Offener Brief an die USA: Hören Sie auf, sich in Venezuelas Innenpolitik einzumischen – von Noam Chomsky, Laura Carlsen, Miguel Tinker Salas und Greg Grandin u.v.a.m.

 

https://www.commondreams.org/views/2019/01/24/open-letter-united-states-stop-interfering-venezuelas-internal-politics?utm_campaign=shareaholic&utm_medium=twitter&utm_source=socialnetwork

Wenn die Trump-Regierung und ihre Verbündeten in Venezuela ihren rücksichtslosen Kurs fortsetzen, wird das wahrscheinlichste Ergebnis ein Blutvergießen, Chaos und Instabilität sein.

von Noam Chomsky, Laura Carlsen, Miguel Tinker Salas und Greg Grandin

Der folgende offene Brief, unterzeichnet von 70 Intellektuellen aus Lateinamerika, von Politik- und Geschichtswissenschaftler sowie von Filmemachern, Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft und anderen Experten, wurde am Donnerstag, dem 24. Januar 2018 in New York veröffentlicht. Der Brief richtet sich gegen die laufende Einmischung in Venezuela seitens der Vereinigten Staaten.

Die Regierung der USA muss aufhören, sich in die venezolanische Innenpolitik einzumischen, insbesondere mit dem Ziel die Regierung des Landes zu stürzen. Die Maßnahmen der Trump-Regierung und ihrer Verbündeten in der Hemisphäre werden die Situation in Venezuela höchstwahrscheinlich verschlimmern und zu unnötigem menschlichem Leid, Gewalt und Instabilität führen.

Die politische Polarisierung Venezuelas ist nicht neu; Das Land war lange nach Rassenzugehörigkeit und sozioökonomischen Gesichtspunkten gespalten. Die Polarisierung hat sich jedoch in den letzten Jahren verstärkt. Dies ist zum Teil auf die Unterstützung der USA für eine Oppositionsstrategie zurückzuführen, die darauf abzielt, die Regierung von Nicolás Maduro durch außenpolitische Maßnahmen zu entfernen. Während die Opposition bezüglich dieser Strategie gespalten ist, hat die US-Unterstützung die Opposition mit ihrem Ziel unterstützt, die Maduro-Regierung durch gewaltsame Proteste, einen Militärputsch oder auf andere Weise, in Umgehung einer Wahl, aus dem Amt zu drängen.

Unter der Trump-Regierung ist die aggressive Rhetorik gegen die venezolanische Regierung auf ein extremeres und bedrohlicheres Niveau angestiegen. Die Vertreter der Trump-Regierung sprachen über „Militäraktionen“ und verurteilten Venezuela zusammen mit Kuba und Nicaragua als Teil einer „Troika der Tyrannei“. „Die Probleme, die sich aus der venezolanischen Regierungspolitik ergeben, wurden durch US-amerikanische Wirtschaftssanktionen, die unter der OAS, der Organisation Amerikanischer Staaten und der Vereinten Nationen illegal waren, sowie durch US-amerikanisches Recht und andere internationale Verträge und Übereinkommen verschärft.

Die Sanktionen haben das Land von den Mitteln abgeschnitten, mit denen die venezolanische Regierung ihrer wirtschaftlichen Rezession entkommen konnte, während gleichzeitig die Ölproduktion dramatisch zurückging und sich die Wirtschaftskrise verschlimmerte. Viele Menschen starben, weil sie keinen Zugang zu lebensrettenden Medikamente haben. Unterdessen beschuldigen die USA und andere Regierungen weiterhin die venezolanische Regierung – ausschließlich für den wirtschaftlichen Schaden, auch den durch die US-Sanktionen verursachten, verantwortlich zu sein.

Jetzt haben die USA und ihre Verbündeten, darunter der Generalsekretär der OAS, Luis Almagro, und Jair Bolsonaro, den rechtsextremen Präsidenten Brasiliens, Venezuela an den Abgrund gedrängt. Durch die Anerkennung des Präsidenten der Nationalversammlung Juan Guaido als neuen „Präsidenten“ von Venezuela – was in der OAS-Charta als illegal gilt – hat die Trump-Regierung die politische Krise Venezuelas jetzt stark beschleunigt, in der Hoffnung, das venezolanische Militär zu spalten und die Bevölkerung weiter zu polarisieren. Das offensichtliche und manchmal auch erklärte Ziel ist es, einen Staatsstreich zu erzwingen.

