Victor Grossman: EINE REPLIK AUF EINEM BEITRAG VON HALINA WAWZYNIAK („Schluss mit der Querfront!“ Die Zeit, 6. Dezember 2017)

Victor Grossman

Dieser Beitrag bereitet mir, einem lebenslangen Linken, vielen Kummer. Darin äußert seine Autorin, Halina Wawzyniak, eine frühere MdB der Partei DIE LINKE, ernsthafte Vorwürfe gegen andere Mitglieder der Partei und fordert sogar, dass sie ihre Ämter, falls sie welche haben, durch Abwahl verlieren sollen. Es geht zunächst um die stark umstrittene Preisverleihung an Ken Jebsen am 14. Dezember im Berlins Kino Babylon.

Erstens möchte auch ich, wie fast  obligatorisch, meine Bedenken über Jebsen äußern. Mir gefallen seine Art Reden nicht und, viel wichtiger, einige seiner Äußerungen, die sich in der Tat Grenzen annähern, die Bedenken verursachen; auch einige seiner Interview-Gäste sind fragwürdig. Ich muss mich dazu fragen, warum gerade jetzt, wo ein starker Kampf um die Nöte der Bevölkerung, um Miete, Altersrente, große Entlassungen so dringend sind, wo eine Abwehr gegen die AfD und andere beängstigende Bedrohungen drängt, wo der Kampf gegen Aufrüstung, Waffenexporte und gefährliche Manöver Vorrang sowie deren Folgen haben müssten, warum also gerade jetzt diese unnötige, spalterische Preisverleihung gerade jetzt angesetzt wurde. Diese Fragen verursachen schon einen Teil meines Kummers.

Aber noch mehr die Gegenaktionen und Gegenargumente. So lesen wir in der „Zeit“ Vorwürfe, die mit Jebsen anfangen, sich aber im Laufe des Artikels gegen alle LINKE-Politiker ausweiten, die eine „Minderheitsmeinung“ bei einer Vorstandsitzung hatten oder gehabt hätten, denn manche von den Attackierten wohl nicht eingeladen wurden, um ihre Meinungen zu äußern).

Es wird gegen „Rechtspopulisten, Nationalisten, Verschwörungstheoretiker und Antisemiten“ polemisiert, „die die Sorge vor Krieg und Eskalation zum Anlass nehmen, (…) Querfront-Strategien salonfähig zu machen.“  Vier Punkte werden hervorgehoben, um „Querfront“ zu definieren und seine Anhänger anzuprangern.

Zunächst deshalb, wirft sie denen vor, weil sie von „installierten Politikern … schwadronieren“, von einer „dunkle(n) Macht im Hintergrund …, die angeblich die Strippen zieht, kurz, der Mythos der gelenkten Demokratie. Es geht um nichts weniger als die Erosion des Vertrauens in den Rechtsstaat und seine Institutionen.“

Es gäbe hierzu, meine ich, verschiedene Meinungen. Dass ein gewisser Ökonom-Philosoph auch über seine Zweifel in dieser Richtung „schwadronierte“ sollen wir am besten beiseitelassen. Immerhin sind es fast 200 Jahren seitdem er zur Welt kam.

Doch auch lebende Kritiker äußern darüber  Zweifel, wie etwa Noam Chomsky:

„…Es gibt etwas über die Vereinigten Staaten, woran wir denken müssen: Sie sind nicht eine Demokratie. Eine Untersuchung nach der anderen im Hauptstrom der akademischen Politwissenschaft stellt fest, was wir alle wissen oder wissen müssten, dass politische Entscheidungen von einem sehr kleinen Sektor des extremen Privilegs und des Reichtums getroffen werden, vom konzentrierten Kapital. Die Meinungen des Großteils der Bevölkerung haben im politischen System nichts zu bedeuten. Sie wird wesentlich entrechtet.”

