Sie haben sich an einer internationalen Solidaritätsdelegation nach Syrien beteiligt, die unter anderem vom Weltbund der Demokratischen Jugend, WBDJ, und dem Weltfriedensrat organisiert wurde. Wie kam es dazu?
Insgesamt beteiligten sich 92 Delegierte, die 55 Organisationen aus 37 Ländern vertraten. Nach mehr als sieben Jahren hat der Konflikt in Syrien immer noch kein Ende gefunden. Gerade jetzt, wo in vielen Teilen des Landes der Wiederaufbau beginnt, ist internationale Solidarität besonders wichtig. Im Hinblick auf die Rolle der BRD im Konflikt um Syrien war es uns deshalb ein besonderes Anliegen, an der Delegation teilzunehmen.
Was war das Ziel der Reise?
Wir wollten deutlich machen: Diejenigen, die Raketen auf euer Land abschießen, die es ökonomisch in die Knie zwingen wollen, die offen und verdeckt die terroristischen Mörderbanden unterstützen und finanzieren, die viele von euch zur Flucht gezwungen haben, das sind die Regierungen der NATO-Staaten. Doch es gibt in diesen Staaten auch uns – Jugendliche, die gegen diese Verbrechen und gegen den Krieg gegen Syrien aktiv sind.
Der Krieg der NATO gegen Syrien hat zu Tod, Zerstörung, Flucht und Vertreibung sowie zur Entfesselung reaktionärer terroristischer Kräfte geführt. Die deutsche Regierung ist an diesen Verbrechen beteiligt. Auch wenn in Damaskus mittlerweile wieder Schritt für Schritt ein gewisses Maß an Normalität einkehrt, sollte man nicht vergessen, dass die Stadt über Jahre nahezu täglich beschossen wurde und sich das Umland erst seit Mai dieses Jahres wieder unter vollständiger Kontrolle der Regierung befindet.
Wirtschaftliche Sanktionen und die politische Isolierung des Landes haben erhebliche Auswirkungen auf die Bevölkerung und betreffen in erster Linie die einfachen Menschen in Syrien. Die auch von der deutschen Bundesregierung mitgetragenen Maßnahmen erschweren das Leben und Überleben enorm, und der Wiederaufbau kommt derzeit aufgrund mangelnder internationaler Hilfe nur schleppend voran. Die politische Isolierung Syriens durch den Abbruch diplomatischer Kontakte, den Ausschluss des Landes aus internationalen Zusammenschlüssen sowie durch erschwerte Reisemöglichkeiten schneidet die syrische Bevölkerung vom Kontakt zur Außenwelt weitgehend ab.
Solidarisieren Sie sich mit der Regierung des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad?
Unsere Solidarität gilt in erster Linie der syrischen Bevölkerung und insbesondere den Werktätigen, der syrischen Jugend und unseren Genossinnen und Genossen vor Ort. Die syrische Regierung ist nicht nur auf dem Papier und nach internationalem Recht offizieller Vertreter Syriens, sondern verfügt auch ganz real über weitaus mehr Legitimität als die in Syrien aktiven einheimischen oder ausländischen islamistischen Kämpfer.
Kritik ist selbstverständlich angebracht und notwendig – aber vor allem an der Bundesregierung und an der NATO. Wir wollen uns nicht zu Erfüllungsgehilfen von heimischen Kriegstreibern oder den Interessen deutscher Banken und Konzerne machen, indem wir uns an der Aggression gegenüber Syrien beteiligen. Syrien muss sich von Staaten wie Saudi-Arabien und Katar nicht erklären lassen, was Freiheit bedeutet. Staaten wie Deutschland, die mit Militärdiktaturen und reaktionären Monarchien in der Region zusammenarbeiten und dabei keinerlei Probleme mit Folter, Massakern oder beispielsweise dem derzeit stattfindenden Völkermord im Jemen haben, brauchen einem nichts von Demokratie erzählen.
Wie geht es nach der Reise weiter?
Unsere wichtigste Aufgabe ist es jetzt, die durch die Reise gewonnenen Erfahrungen in unsere jeweiligen Länder zu tragen und unsere Freunde sowie Kollegen in Schule, Uni und Betrieb über die Lage in Syrien zu informieren und damit der hierzulande verbreiteten Darstellung des Konflikts etwas entgegenzusetzen.
Und unsere größte Verantwortung als Internationalisten bleibt, die nun entstandenen Kontakte in Syrien nicht abreißen zu lassen. Ganz im Sinne der gemeinsamen Interessen von Jugendlichen weltweit wollen wir den Austausch im Kampf für eine bessere Welt vorantreiben.
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Leo Zayyad ist Mitglied der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) und vertrat diese Organisation in der vergangenen Woche bei einer internationalen Solidaritätsdelegation in Syrien
