Kaum hatten Milliarden Menschen rund um den Globus sich bei Silvester Friedenswünsche zugeprostet, holte sie am zweiten Tag des neuen Jahres im fernen US-amerikanischen Cambridge der ehemalige Wirtschaftsminister Venezuelas und amtierende Harvard-Professor Ricardo Hausmann Goldfarb aus ihrer Verkaterung in die Realität zurück. Wollte meinen: in seine „Realität“ eines herbeigewünschten Krieges. Nach einer stark ideologisch gefärbten statt faktisch akkuraten Lagebeurteilung der Regierung Nicolás Maduro und der Verwerfung von Sanktionen, „die sich als Mittel des Regime Change in Russland, Nordkorea oder im Iran“ als unzureichend erwiesen hätten, schlussfolgert der ehemalige Minister, die innenpolitische und wirtschaftliche Versorgungskrise Venezuelas biete „die Möglichkeit einer internationalen militärischen Intervention; eine Lösung, die die meisten lateinamerikanischen Regierungen wegen der Vorgeschichte der Aggressionen gegen ihre souveränen Interessen, vor allem in Mexiko und Mittelamerika, erschreckt…“. Ein Bericht von Frederico Füllgraf.
Jedoch diese Analogie zur Vergangenheit sei möglicherweise nicht korrekt und zulässig, zerstreut der Professor mit einem abfälligen Nebensatz die kontinentalen Bedenken und empfiehlt kaltschnäuzig, die von der ultrakonservativen, venezolanischen Opposition dominierte Nationalversammlung solle die Regierung Nicolás Maduro absetzen.
Project Syndicate
Dass Hausmann – der in der Regierung Carlos Andrés Pérez (1989-1993) das Amt des Ministers für Wirtschaftliche Planung bekleidet hatte und Venezuela nach dem Amtsantritt Hugo Chávez´ in Richtung USA verließ, wo er sich zum militanten Feind des Chavismo aufbaute – ein Aufruf zur militärischen Intervention zuzutrauen war, ist nicht weiter verwunderlich. Nicolás Maduro bezeichnete bereits Ende 2016 Hausmann als kriminellen „Drahtzieher des Wirtschaftskrieges gegen Venezuela“ und forderte seine Festnahme.
Umso bedenklicher ist allerdings die Verbreitung seines Aufrufs auf Project Syndicate, ein sogenanntes „unabhängiges“, internationales Portal für politischen Meinungs-Journalismus mit Sitz in Prag, das nach eigenen Angaben gegenwärtig 430 Zeitungen und Zeitschriften aus 150 Ländern mit einer Gesamtauflage von nahezu 70 Mio. Exemplaren versorgt.
Die vom Syndikat in sieben Sprachen (Arabisch, Chinesisch, Deutsch, Französisch, Russisch, Spanisch und Tschechisch) verbreiteten Analysen und Kommentare entstammen den Federn einer auserlesenen, internationalen Schar von Publizisten, Wissenschaftlern, Politikern und Aktivisten-Eliten, wozu der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-Moon, Ex-US-Präsident Jimmy Carter, die Deutschen Ralf Dahrendorf und Joschka Fischer, Michail Gorbatschow als letzter Präsident der UdSSR, Václav Havel, Bjørn Lomborg, Dominique Moïsi, Joseph Nye, Chris Patten, Michel Rocard, Nouriel Roubini, Nobelpreisträger und Neoliberalismus-Kritiker Joseph Stiglitz, jedoch auch Vertreter des harten Gegenpols, so Jeffrey Sachs als Mentor der weltweiten, wirtschaftlichen „Schocktherapie“, und Protagonisten des Regime Change, wie Julija Tymoschenko und George Soros, gehören.
Zu den deutschen Nachdruck-Medien zählen u.a. die Börsen-Zeitung, die russischsprachige Germania Plus, das Handelsblatt, die Süddeutsche Zeitung, Die Welt und die Wirtschaftswoche, die für den Content zahlen, während sogenannte finanzschwache Medien in Entwicklungsländern eine englische Fassung der Texte als unentgeltliche Leistung erhalten, womit Syndicate angibt, die „Entwicklung einer unabhängigen Presse weltweit“ zu fördern.
Diese Förderungspolitik tönt in der Tat familiär, sie ist nämlich eines der politischen Flaggschiffe von Georg Soros‘ Stiftung Open Society. Und tatsächlich: Mit der Bill & Melinda Gates Foundation (Microsoft) als Partner tritt Georg Soros als Haupt-Sponsor von Project Syndicate auf, dessen Dritter im Bunde bis vor wenigen Jahren auch die deutsche ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius war. Auf Anfrage aus Chile, mit der Bitte um eine Stellungnahme zu Hausmanns Aufruf, teilte Frauke Hamann, Bereichsleiterin Kommunikation, jedoch Anfang Januar mit, „2001 und 2003 hat die ZEIT-Stiftung jeweils eine Tagung des Project Syndicate gefördert. Seither stehen wir in keinerlei Verbindung“.
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