Gewiss, Chomsky sprach da von den USA. Wer würde BASF und Bayer, BMW-Quandt und Daimler-Benz,  Krupp-Thyssen und Siemens, Lufthansa oder Aldi als dunkle Mächte bezeichnen? Reden wir also nicht von den Schleckers beiseite; die wurden ja doch verurteilt, was allerdings den Entlassenen kaum mehr hilft als denen von Air Berlin. Und die jahrelange Fehlbehandlung, ja Irreführung bei  den NSU-Morden und die häufige Schreddern von Dokumenten lassen wohl keine Fragen über „dunkle Macht“ aufkommen, denn Männer wie BND-Gründer (ex-Wehrmacht Generalmajor und Hitler Spionagechef) Reinhard Gehlen, der mächtige Hans Globke und viele andere sind längst im Grabe. Wenn manche trotzdem vom Kapitalsektor in anklagenden Tönen redet, da muss man wohl wie die Autorin „die Hand mehrmals an den Kopf“ schlagen. Nein, nie wieder soll ein Noam Chomsky im Henry Ford Bau der Freien Universität einen Vortrag halten dürfen!

Der Artikel wirft Jebsen vor, rassistische Andeutungen zu machen.  „Wer diese angeblichen Mächte im Hintergrund sein sollen, ist auch klar“, schreibt Wawzyniak. „Die konstruierte Bedrohung kommt von außen.“ Das ist ein schwerer Vorwurf, und ich mache mir auch tatsächlich ernste Sorgen über solche Tendenzen. Doch als Beleg für ihre Andeutungen erwarte ich stärkere Beweise als den zitierten, ja miesen Witzchen über das „Beißen eines Perserteppichs“ vom Grünen-Politiker mit türkischer Abstammung. Geschmacklos, gewiss, abzulehnen auch! Doch reicht er mir nicht für die Verurteilung nicht nur von Jebsen selbst sondern von allen die, wenn sie ihn auch kritisieren, sein Rederecht verteidigen wollen.

Ich muss auch an Thilo Sarrazin erinnern,  der meinte,  Zuwanderer „aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika“ weniger Bildung aufwiesen als Einwanderer aus anderen Ländern, und bekämen zudem mehr Kinder als Deutsche. Es gebe also „eine unterschiedliche Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz“. Und Intelligenz sei von Eltern an Kinder weitergegeben, als Erbanteil. Sarrazin war Gott sei gedankt nie ein LINKER, doch wenn ich lese vom Beschluss, Sarrazin nicht aus der SPD auszuschließen, obwohl er keine Zeile zurücknahm, und erfahre, dass der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier und der SPD-Bezirks-Bürgermeister von Neukölln Heinz Buschkowsky darüber Erleichterung empfanden,  dann frage ich mich, ob man nicht definitiv verhindern müsste, dass sie jemals in öffentlichen Gebäuden auftreten durften.

Der Artikel wirft Jebsen seine Ansicht vor, dass „Die Qualitätsmedien sind für ihn und seine Anhänger gelenkt.“ Er rege sich über die Behandlung von Trump in den Medien auf, und finde sie „wirklich erschreckend, und das ist schon die Vorform von Hetze, wie wir sie vom Stürmer aus dem Dritten Reich kannten.“ Auch ich stutze über diese seltsam besorgte Sympathie für Donald Trump, und würde gern Herrn Jebsen darüber scharf nachfragen. Doch anders als Wawzyniak finde ich darin keine „Verharmlosung der NS-Zeit.“ Aber andererseits, wer kommt wirklich an die mehr als ähnliche Positionen von Großteilen der Presse vorbei? Zwei Beispiele fallen mir sofort ein: bis auf minimale Ausnahmen attackierte die ganze deutsche Presse vor einigen Jahren, auf boshafter und fast gleichmäßiger Art, das Gedicht von Günther Grass über Israel und Iran. Und sind die jetztigen Angriffe gegen Russland und Putin völlig unabhängig voneinander – vom Coverbild in TIME – Putin mit Hitlerschnurbart und Frisur – und Spiegels Bild von ihm als Pilot eins Jägers, der auf uns zurast? Diese internationale Kampagne  muss nicht unbedingt in geschlossenen Räumen ausgedacht sein. Auch so versteht man sich.

Der vierte Punkt im Artikel ist auch schwerwiegend. „Und dann ist da noch die Israelfrage. Der Antisemitismus gehört in der Querfront zur DNA. Da wird der Staat Israel schon mal mit dem Apartheidsregime in Südafrika verglichen. Es gab und gibt Linke, weit über die Linkspartei hinaus, für die sind solche Positionen anschlussfähig. Leider. Dafür darf es keinen Preis geben!“

Gilt der Wawzyniak-Bann auch Bischoff Desmond Tutu?

