Contra „Aufstehen“: Die Illusion vom guten Kapitalismus
von Susan Bonat, 19.08.2018
https://deutsch.rt.com/meinung/74657-conrta-aufstehen-die-illusion-vom-guten-kapitalismus/
Zur Stellungnahme von Susan Bonath hier folgende Antwort:
https://www.facebook.com/dagmar.henn.92/posts/2022238551161802?__tn__=K-R
von Dagmar Henn, 19.08.2018:
Gut gemeint ist… oft das Gegenteil von gut.
So kann man auch Susan Bonaths Kommentar gegen ‚Aufstehen‘ bewerten.
Warum?
Lassen wir mal das Problem beiseite, das jede nur moralisch begründete Position schafft. Was den Text unwirksam macht, ist das Fehlen jeder konkreten Analyse.
Im heutigen Deutschland stellt sich die Frage, ob eine tatsächlich sozialreformerische Bewegung die Arbeiterbewegung ausbremsen könnte, aus mehreren Gründen nicht.
Zum einen, weil etwas, was kaum da ist, auch nicht gebremst werden kann.
Zum anderen, weil der Zustand des Kapitalismus von der Art ist, dass jede echte soziale Forderung sehr schnell an die Grenze des in Wirklichkeit disfunktionalen Systems stößt. So ist es, wenn die bestehende Gesellschaft in einer tiefen Krise steckt – irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die Forderung nach einer Scheibe Brot die Grenze überschreitet, überschreiten muss.
Wenn in einer solchen Situation aber keine Forderung nach Brot gestellt wird, sondern, sagen wir, nach ehelicher Gleichstellung für Zoophile, dann hat die herrschende Klasse ihre Ruhe.
Sprich, was unbedingt vonnöten ist, ist eine Bewegung, die die tatsächlich massenhaft vorhandenen sozialen Forderungen aufgreift. Es ist nicht zu übersehen, die Linkspartei ist das nicht.
Ist es in irgendeiner Form schädlich, wenn die zwei führenden Protagonisten nicht von Beendigung des Kapitalismus sprechen? Im Augenblick sicher nicht; weil es weder andere davon abhält, das zu tun, noch etwas an der allgemeinen ökonomischen Lage ändert, die JEDE ernsthafte soziale Forderung an die Grenze des Systems führt.
Man kann sich über die Lage täuschen, wenn man immer nur die subjektive Seite im Blick hat, und meint, an deren ziemlich beschissenem Zustand ändere sich nur etwas, wenn man besonders eifrig mit der Flagge der Revolution wedelt. Da hat man Lenin nicht verstanden, der nicht mit der Losung ‚Wir wollen den Sozialismus jetzt!‘ die Revolution einleitete, sondern mit der Forderung ‚Land, Brot und Frieden‘.
An diesem Punkt fallen übrigens die Erfordernisse für ein Wiedererstarken der Arbeiterbewegung und jene für eine Abwehr der vorhandenen faschistischen Tendenzen in eins. Beides gelingt nur, wenn endlich wieder die Lebensverhältnisse im Land auf die Tagesordnung gesetzt werden.
Und nein, da hilft ein Rufen nach offenen Grenzen nicht weiter. So sehr dieser Standpunkt (auch und gerade in der Art, wie Susan Bonath ihn in diesem Text vertritt) die Bewohner der Peripherie genauso zum Objekt macht wie die Politik der Herrschenden, weil ihnen das Recht – und die Pflicht – zum Kampf um die Befreiung des eigenen Landes abgesprochen werden, so sehr übergeht er die entscheidende Tatsache: der beste Beitrag, den wir Deutschen für eine Verbesserung des Lebens der Menschen in allen Ländern Afrikas und anderer Kontinente leisten können, besteht nicht darin, ganz lieb zu Flüchtlingen zu sein. Er besteht darin, dem deutschen Imperialismus die Flügel zu brechen, die Fänge abzureißen und die Federn zu ziehen. So, wie einmal die DDR keinem anderen Land Schaden, aber einigen Nutzen gebracht hat, sollte es das ganze Deutschland halten.
Die Frage, wie deutsche Arbeiter mit den Flüchtlingen umgehen oder umgehen sollten, mag zwar zu moralischen Ausbrüchen verleiten. Relevant ist sie nicht.
Relevant ist, ob die Macht der deutschen Konzerne angetastet wird.
Wer das nicht glauben will, dem empfehle ich ein Stück von Brecht. Es heißt: Die Maßnahme.