Das US-Imperium überzieht die Welt mit Krieg. Absichtlich. Eiskalte, hartgesottene Menschen haben in einen politischen Staatsstreich die US- Außenpolitik an sich gerissen – Wesley Clark, Vier-Sterne-General a.D. der US-Army

Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=47919

Wesley Clark, Oktober 3, 2007, Commonwealth Club of California, San Francisco, Ca Courtesy od Commonwealth Club of CA – Abschrift der Übersetzung aus einem Video von Youtube.

Redaktionelle Vorbemerkung zum Vortragenden: Wesley Clark ist Vier-Sterne-General a.D. der US-Army. In 1997-2000 war er Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa (SACEUR) und befehligte in 1999 im Kosovokrieg. 2004 versuchte Wesley Clark, demokratischer Präsidentschaftskandidat zu werden.
Hier Auszüge aus seiner Rede vom 3. Oktober 2007, gefettet von den NachDenkSeiten:

„Und was am 11. September 2001 geschehen ist- da hatten wir keine (Handlungs-) Strategie dazu, wir hatten keine Einigung der beiden Parteien über die weitere Vorgehensweise, wir hatten die übereinstimmende Sicht der Amerikaner dazu nicht. Stattdessen hatten wir einen politischen Staatsstreich in diesem Land, einen Staatsstreich, einen politischen Staatsstreich. Einige eiskalte, hartgesottene Menschen haben die US- Außenpolitik an sich gerissen und sie haben sich nie die Mühe gegeben, uns darüber zu informieren.

Zehn Tage nach 9/11 war ich im Pentagon unterwegs. (Gemeint ist damit zehn Tage nach dem 11.9.2001, also ungefähr der 21. September 2001, die NDS) Ich konnte der Mutter-Armee nicht fernbleiben. Ich ging dorthin, um Donald Rumsfeld zu sehen, ich hatte für ihn im Weißen Haus in den 1970er Jahren gearbeitet, das alles habe ich in meinem Buch niedergeschrieben. Und ich habe zu ihm gesagt: „Kommen Sie zurecht mit CNN?“ und er sagte: „Ja, ja,ja, alles gut“. Er sagte dann: „Ich denke darüber nach, ich habe Ihr Buch gelesen.“ In diesem Buch wird von der Kosovo-Kampagne erzählt. Er sagte: „Ich wollte Ihnen nur sagen, niemand wird erzählen, wo oder wann wir bombardieren können, niemand.“ Er sagte dann: „Ich überlege mir, das als eine „Schwebende Koalition“ zu bezeichnen, was denken Sie dazu?“ Und ich antwortete: „Nun Sir, danke, dass Sie mein Buch gelesen haben….“ Und er sagte: „Danke, die Zeit ist um, die ich für Sie übrig habe.“ –

Wirklich, so sagte er; dann ging ich die Treppe hinunter und war dabei, das Pentagon zu verlassen und ein Offizier vom „Vereinigten Generalstab“ (Joint Chiefs of Staff) rief mich in sein Büro und sagte zu mir: „Ich möchte Ihnen sagen, Sir, wir beabsichtigen, den Irak anzugreifen.“ Und ich sagte: „Warum?“ Er sagte: „Wir wissen es nicht.“ Ich sagte: „Wollen sie Saddam in Zusammenhang mit 9/11 bringen?“ Er sagte: „Nein.“ Er sagte: „Ich schätze, sie wissen nicht, was sie mit dem Terrorismus tun sollen, aber sie können Länder angreifen und sie wollen dabei stark aussehen. Ich vermute, sie glauben, dass wenn sie ein Land runterkriegen, das wird die Terroristen einschüchtern.“ Und Sie kennen diesen alten Spruch, der besagt: „Wenn das einzige Werkzeug, das du hast, ein Hammer ist, dann muss jedes Problem zu einem Eisennagel werden.“

Dann ging ich raus, ich war ziemlich durcheinander und verstimmt, und dann haben wir Afghanistan angegriffen. Ich war ganz glücklich und erfreut darüber, wir sollten das tun.

Und dann, etwa 6 Wochen später (also Oktober/November 2001, d.Verf.) ging ich wieder zum Pentagon, ich traf dort den selben Offizier, ich sagte zu ihm: „Warum haben wir den Irak nicht angegriffen?“ Er sagte: „Wir haben vor, den Irak anzugreifen. Oh, Sir, es ist schlimmer als das.“ Und dann nahm er ein Papier von seinem Schreibtisch und sagte zu mir: „Ich habe gerade diesen Merkzettel aus dem Büro des Verteidigungsministers bekommen, und hier steht, wir werden 7 Länder angreifen und deren Regierungen innerhalb von 5 Jahren stürzen. Wir werden mit dem Irak beginnen und dann nehmen wir uns Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, den Sudan und den Iran, sieben Länder in fünf Jahren.“ Ich sagte: „Ist dieses Dokument geheim?“ Er sagte: „Ja, Sir.“ Ich sagte: „Dann zeigen Sie es mir nicht.“ Er war schon dabei es mir zu zeigen, weil ich darüber nicht sprechen wollte.

