von Sabine Kruse
So lautet der Titel eines Films auf Phoenix vom 28. Dezember 2017. Obwohl die Antwort diese Frage natürlich müßig ist, vertritt der Islamwissenschaftler Peter Heine die Überzeugung, dass unsere Gesellschaft dann toleranter wäre.
Wie das? Ist der Islam nicht eine Religion von gefährlichen Fanatikern und Terroristen? So wird uns auf fast allen Kanälen unaufhörlich „vermittelt“, wo der Feind zu verorten ist.
Allerdings: Ein unbelasteter Blick in die Geschichte kann uns eine kulturelle Welt von atemberaubender Vielfalt eröffnen.
Wenn wir an Spanien (zeitweise in Personalunion mit Portugal) und die Zeit von 711 bis 1492 denken, sollten wir an alle drei großen Buchreligionen denken. Wer über die arabische Kultur in Spanien spricht, darf die Juden nicht vergessen. Mit dem Sieg des Christentums 1492 endete die kulturelle Blüte Spaniens, der Niedergang war unumkehrbar.
Folgende Gedanken mögen einen Beitrag zur Diskussion über das (Feind)Bild Islam beisteuern, das bei uns – im Westen – vorherrscht.
Feindbild Islam? Unbekannte Vielfalt hinter dem Vorurteil.
I. Neues altes Feindbild Islam
„Ein Feind ist jemand, dessen Geschichte du noch nicht gehört hast.“
Dieser Satz lässt sich ergänzen: damit der Feind nicht abhanden kommt, ist es notwendig, das Wissen über ihn zu unterdrücken.
Aber wozu braucht man einen Feind? Werner Ruf beschreibt in seinem Buch „Der Islam – Schrecken des Abendlands“ sehr anschaulich, welche Funktion Feindbilder für die Herrschaft haben. Das WIR wird definiert durch das ANDERE, und indem wir über andere Gesellschaften sprechen, sprechen wir über uns selbst. Wir müssen nicht erst Samuel Huntington bemühen, der feststellt, dass die Völker für ihre Selbst-Definition ein Feindbild brauchen.
Diese Manipulation ist uralt, wurde in der Antike genauso gehandhabt wie im Mittelalter – denken wir beispielsweise an Papst Urbans II. „Werbung“ für den Kreuzzug gegen die „gottfernen“ Türken. Die Kritik des Erasmus von Rotterdam an den Motiven der Fürsten, größtes Unrecht zu höchstem Recht zu erklären, ist 500 Jahre alt und immer noch brandaktuell.
Nachdem die Feindbilder „Juden“, „Türken“ und, nach dem Zusammenbruch des Ost-West-Systems, „Kommunismus“ weggebrochen waren, musste der Islam beziehungsweise „Terrorismus“ dieses Defizit füllen.
Einerseits war der Islam von Anbeginn an ein Feindbild für christliche Fundamentalisten, andererseits strahlte das Unbekannte und Fremde auch eine große Faszination aus.
Um die Überlegenheit des Abendlands über den Orient zu demonstrieren, musste dessen Kultur „als gesamtkulturelle Antithese zum Westen“ (1) begriffen und herabgesetzt werden. Ruf zitiert aus einer Vorlesung über die semitischen Völker des französischen Orientalisten Ernest Renan von 1883. Der bezichtigt die Araber, aber auch die Juden, einer „schrecklichen Schlichtheit (…) des Geistes, die den menschlichen Verstand jeder subtilen Vorstellung, jedem feinsinnigen Gefühl, jedem rationalen Forschen unzugänglich macht.“ Ähnliche Aussagen kennen wir ja auch von Martin Luther über die Juden.
Heute wird den Muslimen ganz allgemein Demokratiefeindlichkeit, religiöser Fanatismus, Frauenfeindlichkeit et cetera unterstellt, womit die Überlegenheit des Westens – mit seinen christlichen Werten – offenkundig werden soll.
Damit dieses Feindbild von der Masse der westlichen Bevölkerung akzeptiert wird, müssen „Beweise“ erbracht werden. Wie diese sogenannten Beweise aussehen, konnten wir im „Freidenker“ 4/2015 lesen. Neben anderen beschreibt Elias Davidsson ausführlich, wie das Produkt „Islamistischer Terrorismus“ hergestellt wird. In einem Interview mit Ken Jebsen vom 20. Mai 2013 entlarvt er Schlag-Wörter wie z.B. „Jüdische Weltverschwörung“ oder „jüdisch-bolschewistisch“ bei den Nazis. „Islamischer Terrorismus“ sei wie „demokratische Folter“.
In der Psychologie spricht man von „kognitiver Dissonanz“: gedankliche Konstrukte werden auf die immer gleiche Weise eingehämmert, vollkommen frei von rationalem Fundament, bis sich das gewünschte Bild reflexartig einstellt. Dieses Phänomen hat Gustave Le Bon bereits 1895 in „Psychologie der Massen“ beschrieben.
II. Der Islam in der Literatur. Beispiel: Johann Wolfgang von Goethe
„Goethe und die arabische Welt“ – so lautet eine umfassende Darstellung der Literaturwissenschaftlerin Katharina Mommsen. Der Band „Goethe und der Islam“ gibt uns vielfältige Informationen über einen Dichter, den die Nationalkonservativen gerne als den deutschen Dichter vereinnahmen möchten.
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