Den neuen Kalten Krieg werden die Russen mit Diplomatie gewinnen. Der Versuch Washingtons, Putins Russland zu „isolieren“, ist gescheitert und hat das Gegenteil bewirkt – Von Prof. Stephen F. Cohen

Übersetzung Wolfgang Jung – Siehe http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP16218_241218.pdf

Von Stephen F. Cohen (emeritierter Professor für Politologie mit dem Spezialgebiet Russland)

Zum fünften Jahrestag des Beginns der Ukraine-Krise im November 2013 und des von Washington gestarteten Versuches, Russland „durch Isolierung zu bestrafen“ – mit einer Politik, die 2014 unter Obama gestartet und bis heute vor allem mit Wirtschaftssanktionen fortgesetzt wird – spricht Prof. Cohen über folgende Punkte:

  1. Im ersten Kalten Krieg mit der Sowjetunion wurde kein Versuch unternommen, den russischen Staat zu „isolieren“. Damals wurde das Ziel verfolgt, „die Sowjetunion und den gesamten Ostblock einzudämmen“ und sich in der so genannten „Dritten Welt“ mit diesem Block zu messen.
  2. Der Versuch, einen Staat von der Größe Russlands mit seiner zentralen Position in Eurasien, all seinen Ressourcen und seiner langen Geschichte als „Großmacht“ zu „isolieren“, ist überheblich und töricht. Er widerspiegelt die Unbedarftheit und Armseligkeit des außenpolitischen Denkens, das in den letzten Jahrzehnten nicht nur in der US-Regierung, sondern auch im US-Kongress und in den (westlichen) Mainstream-Medien herrscht.
  3. Realistisch betrachtet ist Russland heute keineswegs isoliert. Seit 2014 gehen von Moskau tatsächlich mehr diplomatische Aktivitäten aus als von den Hauptstädten anderer Großmächte. Russland hat seine militärischen, politischen oder wirtschaftlichen Partnerschaften mit China, dem Iran, der Türkei, Syrien, Saudi-Arabien, Indien, mehreren anderen ostasiatischen Staaten und – trotz der EU-Sanktionen – auch mit mehreren europäischen Regierungen kontinuierlich ausgebaut. Außerdem hat Moskau als Architekt und Motor drei wichtige Friedensprozesse in Gang gesetzt – in Syrien, im Streit um den Kosovo und sogar in Afghanistan. Kann diesbezüglich irgendein anderer Staatsmann im 21. Jahrhundert mit den diplomatischen Bemühungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin oder seines Außenministers Sergei Lawrow mithalten? Das können weder der ehemalige US-Präsident George W. Bush noch sein Nachfolger Obama oder die bald ausscheidende deutsche Kanzlerin Angela Merkel oder irgendeine britische oder französische Führungspersönlichkeit.
  4. Putin wird vor allem sein angeblich „schändlicher“ Nationalismus vorgeworfen. Wer das tut, hat entweder keine Ahnung oder ist ein Heuchler. Erst kürzlich hat der französische Präsident Emmanuel Macron Trumps aggressiven Nationalismus kritisiert. Macron selbst versucht sich zu Unrecht als „wiedergekehrter“ Charles de Gaulle zu verkaufen. De Gaulle war tatsächlich ein erklärter Patriot und einer der großartigsten national geprägten Führungspersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und hat das mit seinem Widerstand gegen die Nazis, mit der Gründung der Fünften Republik und mit seiner Weigerung, das französische Militär in die NATO zu integrieren auch unter Beweis gestellt. Nationalismus war (und ist) in den meisten Staaten die wichtigste politische Triebkraft – unabhängig davon, ob er sich liberal oder rechts-reaktionär gibt. Russland und die USA sind diesbezüglich keine Ausnahmen.
  5. Putins Erfolge bei der Wiederherstellung der Rolle Russlands auf globaler Ebene werden im Westen seiner „aggressiven Politik“ zugeschrieben. In Wirklichkeit hat Putin seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000 aber nur die „Philosophie der russischen Außenpolitik“ umgesetzt, die drei Ziele hat: Das erste Ziel der russischen Außenpolitik ist die Wahrungder Souveränität Russlands, die in den chaotischen 1990er Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion verlorenging. Das zweite aus dem Patriotismus und Nationalismus der Russen erwachsende Ziel ist die Erhöhung der Lebensqualität der Bürger der Russischen Föderation. Das dritte Ziel ist international ausgerichtet: Russland möchte partnerschaftliche Beziehungen zu allen Staaten, die das auch wollen. Diese „russische Philosophie“ unterscheidet sich grundlegend von der „sowjetischen“, deren Zielsetzung ideologisch geprägt war.
  6. In Anbetracht der vergeblichen Bemühungen der USA, „Russland zu isolieren“, der diplomatischen Erfolge, die Russland in jüngerer Zeit erringen konnte, und der bitteren Früchte, die Washington mit seiner lange vor Trump eingeleiteten, militarisierten und auf Regimewechsel ausgerichteten Politik geerntet hat, muss Washington endlich anfangen, von Moskau zu lernen. Die US-Regierung sollte aufhören, die russische Regierung global unter Druck setzen zu wollen. Wenn Washington das nicht tut, wird es sich international noch mehr als bisher isolieren.
%d Bloggern gefällt das: