Der einstige Wehrmachtsoffizier Heinrich Gerlach hat mit seinem Roman „Durchbruch bei Stalingrad“ nicht nur Zeugnis von dem Geschehen vor 75 Jahren abgelegt, sondern auch vom verbrecherischen Krieg der faschistischen Wehrmacht. Das sagt Herausgeber Carsten Gansel aus Anlass des Jubiläums der deutschen Kapitulation vor Stalingrad am 2. Februar 1943.
Zum Interview: https://de.sputniknews.com/gesellschaft/20180202319336240-stalingrad-lehre/
Auszug: (…) Wir sind mit einem Team in Wolgograd gewesen und haben gesehen, dass dort immer noch Soldaten aus der Erde ausgegraben und beigesetzt werden: auf der einen Seiten die russischen, und auf der anderen Seite die deutschen Soldaten – noch 75 Jahre nach diesem schrecklichen Ereignis. Man erlebt also noch heute in Wolgograd die Dimension dessen, was dort geschah, das Grauen, das Unmenschliche, und das betrifft nicht nur die Soldaten, sondern selbstverständlich auch die Zivilbevölkerung von Stalingrad. Insofern sage ich immer, solche Romane und solche Orte sind Begegnungsorte und sollten Orte des Dialoges sein. Ich sage auch: Es sollten sich diejenigen, die Verantwortung tragen, nach Stalingrad aufmachen. Man muss über das, was geschehen ist, reden. Man muss alles daran setzen, dass Konfrontation ersetzt wird durch Dialog. Es gibt einen schönen Satz eines deutschen, sehr bekannten und wichtigen Autors, Uwe Johnson. Der spricht wiederholt davon, dass es darauf ankomme, „die andere Seite mit ihren eigenen Augen zu sehen“. Das bedeutet Perspektivenübernahme. Das bedeutet Empathie. Nur so funktioniert auch Literatur, dass wir durch den Text, durch das, was geschildert wird, hineinversetzt werden als Leser in eine Schreckenssituation, wie das die Schlacht von Stalingrad gewesen ist – in der Hoffnung, wie Brecht sagen könnte, dass man durch das, was einem vorgeführt wird, lernt. Nicht mit oberlehrerhafter Geste, sondern durch eigene Erkenntnis. Und eine Schlussfolgerung kann und muss sein: So etwas darf nie wieder geschehen! (…)
Russische Stalingrad-Veteranen: «Das Ende war vorbestimmt»
Nur wenige Menschen erinnern sich noch selbst an die Schlacht von Stalingrad. Zwei Moskauer Veteranen erzählen zum 75. Jahrestag eines der schlimmsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs, wie sie den Kampf gegen die Nazis an der Wolga erlebten.
Februar 1943: Im Süden Russlands nähert sich eine der heftigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges ihrem Ende. Beharrlich hat die Rote Armee die Soldaten der deutschen Wehrmacht in Stalingrad (heute Wolgograd) eingekreist und ausgehungert. «Die deutschen Truppen leisteten erbitterten Widerstand und versuchten mit allen Kräften, den Kessel zu durchbrechen», sagt Witali Kolessow.
Kolessow war dabei. Der heute 94-jährige Moskauer war damals 19 und kommandierte ein sowjetisches Artillerie-Geschütz. Er kämpfte mit der Roten Armee für den Sieg in Stalingrad, der einen Wendepunkt im Krieg brachte. 75 Jahre nach dem Ende der Schlacht (Kapitulationen am 31. Januar und 2. Februar) erzählen Kolessow und seine Kameradin Tamara Alexandridi (93) der Deutschen Presse-Agentur von den Schrecken des Krieges.
Ein Moskauer Veteranenverband hat das Treffen mit den Zeitzeugen arrangiert. In einem dunklen Büro sitzen sie bei Schwarztee. Ein Bild von Russlands Präsident Wladimir Putin schmückt die Wand. Auch der strenge Blick des Sowjet-Diktators Josef Stalin wacht über den Raum.
«Als unsere Panzer vorrückten, lag tiefer Schnee. Es war minus 20 Grad», schildert Kolessow eine Episode der Kesselschlacht. Seine Erinnerung ist glasklar. Seine Worte sind präzise. Er habe die sowjetischen Panzer von seinem Geschütz aus beobachtet: «Plötzlich öffnete sich an vorderster Front ein Flügeltor und eine Panzerabwehrwaffe stellte sich uns entgegen. Was sollte ich tun? Ich eröffnete das Feuer und zerstörte den Gegner. Damit habe ich ein, zwei, vielleicht drei von unseren Panzern gerettet. Ist das Grausamkeit? Oder ist das das Gesetz des Krieges?»
