Aleppo atmet wieder: Wie die Syrer eine zerstörte Stadt wieder aufbauen (RT Deutsch)

 

Eine herausgeputzte Stadt Aleppo empfängt den Reisenden von Osten her. Lange Zeit gesperrte Straßen sind wieder geöffnet, der Verkehr verteilt sich, Staus nehmen ab. Die Zufahrt vom Flughafen ist neu asphaltiert, auf dem Mittelstreifen sind Palmen gepflanzt.

von Karin Leukefeld, Aleppo

Am Abend versammeln sich viele Aleppiner um die mächtige Zitadelle, die den vergangenen Kriegsjahren stoisch widerstanden hat. An der östlichen Mauer findet sich ein Einschlag, sonst ist die hoch über der Altstadt thronende Burg unbeschädigt. Paare und Freunde fotografieren sich gegenseitig und machen Selfies vor dem imposanten Eingangstor. Kinder toben herum, Händler bieten Popcorn und Süßigkeiten an.

Im Schatten der Altstadtruinen liegt ein kleines Café, das seinen Betrieb wieder aufgenommen hat. Mit der untergehenden Sonne werden Tische und Stühle auf dem großen Platz unterhalb der Zitadelle aufzustellen. Bald sitzen die ersten Paare, Familien, Freunde und genießen bei einem Tee oder kühlen Getränk den frischen Abendwind. Die Aleppiner nehmen ihr Leben wieder in die eigenen Hände.

Kehrt einer zurück, folgen die Nachbarn

Fast alle Straßen der Stadt sind von Kriegsschrott, Abfallbergen und Geröll weitgehend gereinigt. Dadurch tritt die Zerstörung in weiten Teilen der Stadt umso stärker hervor. Ausgebrannte, ganz oder halb zerfallene Häuserblocks liegen verlassen. In den Vororten Masaken Hannano oder Bani Zeid stehen leere Häusergerippe. Doch in andere Stadtteile sind die Menschen zurückgekehrt und organisieren ihr neues Leben inmitten der Ruinen.

„Wir können hier wieder atmen“, sagt Jamal. Er hat seine Wohnung neben dem Krankenhaus in Sikari provisorisch wieder hergerichtet. Auch andere Nachbarn im Haus und in der Nachbarschaft sind zurückgekehrt. „Wenn einer anfängt, fassen die anderen Mut“, meint Jamal. Doch von dem Leben, das sie einst kannten, könne nicht die Rede sein.

Jamal kam Ende 2016 zurück, gleich nach dem Abzug der bewaffneten Gruppen. Er setzt sich aktiv für die Versorgung in seinem Viertel ein. Die Nachbarn sammeln altes Brot, um es an die Tiere zu verfüttern. Sie haben einen Brunnen eingerichtet, der Wasser per Schläuchen in einen Wassertank pumpt. Jeder aus dem Viertel kann sich gratis bedienen. Der Staat hilft mit Schläuchen und Kabeln, den Rest schultern die Menschen selber.

Den Strom liefert der Generator einer kleinen Textilfabrik. Das Familienunternehmen hat erst vor wenigen Wochen die Arbeit wieder aufgenommen. Die Schule des Viertels, die von der Nusra-Front als Hauptquartier benutzt worden war, Gefängnis inklusive, wird renoviert. Nicht alle Nachbarn beteiligen sich an den Projekten, viele haben kein Geld, erklärt Jamal. Doch alle könnten davon profitieren.

Der Staat kann nur wenig für uns tun, wenn wir Strom und Wasser erhalten, ist das schon viel.

Terroristen hinterließen Sprengfallen in Schulen

Geduldig nehmen die Menschen die Mühen des Alltags auf sich. Sie warten darauf, dass die Bäckereien eröffnen, die Ärzte zurückkehren und der Strom wieder eingeschaltet wird. Die neue Stromtrasse zwischen Homs und Aleppo wurde in einer Rekordzeit von sechs Monaten errichtet, wartet jedoch noch auf die offizielle Inbetriebnahme. Im Zentrum von Aleppo sorgen Solaranlagen für erleuchtete Parks und Straßenkreuzungen. Der Rest der Stadt liegt nach Sonnenuntergang weitgehend im Dunkel.

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