussverletzte, 1.605 Verletzungen durch Gummigeschosse, 133 Fälle von Folter und Misshandlungen durch Angehörige der Militärpolizei, mehr als 350 am Auge verletzte Demonstranten, 2 total erblindete. – Entschuldigung, das geschieht ja in Chile, wo der neoliberale Präsident Piñera öffentlich erklärt hat, sich im Krieg zu befinden. Dort kann die Regierung mit Gewalt tun, was sie will. Und sie tut es auch. Aber davon wird nicht berichtet. Dieses Anlegen von zweierlei Maß finde ich einfach nur widerlich.

Frau Mellmann erklärt den jetzigen Parlamentspräsidenten Luis Parra kurzerhand zu einem „Mann der sozialistischen Regierung“ (1:49). Das ist eine sehr eigenwillige Interpretation. Diese Darstellung ist Meinungsmanipulation. Sehr geehrte Frau Brandau, ich darf aus Ihrer Email vom 7.1.20 zum selben Thema zitieren: „Wir hätten ihn in den Nachrichten gestern mit dem Zusatz „abtrünniger Oppositionspolitiker“ bezeichnen sollen, dem Stimmenkauf für Maduro vorgeworfen wird. Oder wir hätten formulieren können, dass er als einstiger Oppositionspolitiker inzwischen Rivale von Guaido geworden ist. Das hätte für mehr Hintergrund und für mehr Klarheit gesorgt. Das ist uns leider in diesem Fall nicht gelungen. Frau Mellmann ist es zufälligerweise auch wieder nicht gelungen. Auch wenn er aus seiner Partei ausgeschlossen wurde, gehört er weiterhin zur Opposition und führt scharfe Reden gegen Maduro. Allerdings hat er erkannt, dass Guaidós fundamentale Verweigerungspolitik das Land nicht aus der Krise führt, sie im Gegenteil verschärft hat. Deshalb tritt er zusammen mit anderen Oppositionsabgeordneten für einen Dialog ein. Jedoch ist er deshalb noch lange kein „Mann der sozialistischen Regierung“. Ein Unterschied, den Frau Mellmann nicht erkennt oder nicht erkennen will. Die Opposition ist gespalten und steht nicht mehr geschlossen hinter Guaidó.Das ist der Punkt.

Bemerkenswert an dem Beitrag ist jedoch eine gewisse Distanzierung von dem bisher so hoch gelobten Guaidó: erfolglos, ohne Unterstützung der Straße (2:01), Bevölkerung fühlt sich betrogen (2:25), sucht nun nach Unterstützung im Ausland (4:54). [Wenn hierzulande ein Politiker für seine Politik Unterstützung im Ausland suchte, wäre er sofort als von Moskau-, Peking-, Castro- oder Ostberlin gesteuert hingestellt worden. Guaidó also Trump-gesteuert? Das traut sich Frau Mellmann/inforadio nicht zu sagen.] Angesichts des Scheiterns von Guaidó wird leise angedeutet, warum er scheitern wird: „Bevor die sozialistische Regierung ihnen Wohnungen zur Verfügung stellte, lebten sie in Slums (6:20). Das vergisst die Bevölkerung eben nicht, auch nicht, dass Guaidó diese Wohnungen privatisieren will.

Also eine beginnende leichte Absetzbewegung, um nicht ganz das Gesicht zu verlieren, wenn Guaidó endgültig scheitert. Viele Länder dachten, das alles viel schneller gehen würde (3:32). Frau Mellmann „vergisst“ zu erwähnen, dass auch die BRD mit SPD-Außenminister Heiko Maas so dachte. Diesen Gesichtsverlust hätten Sie sich ersparen können, wenn Sie (inforadio) von Anfang an wirklich unabhängig und nicht so regierungsunterwürfig berichtet hätten. Aber nicht alle Journalisten haben solche Zivilcourage wie ein Edward Snowden.

Ich kann nur wiederholen: Sie können Ihre Glaubwürdigkeit nur wiedererlangen, wenn wirklichkeitsgerecht und unabhängig berichtet wird, und journalistische Sorgfaltspflicht und Ethik wieder den Platz einnehmen, der ihnen zusteht.

Mit freundlichen Grüßen


Gerhard Mertschenk,
Ihr kritischer Hörer, der weiterhin andere über diese Art von Informationspolitik aufklären wird.

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