Kolessow blieb Berufssoldat. Rund 50 Jahre stand er im Dienst der sowjetischen Armee. Das soldatische Pflichtbewusstsein ist dem Mann mit dem akkurat gekämmten weissen Haar bis ins hohe Alter geblieben. Wenn der pensionierte Oberst mit der grünen Uniform und den vielen Orden erzählt, ist ihm anzumerken, dass er oft gezweifelt hat, aber zu einem Schluss gekommen ist: «Ich habe meine Pflicht erfüllt. Wenn ich schiessen musste, habe ich geschossen. Zu uns kamen Feinde, sie besetzten unser Land. Was sollten wir tun? Wir vernichteten sie.»
Tamara Alexandridi sagt, sie sei weniger in direkte Kämpfe verwickelt gewesen als Kolessow. «Ich war nicht in der vordersten Reihe. Mich konnten sie nur bei Bombardements töten, aber ich habe überlebt.» Damals war Alexandridi 17 Jahre jung. Direkt nach der Schule meldete sich die Moskauerin freiwillig. Sie wurde Funkerin. Im Juli 1942 kam sie nach Stalingrad, noch bevor die Wehrmacht dort angriff.
Alexandridi erinnert sich gut an einen Moment im Herbst vor der langen Schlacht, als sich ihre Funkereinheit vor den heranrückenden Deutschen in Sicherheit brachte. Damals ging es um Leben und Tod. «Plötzlich blieb unser Auto liegen.» Ein Lastwagen habe gehalten und sie – die einzige Frau in der Gruppe – mitgenommen. Die anderen blieben zurück und kamen in deutsche Kriegsgefangenschaft, wie sie später von einem Überlebenden erfuhr. «Ich hatte Glück.»
Die meisten noch lebenden Kämpfer des Zweiten Weltkriegs sind über 90. Die Veteranenverbände helfen ihnen im Alltag und halten die Erinnerung wach. Solche Verbände gibt es viele in Russland, aber die Zeitzeugen des «Grossen Vaterländischen Krieges» werden weniger. Rund 6300 Mitglieder zähle sein Moskauer Komitee der Kriegsveteranen noch, sagt Mitarbeiter Anatoli Ryndin. «Aber jedes Jahr sterben altersbedingt rund 100», sagt er.
Kolessow und Alexandridi wirken fit. Was sie verbindet, sind nicht nur das Alter und die Orden auf der Brust: Schon im Krieg einte sie der Siegeswille. «Uns kam es barbarisch vor, dass Deutschland – ein kleines Land – uns – das riesige Russland – angegriffen hat. Das Ende war vorbestimmt», sagt Alexandridi. «Angefangen mit Stalingrad, hatten wir immer Hoffnung auf den Sieg», sagt Kolessow.
Wenn er vom «grossen Sieg des Sowjet-Volkes» spricht, ist ihm Stolz anzumerken. Sein Bericht über das Ende der Schlacht aber ist auch mitfühlend. Zehntausende deutsche Soldaten kamen in Gefangenschaft. «Ich habe eine kilometerlange Kolonne von Kriegsgefangenen gesehen. Hungernde, frierende, schmutzige, zerlumpte. Sie waren nicht für den Winter ausgerüstet. Die gefangenen Deutschen sahen erbärmlich aus.»
Nach dem Krieg sahen Kolessow und Alexandridi ihr Verhältnis zu Deutschland pragmatisch. «Ich hatte keinen Hass auf die Deutschen», sagt sie. Alexandridi wurde Elektroingenieurin und freundete sich mit einem deutschstämmigen Professor und seiner Familie an.
Gerade heute, in Zeiten tiefer Spannungen zwischen Russland und dem Westen, sehen die beiden Stalingrad-Veteranen die Lehren des Weltkriegs. «Theoretisch ist so eine Katastrophe noch immer möglich. Aber Putin und unsere Diplomaten tun alles, um das zu verhindern», sagt Kolessow. «Wir müssen mit Deutschland befreundet sein», mahnt er. Alexandridi stimmt ihm zu. «Man muss unserem Land mehr vertrauen, dann wird Ihr Land auch Schritte nach vorne machen.»