“Ich habe die systematische Erniedrigung von palästinensischen Männern, Frauen und Kindern durch Mitglieder der israelischen Sicherheitskräfte beobachtet. Ihre Erniedrigung kommt allen schwarzen Südafrikanern bekannt vor, die durch Sicherheitskräfte der Apartheidregierung eingezäunt, belästigt und beleidigt  und angegriffen wurden …. In Südafrika hätten wir unsere Demokratie ohne die Hilfe von Menschen überall auf der Welt nicht erreicht, die durch gewaltlosen Methoden, wie etwa Boykotts und Divestments (Veräußerungen von Investitionen, VG), ihre Regierungen und andere Geschäftsführende ermutigt hätten, ihre jahrzehntelange Unterstützung des Apartheidregimes umzukehren…. Wer sich über Ungerechtigkeit blind stellt hilft dadurch, die Ungerechtigkeit zu verewigen. Wenn Sie in Situationen der Ungerechtigkeit neutral bleiben dann haben Sie die Seite der Unterdrücker gewählt.“  (The Jerusalem Post: Israel News, den 9. Dezember 2017)

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Mairead Maguire von Irland, nachdem sie auf dem “Boot der Frauen nach Gaza” von Israeli-Sicherheitskräften verhaftet und deportiert wurde, sagte dazu:

„Wir werden deportiert und tragischerweise nicht erlaubt, zurückzukehren, um unsere Freundinnen in Palästina und Israel zu sehen. Das ist total illegal. …Arbeitet also für Freiheit und Menschenrechte, für das Aufheben der Blockade gegen das Volk von Gaza,  für die Freiheit des palästinensischen Volkes und für Freiheit im Mittleren Osten. Gemeinsam  können wir das schaffen. Es ist kein Traum. Und wir sind hier persönlich weil wir an Menschenrechte glauben, an Menschenwürde für das palästinensische Volk.“

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Der frühere USA-Präsident James Carter sprach auch darüber – und zwar in Bemerkungen, die vom Israel Radio gesendet wurden:

„Wenn Israel Territorium tief innerhalb der Westbank besetzt, die mehr als 200 Siedlungen miteinander durch eine Straße verbindet, und dann die Palästinenser verbietet, die Straße zu benutzen, öfters sogar sie auch nur zu überqueren, dann werden Formen des Apartheid fortgesetzt, die sogar noch schlimmer sind als solche, die wir in Südafrika gesehen haben.“

Über sein Buch, „Palestine: Peace Not Apartheid” sagte Carter, “Die Hoffnung ist, dass mein Buch mindestens eine Debatte stimulieren wird, welche in diesem Land nicht existiert hat. Es gab über dieses Thema niemals eine Debatte von irgendwelcher Bedeutung.“

Man muss hinzufügen, dass Carters Buch wegen seiner harten Kritik auch als zum Teil anti-semitisch angegriffen wurde. Und gewiss, es gibt irgendwie über solche Fragen noch scharfe Meinungsunterschiede, auch in der LINKE. Geht aber die Autorin, beim Versuch, die Meinungen der Zitierten zu tabuisieren – nicht entschieden zu weit wenn sie sich über solche Meinungen aufregt? Darf man fragen, ob ihre Forderung: “Dafür darf es keinen Preis geben!“ hier nicht auch vielleicht zuträfe, und dass Tutu, Carter, und Maguire (wie auch Leymah Gbowee aus Liberia, die an einem Friedensmarsch von etwa 5000 jüdischen und arabischen Frauen an der Israel-Libanon-Grenze teilnahm), alle vier am besten ihre Nobel-Friedenspreise abgeben sollten?

Man muss aber nicht so hoch und weit suchen. Vor fünf Jahre schrieb Sigmar Gabriel nach einem Besuch der Stadt Hebron im Westjordanland: „Das ist für Palästinenser ein rechtsfreier Raum. Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt.“… Ich halte die aktuelle Siedlungspolitik (Israels) für falsch. Ich halte die Verhältnisse in Hebron für unwürdig.“ (Später zog er nach starke Druck der Medien den Apartheid- Vergleich zurück, nicht aber die Kritik).“ (Spiegel Online, 15.März 2012)

