Die NATO: pünklich zum 50. Geburtstag – zur Erinnerung

Auf die Frage des Spiegel-Redakteurs, ob die NATO befürchte, sich zu ihrem bevorstehenden 50. Jahrestag ihrer Gründung (am 4. April 1999) „lächerlich zu machen“, antwortete der EU-Sonderbeauftragte Wolfgang Petritsch: „Ich spüre die Entschlossenheit der Nato, sie kann sich kein Zögern mehr leisten. Die letzte Drohung an die Serben bewies, dass man sich nicht länger auf rhetorische Prügel beschränken kann. Der Schaden für die Zukunft des Bündnisses wäre sonst katastrophal.“
Und so „feierte“ denn die NATO vor 20 Jahren den 50. Jahrestag ihrer Gründung mit ihrer Aggression gegen Serbien. Daran erinnert Rüdiger Göbel in seiner Chronik eines Überfalls in
 der jW am heutigen Tag:

Mit Bomben und Granaten

Zum 50. Jahrestag ihrer Gründung lässt es die NATO krachen. In Novi Sad wird die 1.312 Meter lange und fast 28 Meter breite »Freiheitsbrücke« zerstört. Fünf Jahre hat der Bau der Schrägseilbrücke gedauert, 1981, am Jahrestag der Befreiung der Stadt von den deutschen Besatzern, war sie für den Verkehr freigegeben worden. Jetzt liegt die tonnenschwere Stahlbetonkonstruktion mit sechs Fahrzeug- und zwei Fußgängerspuren tief in der Donau. Der Schiffsverkehr über den europäischen Fluss ist blockiert. Erst im Oktober 2005 wird nach zwei Jahren Bauzeit die für 40 Millionen Euro wiedererrichtete Brücke für den Verkehr freigegeben werden können.
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In Belgrad schlagen gegen ein Uhr morgens Marschflugkörper im serbischen und jugoslawischen Innenministerium ein. Das Gebäude in der Altstadt steht in Flammen.
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In Pancevo wird das erste große Umweltverbrechen dieses Krieges begangen. Die NATO greift mehrere Raffinerien an. Das auslaufende Öl brennt zwei Wochen lang. Ein Großteil der Bevölkerung von Pancevo muss wegen der hohen toxischen Belastung der Luft evakuiert werden. Eine riesige Giftgaswolke droht die nur 14 Kilometer entfernte Millionenmetropole Belgrad zu verseuchen.

Am 15. und 18. April wird das Zentrum der serbischen Chemieindustrie abermals bombardiert, noch einmal kurz vor dem Waffenstillstand am 8. Juni. Die NATO-Präzisionsbomber leisten ganze Arbeit, gezielt zerstören sie die Düngemittelfabrik, die Ölraffinerie, das PVC-Werk. Hunderte Tonnen Ammoniak und Quecksilber versickern im Boden. Noch Jahre später werden im Grundwasser giftige Chemikalien nachgewiesen. Die zulässigen Grenzwerte werden um das zigtausendfache überschritten (siehe jW-Ausgabe vom 23./24.3.2019: »Gleichsam ein Gaskrieg« von Hartmut Sommerschuh).
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In der jW-Osterausgabe 1999 erinnert Franz-Karl Hitze an den Beginn des deutschen Balkanfeldzugs: Das »Unternehmen Strafgericht«, wie der faschistische Überfall auf Jugoslawien bezeichnet wurde, begann am 6. April 1941, 5.15 Uhr. Es war brutal und kaltblütig kalkulierter Staatsterrorismus. An nur einem Tag legen 440 Tonnen Brand- und Splitterbomben große Teile Belgrads in Schutt und Asche. Autor Hitze berichtet auch, wie Deutsche gemeinsam mit Titos Partisanen gegen Besatzung und Barbarei kämpfen, darunter Arno Reiche aus Beucha bei Leipzig, der in Pancevo stationiert war.
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Im Zentrum von Belgrad ist eine riesige Bühne aufgebaut. Groß im Hintergrund das Target-Logo. Die stilisierte Zielscheibe mit drei schwarzen Ringen auf weißem Grund ist zum Symbol des Widerstands geworden. Und die Bevölkerung Jugoslawiens leistet ihn, tagein, tagaus, lässt sich von den Angriffen nicht unterkriegen, macht sich Mut. Mal spielt eine Band Traditionelles, mal gibt es Turbofolk, Gedichte oder eine Aufführung junger Tanzschüler. Die NATO bombt rücksichtslos, die Belgrader rocken trotzig. Auf den Donaubrücken in der Hauptstadt finden sie sich als »menschliche Schutzschilde« ein. Jetzt erst recht. Mit einer Kultur des Friedens stellt sich das kleine Balkanland seiner Zerstörung und der Abschaffung des Völkerrechts entgegen.

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