Die Realität ist, dass Venezuela trotz Hyperinflation, Engpässen und einer tiefen Depression ein politisch polarisiertes Land bleibt. Die USA und ihre Verbündeten müssen aufhören, die Gewalt zu fördern, indem sie auf gewalttätigen, außergesetzlichen Regimewechsel drängen. Wenn die Trump-Regierung und ihre Verbündeten in Venezuela ihren rücksichtslosen Kurs fortsetzen, wird das wahrscheinlichste Ergebnis Blutvergießen, Chaos und Instabilität sein. Die USA hätten etwas aus ihren Vorhaben zum Regimewechsel im Irak, Syrien, Libyen und ihrer langen, gewaltsamen Geschichte der Regimewechsel in Lateinamerika lernen sollen.

Keine Seite in Venezuela kann die andere einfach besiegen. Das Militär hat beispielsweise mindestens 235.000 Frontline-Mitglieder und mindestens 1,6 Millionen Miliz-Angehörige. Viele dieser Menschen werden nicht nur auf der Grundlage eines in Lateinamerika weit verbreiteten Glaubens an die nationale Souveränität kämpfen – angesichts einer scheinbar us-amerikanischen Intervention -, sondern auch, um sich vor einer möglichen Repression zu schützen. Die Opposition dagegen will die Regierung mit Gewalt stürzen.

In solchen Situationen ist die einzige Lösung eine Verhandlungslösung, so wie es in den lateinamerikanischen Ländern in der Vergangenheit der Fall war, als politisch polarisierte Gesellschaften ihre Differenzen nicht durch Wahlen lösen konnten. Es gab Anstrengungen, wie zum Beispiel die des Vatikan vom Herbst 2016 mit einem gewissen Potenzial angeführten Bemühungen. Diese erhielten jedoch keine Unterstützung aus Washington und seinen Verbündeten, die ihrerseits einen Regimewechsel in Venezuela wünschten.. Diese Strategie muss sich ändern, wenn es eine Lösung für die anhaltende Krise in Venezuela geben soll.

Im Interesse des venezolanischen Volkes, der Region und des Prinzips der nationalen Souveränität sollten internationale Akteure stattdessen Verhandlungen zwischen der venezolanischen Regierung und ihren Gegnern unterstützen, die es dem Land ermöglichen, endlich aus seiner politischen und wirtschaftlichen Krise herauszukommen.

Unterzeichner:

