Alltag am Horizont In Syrien versucht die Bevölkerung, zur Normalität zurückzukehren. Zerstörte Infrastruktur erschwert den Neuanfang – Von Karin Leukefeld, Aleppo (junge Welt)

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Der Weg von Damaskus nach Aleppo ist mühsam. Teile der direkten Autobahn M1 aus Syriens Hauptstadt Richtung Norden über Homs und Hama gelten noch als unsicher. In den östlichen Städten und Ortschaften um Damaskus kontrollieren bewaffnete Gruppen die Schnellstraße mit Scharfschützen. Deswegen wird der Verkehr schon hinter dem Damaszener Berg Qassioun umgeleitet und erreicht erst nach 30 Kilometern die Autobahn.

Nördlich von Homs jedoch ist die Weiterfahrt nach Aleppo gesperrt. Hier beginnt eines der vereinbarten Deeskalationsgebiete; auf einem großen Parkplatz werden Waren für die Zone umgeladen. Weiter nördlich, ab Hama, wird die Autobahn von der Fatah Al-Scham Front kontrolliert. Das Gebiet wird noch immer umkämpft.

Wir biegen auf eine schmale Landstraße Richtung Rakka ab. »Machen Sie einen U-Turn«, fordert die Stimme aus dem GPS-Gerät den Fahrer immer wieder auf, bevor es sich mit der neuen Route abfindet. Die Dörfer werden weniger, die Wüstenregion beginnt. Der Umweg nach Aleppo durch den »Korridor« verlängert die Fahrt von ursprünglich vier auf sechs bis zehn Stunden. Schwer beladene Lkws und voll besetzte Busse brauchen oftmals noch länger, weil sie immer wieder an Kontrollpunkten des Militärs halten müssen.

Doch die Syrer lassen sich nicht aufhalten. Aus dem Norden und Nordosten des Landes werden Öl, Weizen und Baumwolle in die zentral gelegenen Städte Homs und Hama oder nach Damaskus gebracht. Der Schrott des Krieges wird im Stahlwerk in Hama oder ebenfalls in der Hauptstadt eingeschmolzen. Umgekehrt transportieren die Syrer Zement und Holz in den Norden des Landes. Eine neue Stromtrasse mitten durch den »Korridor« nach Aleppo wurde in nur sechs Monaten gebaut und wartet nun auf den Betriebsbeginn. Bislang sind Aleppos Straßen und öffentliche Plätze mit Solarstrom beleuchtet.

In weiten Teilen des Landes haben Truppen und Milizen die Kämpfe eingestellt, über 2.000 lokale Waffenstillstände wurden vereinbart. Nach dem staatlichen Amnestieprogramm für syrische Kämpfer, die ihre Waffen ablegen, und den in der kasachischen Hauptstadt Astana ausgehandelten Deeskalationsgebieten kämpft die syrische Armee an der Seite ihrer Verbündeten Russland, Iran und der libanesischen Hisbollah nun vor allem um die Sicherung der östlichen Stadt Deir Essor und um die Grenzgebiete im Osten und zu Libanon.

Die Bevölkerung Syriens kümmert sich unterdessen um die Neuorganisierung ihres Alltags. Familien kehren in ihre Heimatorte zurück; einige wollen die Schäden begutachten, andere endlich bleiben. Die Aufräum- und Wiederaufbauprogramme, die das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) mitfinanziert, schaffen neue Arbeitsplätze und damit ein erstes Einkommen für die Familien. Gerade im Transportwesen finden viele Syrer eine Anstellung.

Ein Lkw-Konvoi, auf dessen Wagen sich Kriegsschrott und Altmetall geradezu stapeln, schlängelt sich Richtung Süden durch die Stadt Sfira, die rund 30Kilometer südöstlich von Aleppo liegt. Auf der anderen Seite fahren Kolonnen leerer Öltanklaster nach Manbidsch, von wo aus sie in wenigen Tagen mit Öl gefüllt nach Hasaka zurückkehren werden. Getreide und Baumwolle wird aus dem kurdischen Rojava in Richtung Aleppo, Homs und Damaskus gefahren.

Weizen wird vor allem in Rakka, Hasaka und Qamischly angebaut, erklärt Mohammed Schahin von der syrischen staatlichen Getreideorganisation gegenüber jW. Mehl müssen sie aber trotzdem liefern lassen. Die Weizenproduktion in Syrien hätte vor dem Krieg als strategische Reserve für zwei Jahre ausreichen können, nun sei sie um etwa fünfzig Prozent zurückgegangen, ergänzt sein Kollege Khalid Al-Fawhari. Elf der 35 Mühlen in Syrien seien immer noch außer Betrieb. 2012 besetzten bewaffnete Gruppen die gefüllten Getreidesilos und verkauften den Weizen innerhalb des Landes oder in die Türkei. Der Erlös füllte die Kriegskassen. Heute muss Syrien das Korn auf dem Weltmarkt ersteigern, was aufgrund der US- und EU-Sanktionen nahezu unmöglich ist. Das Getreide für das syrische Brot kommt deswegen heute oft aus Russland.

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