Leserbrief zum Artikel „Venezuela schadet der Linken“, in der Tageszeitung Neues Deutschland vom 30.7.2019 – von Dr. Edgar Göll, Soziologe und Zukunftsforscher

Das Interview mit den beiden Akademikern ist äußerst interessant, sagt einiges aus über deren intellektuelles Niveau. Leider werden über das Foro Sao Paulo, die Linke und Venezuela lediglich abfällige, nicht weiter analysierte Gemeinplätze zum Besten gegeben.
Das beginnt bereits mit der Eingangsfrage in der formuliert wird, der Westen versuche Präsident Maduro zu isolieren. Erstens geht es nicht um eine Person, sondern um eine Systemfrage – den „Chavismus“ und konkrete historische Umstände. Zweitens geht es dem Imperium USA nicht nur um Isolation, sondern um Putsch und Umsturz. Ein weiteres Defizit besteht darin, dass die diversen Ursachen der heutigen Probleme in Venezuela nicht erwähnt werden, ja dass sogar die Bemühungen und Erfolge linker Politik unter Chavez ignoriert werden.

Zugespitzt ist dieses Leugnen zum Ausdruck gebracht, in dem der Ökonom behauptet, manche Linken würden die Lage leider „noch durch die Brille des Kalten Krieges“ betrachten. Völlig außer Acht gelassen werden die von den USA seit 1999 in
unterschiedlichen Formen durchgeführten Einmischungen und Umsturzversuche gegen die linke Regierung, u.a. der Putschversuch 2002, die unzähligen Wirtschaftssanktionen, die Terrorakte gegen Venezuela mit Zerstörung der Stromversorgung, die verschärfte Blockade gegen das Bruderland Kuba.

Also die gesamte Genese, die Hintergründe, die geostrategische Bedeutung der Lage, das Agieren des US-Imperiums mit alten und neuen Handlungsmustern werden nicht erwähnt: diese Gemengelage ist (!) „Kalter Krieg“. Und dies auch so zu benennen, ist das Mindeste was ein Intellektueller, und eine linke Stiftung und eine linke Zeitung leisten müßten. Stattdessen werden Trumpsche Ideologeme wiederholt.
Kurzum: Nicht nachvollziehbar ist für mich, mit welchem Erkenntnisgewinn ein solches Interview ausgerechnet in als „sozialistisch“ deklarierten ND erscheinen kann, würde es doch ideologisch besser in „Die Welt“ oder Die Zeit“ passen. Denn auch dort kommen ausschließlich Systemgegner und Oppositionelle Venezuelas zu Wort, während alle anderen Stimmen und unzählige Fakten verschwiegen werden. Schockierend ist zudem, dass das Regionalbüro der Stiftung, die den Namen der Revolutionärin Rosa Luxemburg trägt, solche Akademiker unterstützt und ihnen eine Stimme gibt, damit sie die rechtmäßige linke Regierung verunglimpfen können.

Ich hoffe, die Moderatorin und ihre Stiftung sowie die ND bringen den Mumm auf, andere Stimmen zu diesem Themenkomplex zu Wort kommen zu lassen und zu unterstützen. Also für mich ist nach Lektüre dieses Interviews klar, wer der Linken wirklich schadet.

Dr. Edgar Göll, Soziologe und Zukunftsforscher

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