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Um das Thema abzurunden, kann man Noam Chomsky zitieren. Nachdem er darauf hinwies, dass Waffenexporte der USA nach Israel, wohl 3 Milliarden Dollar jährlich im Wert, eine Verletzung des USA-Gesetzes sind, spricht er über die wachsende Ablehnung in den USA, (auch gerade bei vielen jüdischen Studentinnen und Studenten) die Netanjahu-Politik zu unterstützen:

Das ist neu, und widerspiegelt etwas, was im Lande geschieht. Man sieht es in den Umfragen, besonders unter jungen Leuten. ..Ich merke das selbst, persönlich. Über solche Fragen rede ich seit fast 50 Jahren. Früher musste ich buchstäblich Polizeischutz haben, sogar an der eigenen Universität. Die Treffen wurden mit Gewalt verhindert, mit enormem Protest. Etwa im letzten Jahrzehnt hat sich das gründlich verändert, und palästinensische Solidarität ist vielleicht zur größten Frage in den Hochschulen geworden. Ein riesiges Publikum. Da gibt es vom Publikum kaum noch eine feindliche Frage. Am meisten fällt das bei jüngeren Leute auf, doch werden sie auch älter.“

Wie gesagt, die Meinungen unterscheiden sich scharf. Doch frage ich mich, ob sich DIE LINKE rechts von Sigmar Gabriel und den anderen stellen soll, nun gegen fast die ganze UNO und im gemeinsamen Front mit Donald Trump und seiner Umgebung? Wäre nicht das gerade eine Art Querfront mit Rechtspopulisten und Nationalisten?

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Wie ist das nun mit dem häufigen Vorwurf gegen „Verschwörungstheoretiker“? Ich habe ihn nie wirklich begriffen. Das  Schimpfwort  scheint manchmal solche Typen zu betreffen, die Israel oder „die Juden“ hinter dem Angriff von 11.9. sehen wollen, oder irgendeine neuere Version der „Protokoll von Zion“-Fälschung über eine jüdische Weltverschwörung. Insofern das zutrifft – solche „Thesen“ sind mit allen Mitteln zu verurteilen, ja auch zu widerlegen. Weil wir in Deutschland sind müssen wir besonders vorsichtig sein und den alten Nazi-Hetzern keinen Zentimeter Freiraum lassen. Wenn Jebsen oder andere in seiner Nähe in diese Richtung wandern sind sie schärfstens  zu opponieren – aber mit Fakten und Zitaten, nicht mit vagen Andeutungen.

Über den 11.9. spreche ich nicht definitiv von einer Verschwörung. Ich kann ja die Geheimnisse nicht wissen.  Doch habe auch ich immer noch Fragen über viele kuriose Fakten. Konnten Flugamateure wirklich so genau zielen? Wie war das mit den Wrackteilen beim Untergang des vierten Flugzeugs? Und mit dem Pentagon sind die Bilder irgendwie seltsam, die Erklärungen  ebenso. Wie konnte ein drittes Gebäude, von nichts getroffen, so peinlich genau in sich zusammensinken? Wenn die meisten der Entführer Saudi-Araber waren, wie auch der angebliche Hauptschuldiger Osama Bin Laden (also doch eine Verschwörung), warum durften viele Diplomaten aus Saudi-Arabien den USA sehr schnell verlassen trotz eines allgemeinen Flugverbots? Mag sein, dass es sehr gute Antworte gibt, die ich nicht kenne. Doch gänzlich von den Thesen von Verrückten oder von echten Antisemiten abgesehen, für mich bleiben genügende Fragen übrig, um legitim über eine mögliche Verschwörung nachzudenken (wie auch häufig bei einem Großteil der amerikanischen und der Weltbevölkerung).

Außerdem, bestand die Geschichte nicht im recht großen Masse aus Verschwörungen? Es gab ja so viele, schon gegen Julius Caesar und Jesus Christi. Glaubt die Autorin wirklich, dass beide Kennedy-Brüder von Einzeltätern ermordet wurden? Und auch Martin Luther King? Waren es keine  Verschwörungen, die Kriege auslösten: die Emser Depesche 1870 und „Remember the Maine“ in Kuba 1898 bis zum Tonkin-Golf 1964, den illusionären Waffen von Saddam Hussein in Irak in 2003 – und so weiter? Hat Halina Wawzyniak nie von der geheimen Vereinbarung zwischen Ronald Reagan und Papst Johannes Paul II im Vatikan am 7. Juni 1982 gehört, um die Ressourcen des Vatikans und der USA dafür einzusetzen, die polnische Regierung zu destabilisieren? „Eine freie, nichtkommunistische Polen… würde ein Dolch ins Herz des sowjetischen Reichs sein, und wenn Polen demokratisch würde, andere osteuropäische Staaten würden folgen.“ (Sie kann den faktenreichen Bericht darüber von Carl Bernstein in TIME vom 24. Februar 1992 lesen)?

