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Syrien hat den UN-Sicherheitsrat aufgefordert, die wiederholten militärischen Angriffe Israels zu verurteilen und unverzüglich entschiedene Maßnahmen zu ergreifen, um ihnen Einhalt zu gebieten. Unmittelbarer Anlass der am Donnerstag vom Außenministerium in Damaskus veröffentlichten Stellungnahme war ein Vorfall in der Nacht. Dabei hatten israelische Flugzeuge nach offizieller syrischer Darstellung mehrere Raketen auf eine nicht genauer bezeichnete »militärische Stellung« in der Nähe der Stadt Masjaf bei Hama abgefeuert. Zwei Armeeangehörige seien getötet worden, und es seien Sachschäden entstanden. Von israelischer Seite gibt es, wie fast immer in solchen Fällen, keine Bestätigung des Angriffs, geschweige denn eine Begründung.
Umso mehr blühen in israelischen und internationalen Medien die Mutmaßungen und Unterstellungen. Der Angriff habe einem »wissenschaftlichen Forschungszentrum« gegolten, ist noch die vergleichsweise nüchternste Angabe. Erheblich weiter geht die Behauptung, dass dort chemische Waffen produziert worden seien. Wahlweise ist auch die Rede von Raketen und anderen Waffen, die dort hergestellt oder gelagert worden seien. YNet, die Onlineausgabe der führenden israelischen Tageszeitung Jediot Achronot, meldete am Donnerstag sogar ohne sachliche Anhaltspunkte, dass das »Forschungszentrum« für die Entwicklung von »nuklearen, biologischen und chemischen Waffen sowie von Raketentechnologie« verantwortlich sei.
Die genannte Stellungnahme des syrischen Außenministeriums enthält eine »Warnung« vor den »katastrophalen Folgen solcher Angriffe, die die Verbrechen und Praktiken des ›Islamischen Staats‹ (IS) ergänzen, zur Eskalation der Lage und des Konflikts in der Region und der Welt beitragen«. Viele Medien interpretierten das ihrerseits als Vergeltungsdrohung gegen Israel. Die Deutung gibt jedoch weder der Wortlaut oder Kontext her noch die bisherige Erfahrung: Syrien hat auf die zahlreichen militärischen Provokationen Israels in keinem einzigen Fall mit einem Gegenschlag reagiert.
Das gleiche lässt sich von der schiitischen Hisbollah sagen, die die syrischen Streitkräfte im Kampf gegen den IS und andere Terrororganisationen unterstützt. In einem Gespräch mit der Tageszeitung Haaretz, das am 17. August veröffentlicht wurde, sagte der frühere Luftwaffenchef Generalmajor Amir Eschel, die Gesamtzahl der israelischen Angriffe auf Truppen und Nachschubkonvois der Hisbollah in Syrien seit 2012 liege nahe bei hundert. Im selben Zeitraum wurde nicht eine einzige militärische Aktion der Hisbollah gegen Israel bekannt. Es ist daher ungeheuerlich, dass der israelische Präsident Reuven Rivlin am Donnerstag bei einem Staatsbesuch in Berlin gegenüber Kanzlerin Angela Merkel argumentierte, »der ständige Beschuss Israels durch die Hisbollah« lasse »keine andere Wahl, als entsprechend zu antworten«, wie die Jerusalem Post nach dem Treffen zitierte.
Die politische und militärische Führung Israels bereitet ihre Verbündeten und Partner, zu denen in diesem Sinne auch Russland gehört, auf einen neuen »Krieg im Norden« vor. Die bewusst gewählte Bezeichnung schließt neben dem Libanon auch Syrien ein. Am Dienstag haben in Nordisrael die seit zwanzig Jahren größten Militärübungen begonnen, an denen mehrere zehntausend Soldaten teilnehmen werden. Der offiziell ausgemachte Feind ist die Hisbollah. Die Kriegsspiele sollen bis zum 14. September andauern. In der nächsten Woche wechselt »die Lage« von Defensive zu Offensive.