Die Verbannung der Wahrheit Seymour Hersh beklagt in seinen Memoiren den Tod des Investigativjournalismus. – von Chris Hedges (Rubikon)

Seymour Hersh ist einer der renommiertesten Investigativreporter seiner Zeit: So deckte er zahlreiche Vergehen der US-Regierung und des Militärs auf, darunter das Massaker von Mỹ Lai, die Abhöraffäre um Henry Kissinger oder die Lügen über die Ermordung Bin Ladens. Doch während er Politikern, Konzernen und den eigenen Redakteuren im Kampf um die Wahrheit die Stirn bot, sah er sich immer häufiger mit einem zweifelhaften Aspekt seines Berufsstandes konfrontiert: geheimen Übereinkünften mit den Mächtigen. In seinen Memoiren beklagt Hersh, was diese Anbiederung durch die Medien bedeutet: den Tod des Investigativjournalismus.

Der Investigativreporter Seymour Hersh beschreibt in seinen Memoiren mit dem Titel „Reporter“ einen Moment, in dem er als junger Journalist zufällig mithörte, wie ein Chicagoer Polizist den Mord an einem Afroamerikaner zugab. Der ermordete Mann war von der Polizei fälschlicherweise als Verdächtiger bei einem Überfall dargestellt worden, der erschossen worden sei, als er versucht habe, seiner Verhaftung zu entgehen. In verzweifelter Hektik rief Hersh seinen Redakteur an, um zu fragen, was er tun solle.
„Der Redakteur hielt mich dazu an, nichts zu tun“, schreibt er. „Es stünde mein Wort gegen das all der beteiligten Polizisten, und sie würden mich alle der Lüge bezichtigen. Die Botschaft war klar: Ich hatte keine Story. Doch natürlich hatte ich eine.“ Er beschreibt sich selbst als „voller Verzweiflung angesichts meiner Schwäche und der Schwäche eines Berufsstandes, der mit Kompromissen und Selbstzensur so leichtfertig umging“.

Hersh, der beste Investigativreporter seiner Generation, deckte das Chemiewaffenprogramm des US-Militärs auf, das tausende Soldaten und Freiwillige, darunter Pazifisten der Siebenten-Tags-Adventisten, als menschliche Versuchskaninchen benutzte, um die Auswirkungen biologischer Agenzien wie Tularämie, Gelbfieber, Rifttalfieber und der Pest zu messen.
Er brachte die Geschichte des Massakers von Mỹ Lai ans Licht. Er enthüllte die Abhöraktion Henry Kissingers gegen seine engsten Unterstützer im Nationalen Sicherheitsrat (NSC) sowie gegen Journalisten, die Finanzierung gewalttätiger extremistischer Gruppen durch die CIA zum Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende, das Ausspionieren einheimischer Regimekritiker in den USA durch die CIA, die sadistischen Foltermethoden amerikanischer Soldaten und beauftragten Personals im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis, und die Lügen der Obama-Regierung bezüglich des Überfallkommandos, das Osama Bin Laden tötete.

Doch er beginnt seine Memoiren mit dem — jedem Reporter vertrauten — aufrichtigen Geständnis, dass es von den Mächtigen verübte Verbrechen und Ereignisse gibt, über die man nie schreibt, jedenfalls nicht, wenn man seinen Job behalten will. In seinem Buch beklagt er unter anderem seine Entscheidung, einem Bericht nicht nachzugehen, den er erhalten hatte und der Präsident Richard Nixon beschuldigte, seine Frau Pat geschlagen zu haben, sodass sie in einer Notaufnahme in Kalifornien landete.

Verfolgung der Gewissenhaften
Reporter, die gemeinsam mit Militäreinheiten in den Irak und nach Afghanistan reisen, werden regelmäßig Zeugen von Gräueltaten und oft auch von Kriegsverbrechen, die das US-Militär verübt, doch sie wissen, dass ihr Zugang von ihrem Schweigen abhängt. Diese geheime Übereinkunft zwischen der Presse und den Mächtigen ist ein grundlegender Bestandteil des Journalismus, einer, den selbst jemand so Mutiges wie Hersh zumindest ein paar Mal zu akzeptieren gezwungen war.

Und doch kommt der Moment, in dem Journalisten — jedenfalls die guten — sich entscheiden, ihre Karrieren der Wahrheit zu opfern. Hersh, der die Verbrechen des späten Imperiums unerbittlich aufzeichnete, darunter die weitverbreitete Anwendung von Folter, willkürliche Militärangriffe auf Zivilisten sowie gezielte Ermordungen, wurde aus diesem Grund praktisch auf die schwarze Liste der amerikanischen Medien gesetzt. Und der Verlust seiner Stimme — er arbeitete für die New York Times und später für den New Yorker — ist ein Beweis dafür, dass die Presse, die schon immer ihre Fehler hatte, nun durch die Macht der Unternehmen kastriert wird.

Hershs Memoiren erzählen ebenso viel von seiner bemerkenswerten Karriere wie vom Tod des Investigativjournalismus und der Verwandlung von Nachrichten in eine nationale Reality-TV-Show, die von Gerüchten, Beschimpfungen, offiziell genehmigten Narrativen und Enthüllungen sowie Unterhaltung lebt. 
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