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Als ein Asylant aus der McCarthy-Ära in den USA verfolgte ich besonders  sorgsam, wie in April 1966 in der New York Times bekannt wurde, dass die CIA ein Propagandanetz aufgebaut hatte, über 800 Zeitungen, Zeitschriften und Nachrichtenagenturen beeinflusste, wie sie Touren organisierte – Kunstausstellungen, Jazz-Musiker, Opernstars, sogar die Verfilmung von George Orwell’s “Animal Farm”, ja, sogar die Boston Symphony Orchestra.  Falsche Fronts, Dummy-Stiftungen,  Subventionen für Kulturzeitschriften und wissenschaftliche Enquete, angeblich unabhängig, mit prominenten Autoren und Professoren wurden von der CIA gegründet, um den Eisernen Vorhang „besser zu durchlöchern“ und “den Osten durcheinander zu bringen.“

Ein Jahr später gab der Leiter dieses Programms der CIA, Thomas Braden, die riesige Rolle der CIA zu – unter dem Titel „Ich bin froh, dass die CIA ‚unmoralisch‘ ist“! Dass Zentrum dieser Aktivität sei Westberlin. Ein Zentrum der Planung, stellte es sich heraus, war das von der Familie Rockefeller gegründete und geleitete Museum of Modern Art!

Ja, war nicht Hitlers Machtergreifung eine Verschwörung? Das Nachdenken etwa von LINKE vag als „Verschwörungstheoretiker“ zu disqualifizieren, ohne zu sagen welche Verschwörung gemeint ist  – kommt mir gerade seltsam vor, wie ein Wandern durch die Geschichte mit verbundenen Augen, was ja gerade das Feld für den Antisemitismus zugänglicher macht.

Ja, wenn man die Medien liest, scheint es immer noch eine Menge von Verschwörungen zu geben. Denken wir nur an die NSU! Der Artikel macht den Vorwurf, „Immer schwingt da eine dunkle Macht im Hintergrund mit, die angeblich die Strippen zieht.“ Nun, ob es nur eine einzige sei, und warum sie dunkel sein soll weiß ich nicht, doch vermute auch ich manche mächtige Strippenzieher. Und wenn die Autorin sie nicht sieht, soll es tabu sein, daran zu glauben oder danach zu fragen?

Halina Wawzyniak meint aber, dass es hier nicht um Zensur geht. Unbehagen zu äußern – wie im jetzigen Fall – sei ja ein normaler vernünftiger Vorgang. Nun, Unbehagen (und das war etwas stärker als Unbehagen) ist tatsächlich nicht Zensur wenn ich etwa ihren Artikel kritisiere, oder sie etwa meine Kritik. Wenn aber das Unbehagen von einem führender, ja, fast maßgeblichem Senator geäußert wird, der durch seine Position recht viele Macht repräsentiert, dann darf man wohl fragen, ob das nicht etwas anders darstellt als nur „Unbehagen äußern“. Ich bin alt genug, um mich an dem schwarzen Sänger-Schauspieler Paul Robeson zu erinnern. Bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war er einer der, wenn nicht gerade der beliebtesten Künstler der Welt. Doch weil seine Ansichten beim neuen Kalten Krieg allzu „russenfreundlich“ waren, haben sämtliche „Qualitätsmedien“ – um Halina Wawzyniaks Begriff zu benutzen,  mit einem Schlag ein absolutes Tabu gegen seinen Namen verhängt – während sämtliche Auftritte in Film, auf der Theater- oder Konzertbühne verhindert wurden, wobei damals die FBI im Inland und die CIA im Ausland die Tätigkeit einteilten.

Nun, ich möchte mit keinem Wort Jebsen mit Robeson vergleichen. Nur will ich über Zensur nachdenken. Solche Gedanken lohnen sich immer – fand ich – in den USA, dann in der DDR, und nun in der Bundesrepublik.

