Offener Brief eines Kollektivs von mehr als 100 Frauen darunter Catherine Deneuve, Catherine Millet (Le Monde)

„Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist keine Straftat, und Galanterie auch keine chauvinistische Aggression. Infolge der Weinstein-Affäre ist man sich legitimerweise der sexuellen Gewalt bewusst geworden, die auf Frauen ausgeübt wird, besonders im beruflichen Umfeld, in dem manche Männer ihre Macht missbrauchen. Das war notwendig. Aber diese Befreiung des Worts wird aktuell in ihr Gegenteil verkehrt.

Tatsächlich hat der Hashtag #MeToo in der Presse und in den sozialen Medien eine öffentliche Denunziations- und Anklage-Kampagne von Einzelpersonen ausgelöst, die, ohne dass man ihnen die Möglichkeit lässt, zu antworten oder sich zu verteidigen, auf eine Ebene mit sexuellen Aggressoren gestellt werden. Diese Lynchjustiz hat längst erste Opfer. Männer wurden in der Ausübung ihres Berufs sanktioniert, zum Rücktritt gezwungen und so weiter, obwohl ihr einziges Vergehen darin bestand, ein Knie berührt zu haben, versucht zu haben, einen Kuss zu ergattern, während eines beruflichen Abendessens ‚Intimes‘ angesprochen zu haben oder Nachrichten mit sexuellen Konnotationen an eine Frau geschickt zu haben, die sich nicht gleichermaßen angezogen fühlte. Dieser fiebrige Drang, die ‚Schweine‘ zur Schlachtbank zu führen, ohne Frauen zu helfen, autonom zu werden, dient in Wirklichkeit den Interessen der Feinde der sexuellen Freiheit, religiösen Extremisten, den schlimmsten Reaktionären und denen, die annehmen (…), dass Frauen nichts als Kinder im Angesicht Erwachsener sind, die beschützt werden müssen. Auf der anderen Seite werden Männer aufgefordert, Abbitte zu leisten (…). Die öffentliche Beichte, das Eindringen der selbst ernannten Staatsanwälte in die Privatsphäre –- das ist es, was ein totalitäres Gesellschaftsklima schafft.

Wir verteidigen die Freiheit, aufdringlich zu sein, die für die sexuelle Freiheit unentbehrlich ist. Wir sind heutzutage aufgeklärt genug, um zuzugeben, dass der Geschlechtstrieb von Natur aus offensiv und wild ist, aber wir sind auch klarsichtig genug, um einen unbeholfenen Flirt und sexuelle Nötigung nicht zu vermischen. ….

Als Frauen erkennen wir uns in diesem Feminismus, der – über die Anprangerung von Machtmissbrauch hinaus – Züge eines Hasses auf Männer und Sexualität annimmt, nicht wieder. Wir denken, dass die Freiheit, zu sexuellen Avancen nein zu sagen, nicht ohne die Freiheit auskommt, aufdringlich zu sein. Und wir finden, dass man auf diese Freiheit, aufdringlich zu sein, anders antworten muss, als sich in der Opferrolle einzuschließen. … Wir sind nicht auf unsere Körper reduzierbar. Unsere innere Freiheit ist unantastbar. Und diese Freiheit, die wir lieben, gibt es weder ohne Risiken, noch ohne Verantwortung.“

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