Noam Chomsky, Professor Emeritus, MIT and Laureate Professor, University of Arizona
Laura Carlsen, Director, Americas Program, Center for International Policy
Greg Grandin, Professor of History, New York University
Miguel Tinker Salas, Professor of Latin American History and Chicano/a Latino/a Studies at Pomona College
Sujatha Fernandes, Professor of Political Economy and Sociology, University of Sydney
Steve Ellner, Associate Managing Editor of Latin American Perspectives
Alfred de Zayas, former UN Independent Expert on the Promotion of a Democratic and Equitable International Order and only UN rapporteur to have visited Venezuela in 21 years
Boots Riley, Writer/Director of Sorry to Bother You, Musician
John Pilger, Journalist & Film-Maker
Mark Weisbrot, Co-Director, Center for Economic and Policy Research
Jared Abbott, PhD Candidate, Department of Government, Harvard University
Dr. Tim Anderson, Director, Centre for Counter Hegemonic Studies
Elisabeth Armstrong, Professor of the Study of Women and Gender, Smith College
Alexander Aviña, PhD, Associate Professor of History, Arizona State University
Marc Becker, Professor of History, Truman State University
Medea Benjamin, Cofounder, CODEPINK
Phyllis Bennis, Program Director, New Internationalism, Institute for Policy Studies
Dr. Robert E. Birt, Professor of Philosophy, Bowie State University
Aviva Chomsky, Professor of History, Salem State University
James Cohen, University of Paris 3 Sorbonne Nouvelle
Guadalupe Correa-Cabrera, Associate Professor, George Mason University
Benjamin Dangl, PhD, Editor of Toward Freedom
Dr. Francisco Dominguez, Faculty of Professional and Social Sciences, Middlesex University, UK
Alex Dupuy, John E. Andrus Professor of Sociology Emeritus, Wesleyan University
Jodie Evans, Cofounder, CODEPINK
Vanessa Freije, Assistant Professor of International Studies, University of Washington
Gavin Fridell, Canada Research Chair and Associate Professor in International Development Studies, St. Mary’s University
Evelyn Gonzalez, Counselor, Montgomery College
Jeffrey L. Gould, Rudy Professor of History, Indiana University
Bret Gustafson, Associate Professor of Anthropology, Washington University in St. Louis
Peter Hallward, Professor of Philosophy, Kingston University
John L. Hammond, Professor of Sociology, CUNY
Mark Healey, Associate Professor of History, University of Connecticut
Gabriel Hetland, Assistant Professor of Latin American, Caribbean and U.S. Latino Studies, University of Albany
Forrest Hylton, Associate Professor of History, Universidad Nacional de Colombia-Medellín
Daniel James, Bernardo Mendel Chair of Latin American History
Chuck Kaufman, National Co-Coordinator, Alliance for Global Justice
Daniel Kovalik, Adjunct Professor of Law, University of Pittsburgh
Winnie Lem, Professor, International Development Studies, Trent University
Dr. Gilberto López y Rivas, Professor-Researcher, National University of Anthropology and History, Morelos, Mexico
Mary Ann Mahony, Professor of History, Central Connecticut State University
Jorge Mancini, Vice President, Foundation for Latin American Integration (FILA)
Luís Martin-Cabrera, Associate Professor of Literature and Latin American Studies, University of California San Diego
Teresa A. Meade, Florence B. Sherwood Professor of History and Culture, Union College
Frederick Mills, Professor of Philosophy, Bowie State University
Stephen Morris, Professor of Political Science and International Relations, Middle Tennessee State University
Liisa L. North, Professor Emeritus, York University
Paul Ortiz, Associate Professor of History, University of Florida
Christian Parenti, Associate Professor, Department of Economics, John Jay College CUNY
Nicole Phillips, Law Professor at the Université de la Foundation Dr. Aristide Faculté des Sciences Juridiques et Politiques and Adjunct Law Professor at the University of California Hastings College of the Law
Beatrice Pita, Lecturer, Department of Literature, University of California San Diego
Margaret Power, Professor of History, Illinois Institute of Technology
Vijay Prashad, Editor, The TriContinental
Eleanora Quijada Cervoni FHEA, Staff Education Facilitator & EFS Mentor, Centre for Higher Education, Learning & Teaching at The Australian National University
Walter Riley, Attorney and Activist
William I. Robinson, Professor of Sociology, University of California, Santa Barbara
Mary Roldan, Dorothy Epstein Professor of Latin American History, Hunter College/ CUNY Graduate Center
Karin Rosemblatt, Professor of History, University of Maryland
Emir Sader, Professor of Sociology, University of the State of Rio de Janeiro
Rosaura Sanchez, Professor of Latin American Literature and Chicano Literature, University of California, San Diego
T.M. Scruggs Jr., Professor Emeritus, University of Iowa
Victor Silverman, Professor of History, Pomona College
Brad Simpson, Associate Professor of History, University of Connecticut
Jeb Sprague, Lecturer, University of Virginia
Christy Thornton, Assistant Professor of History, Johns Hopkins University
Sinclair S. Thomson, Associate Professor of History, New York University
Steven Topik, Professor of History, University of California, Irvine
Stephen Volk, Professor of History Emeritus, Oberlin College
Kirsten Weld, John. L. Loeb Associate Professor of the Social Sciences, Department of History, Harvard University
Kevin Young, Assistant Professor of History, University of Massachusetts Amherst
Patricio Zamorano, Academic of Latin American Studies; Executive Director, InfoAmericas