Schließlich äußert die Autorin Sorgen, die auch mir welche verursachen. Sie schreibt:

„Aber nicht genug. Denn mehrere Vorstandsmitglieder stimmten dagegen oder enthielten sich. Das macht Sorge. Das Votum zeigt, dass es leider für einige Linke immer noch ein einfaches Weltbild gibt. Wir sind die Guten und da die Bösen. Da wird nicht auf Strukturen und Mechanismen geschaut, sondern personalisiert. Da wird am Nationalstaat festgehalten, als hätte sich die Welt nicht längst weitergedreht. Da ist Russland gut und die USA böse, da wird die Demokratie gesteuert von der Wirtschaftsmafia, der Wall Street und den Geheimdiensten in Washington und Tel Aviv. In dieser Weltsicht sind viele Geflüchtete nur die Opfer der Anwerbung Hochqualifizierter und schaden damit eigentlich nur ihrem Herkunftsland.“

Ich war nicht bei diesem Votum oder der Diskussion dabei. War sie? Wurde sie veröffentlicht? Und wieso erweitert sie auf einmal ein Votum über die Verhinderung einer wenn auch unerwünschten Feier mit all den anderen Sünden, die ihr einfallen? Soweit ich weiß haben  weder Gehrke noch Dehm oder Reymann sich für die Positionen des Jebsens oder der Veranstalter engagiert, sondern dafür, dass die Feier stattfinden darf. Was deren angeblichem „einfachen Weltbild… von Guten und Bösen“ betrifft, tut sie nicht gerade das mit ihrer fast bedrohlichen Frage: „Warum tut sich die Linke immer wieder so schwer mit solchen Leuten?“  Ist nicht gerade ihr Begriff „solche Leute“ nicht geradezu besonders  “personalisiert“ – die ja eine Trennung in „die Guten und da die Bösen“ erreichen will, was die den anderen ja vorwirft? Und ist nicht das plötzliche Einbeziehen des Vorwurfes „Russland gut und die USA böse“ nicht nur vollkommen irrelevant hier, aber noch eine zusätzliche starke Vereinfachung von Positionen. Gleichen „solche Leute“ wirklich sowohl Trump wie Sanders als gleichmäßig die USA „Bösen“?

Es soll allerdings auch welche – auch in der LINKE, die eine solche Vereinfachung tatsächlich machen, und alles, was sie „anti-amerikanisch“ nennen scharf verurteilen — wenngleich sie seit der Ära Trump etwas ruhiger geworden sind.

Ist nicht eine harte Polemik gegen einige recht kämpferische LINKE nur deshalb, weil sie „falsch votierten“ oder auch nur die Stimme enthielten – also bei einem Votum unterlagen – ein fragwürdiges Unternehmen in einer Partei, die sich einen Vielfalt an Meinungen feierlich verpflichtete?

Und wenn sie fortfährt „Wie also umgehen mit Dehm und Co.? Den meist von außen geforderten Parteiausschluss (von wem denn?, VG) halte ich für eine schlechte Lösung. Nach dem Parteiprogramm knüpft die Linke bewusst nicht an alle Traditionen aus der sozialistischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterbewegung an, sondern explizit an linksdemokratische. (Ich wäre neugierig, wie sie diese unterscheidet, etwa die sozialdemokratischen von den linksdemokratischen, VG). Dann meint sie, „die Partei muss das Problem mit der Querfront demokratisch lösen, nicht administrativ. Ein Ausschluss wäre nur eine oberflächliche Korrektur. Letztlich müssen die Mitglieder entscheiden. Sie können Personen, die der Querfront nahestehen, entweder weiterhin in Ämter und Mandate heben – oder ihnen eine klare Absage erteilen. Im Juni 2018 wird ein neuer Parteivorstand gewählt. Es wird ein Glaubwürdigkeitstest.“

Sie vermengt also die Frage des Jebsen-Feier mit allen ihr unliebsamen Ideen von anderen Mitgliedern und Abgeordneten der LINKE, die sie mit „Querfront“ verdammt– und fordert, dass sie entfernt werden.

Meine Kummer basiert auf die Frage: Ist diese Position wirklich demokratisch und tolerant?  Lenkt sie von dringenden  Problemen ab? Dient sie der Partei?