Journalistisches Marionettentheater Unverfroren demonstriert ARD-aktuell mit ihren Venezuela-Berichten Ignoranz gegenüber dem Völkerrecht. (Rubikon)

Friedhelm Klinkhammer, Volker Bräutigam

Gegenpäpste hat die Geschichte reihenweise hervorgebracht. Gegenkaiser auch. In der Neuzeit ist man davon abgekommen. Heutzutage darf ein Volk sich seine Führer selbst wählen — vorausgesetzt, die Kandidaten wurden vom jeweiligen Geldadel für geeignet befunden. Dass es dabei mal zu Meinungsverschiedenheiten kommt, war zu erwarten. Wozu wären denn sonst, beispielsweise, unsere ARD-aktuell-Qualitätsjournalisten nütze? Die mussten schließlich helfen, einen Gegen-Präsidenten herbeizuquasseln. Okay, es ist vollbracht. Natürlich nicht hier bei uns, sondern in Europas lateinamerikanischen Kolonien (1). Genauer: in Venezuela. Bald wird es mit Nicaragua weitergehen (2), und Kuba kommt garantiert auch noch dran.

Inzwischen kann die Tagesschau schon mal richtig loslegen. Und zwar so: Der „international anerkannte Übergangspräsident“ Guaidó. Die Formel löst in typischer ARD-aktuell-Manier ein kleines Problem: Das Wort „international“ verdeckt nämlich elegant, dass eine beträchtliche Mehrheit der Völkergemeinschaft den Quisling Guaidó als Produkt aus dem US-Geheimdienstlabor für völkerrechtswidrigen regime change betrachtet (3) und weit davon entfernt ist, ihn formell anzuerkennen. Nicht mal die EU-Mehrheit hat sich bis dato dazu bereit gefunden, auch wenn ARD-aktuell das ständig zu soufflieren versuchte.

Binnen kurzem wird die Tagesschau ganz unauffällig für Guaidó den Dauertitel „Interimspräsident“ verwenden. Das klingt vornehm und ist nicht so umständlich wie „international anerkannter Übergangspräsident“, und viele Zuschauer wissen eh nicht so genau, was das eigentlich heißen soll. Wetten?

So, lieber Nachbar, nach diesem kleinen Schlenker können wir uns kurz deinem Parteigenossen Heiko Maas widmen. Für manche Leute ist er der größte Außenminister aller Zeiten, für Normalos — noch rechnen wir auch dich dazu — der größt-anzunehmende Unfall der deutschen Diplomatie.

Tja, da stehste als Soozi machtlos vis-à-vis, gelle? Aber komm erst mal rein, nimm vor der Wunderlampe Platz! Betrachten wir gemeinsam, wie Häuptling Große Klappe öffentlich den Abschied von seinem restlichen Kleinvorrat an politischer Logik zelebriert. Am 4. Februar 2019, nach ergebnislosem Ablauf seines großkotzigen Ultimatums gegen Präsident Maduro, tönte er wortwörtlich:
„Ich bin fest davon überzeugt, dass den (sic) internationalen Druck, den es gibt, auch insbesondere aus Europa, mit dazu beiträgt, dass es zu keiner Gewalt kommt“ (4).

Das ließ ihm die Tagesschau samt verkorkster Grammatik tatsächlich durchgehen, ohne einordnend darauf hinzuweisen, dass er nicht zuletzt mit seinem Ultimatum alle erdenklichen US-Gewaltmaßnahmen mitgemacht hatte, bis hin zur wirtschaftlichen Erpressung. Die Tagesschau verschwieg, dass er als Einpeitscher auf der europäischen Sklavengaleere eine tiefe Spaltung der Europäischen Union herbeigeführt hatte: Nicht einmal die Hälfte der EU-Mitgliedsstaaten hat seine völkerrechtswidrige Anerkennung Guaidós mitmachen wollen. Darauf kommen wir später nochmal zurück, man soll ja den Tag nicht vor dem Abend loben.
Hier zum ganzen Artikelhttps://www.rubikon.news/artikel/journalistisches-marionettentheater

Auszüge:
(…)
Darf‘s noch etwas mehr sein? Zusammen mit den USA war ihr europäischer Hampelmann, Heiko Maas, im Weltsicherheitsrat ebenfalls vor die Wand gefahren. Sogar in diesem erlauchten Kreis hatte unser Gernegroß ultimativ „unverzügliche Neuwahlen“ in Venezuela gefordert (17). Dass er dort auch zu Chinesen und Russen sprach und sein Auftritt so passend war wie der Pups im Parfümladen, scheint er nicht bemerkt zu haben. Benehmen wie die Axt am Stamm … deutsche Diplomatenkunst im Großformat.
Für entsprechende, angemessen meinungsbildende Informationen war in einer Tagesschau-Hauptausgabe natürlich wieder kein Platz. Berichte über ein Nein im UN-Sicherheitsrat, wo es doch galt, die Amtsenthebung Maduros herbei zu schwadronieren? Da sei der deutsche Qualitätsjournalismus vor.

(…)
Tatsächlich, aus Venezuela, dem Land mit dem modernen, vorbildlichen Wahlsystem, transportiert die Tagesschau den hirnrissigen Ruf nach „freien Wahlen“, macht den Präsidenten Maduro damit unausgesprochen zum Usurpator und verklärt seinen Gegner zum Freiheitshelden; einen Mann, den 81,2 Prozent der Bevölkerung bis vor wenigen Monaten noch nicht kannten. Und nicht ein einziges Mal kommt bei den Tagesschauern die Frage auf, was wohl in Deutschland geschähe, wenn sich ein erfolgloser Oppositionspolitiker nach monatelangen Geheimgesprächen in Moskau und Beijing selbst zum Kanzler erklärte, sofort von Moskau anerkannt würde und die Bundeswehr zum Sturz der Regierung aufriefe: Garantiert würde ihm Schlimmeres widerfahren als nur „Einschüchterungsabsichten“ der Polizei. Er säße umgehend wegen Hochverrats im Knast. Oder in einer Gummizelle.
(…)

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