Und ich habe diese Information für lange Zeit für mich behalten. Ich habe darüber etwa 6 oder 8 Monate mit niemandem gesprochen. Ich war wie gelähmt darüber, ich konnte darüber mit niemandem sprechen. Und ich konnte nicht glauben, dass das die Wahrheit sein kann, aber es ist Wirklichkeit, das was später geschehen ist. Diese Leute haben die Kontrolle über die Politik in den Vereinigten Staaten übernommen.

Ich habe dann begriffen, ich habe mich erinnert, als ich ein Treffen in 1991 mit Paul Wolfowitz hatte. Also Sie wissen schon, er war in 2001 der stellvertretende Verteidigungsminister der USA, aber 1991 war er Staatssekretär beim Verteidigungsministerium, das ist die drittwichtigste Position im Pentagon. Und ich zu ihm, um ihn zu sehen, damals war ich noch Ein-Stern-General und befehligte das Nationale Trainingszentrum, ich habe ihn damals einmal getroffen, und er sagte zu mir: „Wenn Sie jemals in Washington sein werden, besuchen Sie mich dort.“ So als ich dann in Washington war, es war Freitag nachmittags, ich besuchte Colin Powell, er nahm sich 5 Minuten von seiner wertvollen Zeit für mich und dann ließ er mich allein. Ich habe mich im Pentagon gelangweilt, und ich habe gedacht, ich würde gern Wolfowitz sprechen. Ich habe mich bei ihm gemeldet, er war gerade zu sprechen, Lewis „Scooter“ Libby machte die Tür auf, ich lernte ihn zum ersten Mal kennen, und er brachte mich zu Paul Wolfowitz. Es ist das Jahr 1991! Und ich sagte zu Paul: „Herr Sekretär, Sie müssen sehr glücklich mit der Operation „Wüstensturm“ unserer Truppen im Irak sein.“ Und er sagte: „Ja, eigentlich schon, aber nicht ganz. Weil die Wahrheit ist, wir sollten Saddam Hussein eigentlich loswerden, das aber nicht getan haben.“ Und das war gerade nach dem Aufstand der Schiiten im März 1991, den wir provoziert haben und dann haben wir unsere Truppen zurückgehalten und haben nicht interveniert. Und er sagte: „Aber eine Sache haben wir dabei gelernt: Wir haben gelernt, dass wir unsere Truppen in der Region des Nahen Osten einsetzen können und die Sowjets werden uns nicht mehr stoppen.“ Er sagte: „Wir haben ungefähr fünf oder zehn Jahre Zeit bekommen, um all die sowjetischen Klientelregime zu beseitigen: Syrien, der Iran, der Irak,- bevor die nächste große Supermacht uns herausfordert.“ Und es war so wie… Ich kam damals aus der Mohave-Wüste, wo ich die US-Truppen trainiert habe, ich habe damals für eine Weile verlernt, geostrategisch zu denken. Und plötzlich kommt da ein Kerl und schiebt dir ein Goldstück zu! Na ja, Sie erinnern sich daran, es war ein ziemlich atemberaubendes Ding, damals. Ich meine, dass der Zweck des Militärs darin liegt, die Kriege anzufangen und die Regierungen abzusetzen, nicht Konflikte beizulegen und zu befrieden. Wir waren dabei, in Länder einzufallen und wissen Sie, mir war schwindelig von all dem. Und ich habe das zur Seite gelegt. Es ist einem Goldklumpen ähnlich gewesen, an dem man festhält.

Dieses Land wurde von einer Gruppe von Leuten durch einen politischen Staatsstreich übernommen! Das waren Wolfowitz und Cheney und Rumsfeld und man kann ein halbes Dutzend anderer Kollaboteure nennen von dem „Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert.“(=US- Denkfabrik in Washington) Sie wollten den Nahen Osten destabilisieren, ihn auf den Kopf stellen, ihn unter unsere Kontrolle bringen. Es ist auf jene Anmerkungen von 1991 (von Wolfowitz) zurückzuführen. Und jetzt, spricht irgendjemand mit ihnen darüber? Gibt es einen nationalen Dialog über dieses Thema? Standen etwa die Senatoren und Kongressabgeordnete auf und verurteilten diesen Plan? Gab es eine ausführliche amerikanische Debatte darüber? Absolut nicht! Und es gibt sie immer noch nicht! Und es ist der Grund, warum wir im Irak scheiterten, weil der Iran und Syrien Bescheid über diesen Plan wissen. Alles was sie tun müssen, ist nur „The Weekly Standard“ zu lesen und Bill Kristol zu hören. Er hat darüber für die ganze Welt ausgeplaudert. Das Gleiche gilt für Richard Perle. Sie konnten kaum abwarten, bis sie im Irak fertig sind, um gleich darauf in Syrien einzufallen. Es war wie festgeschrieben: „Oh, unsere Legionen werden dort einmarschieren!“

Das war nicht das, wofür die US-amerikanischen Menschen George Bush zum Präsidenten gewählt haben. Gut, sie haben ihn eigentlich auch nicht (mehrheitlich) gewählt, aber es war nicht das, was viele Menschen von ihm erwartet haben und was er versprochen hat. Bush hat in seinem Wahlkampf für bescheidene US-Außenpolitik geworben, doch mit ihm hatten wir die arroganteste US-Außenpolitik in der ganzen Geschichte der USA. Er versprach, auf die bisherige US-Außenpolitik der „Nationenbildung“ und „Friedensmissionen“ zu verzichten. Und hier steht er mit seinem Irak und Afghanistan. Erstaunlich.

So, also die Wurzel des Problems liegt nicht darin, wie viele Truppen wir im Irak stationieren, glauben Sie mir das bitte. Seien Sie nicht böse auf Ihre Demokratischen Kongressabgeordneten, falls Sie selbst ein Demokrat sind- weil sie die Truppen in Irak nicht reduzieren können und damit den Präsidenten frustrieren. Es ist nicht das Problem. Und wenn Sie republikanisch sind, seien Sie nicht böse auf die Demokraten, weil Sie sich wegen den vielen Truppen im Irak aufregen. Unabhängig davon, ob Sie nun ein Demokrat oder ein Republikaner sind, wenn Sie ein US-Amerikaner sind, sollten Sie um die Strategie der Vereinigten Staaten in dieser Region besorgt sein. Was ist unser Ziel dort, was sind unsere Absichten dort, warum sind wir dort, warum sterben die US-Amerikaner in dieser Region? Das ist unser Problem.“

Soweit Wesley Clark, Vier-Sterne-General a.D. der US-Army. Der Vortrag wurde am 3. Oktober 2007 beim Commonwealth Club of California in San Francisco. CA Courtesy of Commonwealth gehalten.

Wir lernen daraus:

  1. Die Kriege der USA im Nahen und Mittleren Osten sind von langer Hand geplant. Schon spätestens seit 1991. Die Planung von Krieg und Regime Change lief unbeeindruckt von der Verabredung von 1990, ein System der gemeinsamen Sicherheit in Europa aufzubauen. Jedem nachdenkenden Menschen musste klar sein, dass eine imperiale Politik im Nahen und Mittleren Osten auch für Europa negative Auswirkungen haben wird.
  2. Von 2001 stammt die Notiz aus dem Büro des US-Verteidigungsministers: „Wir werden 7 Länder angreifen und deren Regierungen innerhalb von 5 Jahren stürzen. Wir werden mit dem Irak beginnen und dann nehmen wir uns Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, den Sudan und den Iran, sieben Länder in fünf Jahren.“
  3. Antreiber in dieser Sache war eine Gruppe um Wolfowitz, Cheney und Rumsfeld. Sie wollten den Nahen Osten destabilisieren und ihn auf den Kopf stellen, ihn unter US-Kontrolle bringen.
  4. Die Politik der USA war allerdings nicht auf die genannten neokonservativen Personen beschränkt. Es ging auch bei Obama so weiter. Und Hillary Clinton liegt auf dieser Linie.
  5. Dessen ungeachtet wird in der öffentlichen Debatte und in der Politik hierzulande so getan, als wäre zum Beispiel der Syrien-Krieg die Folge der Herrschaft eines Diktators und/oder das Produkt russischer Expansionssucht. Er ist Zeichen der imperialen Absichten der USA.
  6. Dass die öffentliche Meinung und vor allem die veröffentlichte Meinung bei uns die Realität so wenig abbildet, ist Zeichen des großen Einflusses von USA und NATO auf Journalisten und Politik in Europa und speziell in Deutschland.
  7. Angela Merkel war spätestens schon 2003 in die imperiale Politik der USA eingebunden. Siehe ihren Artikel in der Washington Post vom Februar 2003. Dort warb sie für eine Beteiligung am Irakkrieg und griff die Regierung Schröder an.
  8. Interessanter Nebenaspekt: Die USA haben im ersten Irakkrieg getestet, ob sich Russland bzw. die Sowjetunion heraushalten. Die agierenden Personen haben das mit Genugtuung festgestellt. Umso empörter sind sie heute über das Engagement Russlands zum Beispiel in Syrien und im Iran. Das passt nicht mehr ganz in die imperiale Planung.
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