Rezension: Christian Russau: Abstauben in Brasilien (German Foreign Policy)

Klare Verhältnisse herrschten in den Jahren der brasilianischen Militärdiktatur (1964 bis 1985) bei VW do Brasil. Gewerkschafter? Die waren, so zitiert Christian Russau Erkenntnisse des Historikers Rodolfo Machado, damals ganz einfach „Fälle für die Polizei“. Heinrich Plagge etwa, der als Metallarbeiter hart für VW do Brasil schuftete, sich aber zugleich in einer Gewerkschaft engagierte, um für seine Rechte und diejenigen seiner Kollegen einzutreten. „Am 8. August 1972“, berichtet Russau, „wurde er gegen 14 Uhr in das Büro des VW-Managers Ruy Luiz Giometti gerufen, wo neben Giometti zwei Unbekannte auf ihn warteten und ihn für verhaftet erklärten.“ Plagge wurde in ein berüchtigtes Folterzentrum verschleppt, dort 30 Tage lang gequält und anschließend in ein Gefängnis verlegt, aus dem er am 6. Dezember – rund vier Monate nach seiner Verschleppung – freigelassen wurde. „Am 22. Dezember 1972, 16 Tage nach seiner Entlassung, erhielt er die Kündigung durch Volkswagen“, schreibt Russau. VW do Brasil hatte sich den unbequemen Gewerkschafter vom Hals geschafft. Aufmüpfigkeit gegen die Konzernspitze – das sollte die Aktion deutlich machen – war zwecklos.
Die Kollaboration von VW do Brasil, aber auch von anderen westlichen Konzernen mit dem brasilianischen Militärregime ist eines der großen Themen, die Christian Russau, Journalist, Autor und Redakteur der Lateinamerika Nachrichten, in „Abstauben in Brasilien“ behandelt. Die Kollaboration reichte – möglicherweise, muss man hinzufügen, denn Volkswagen streitet natürlich alles ab – deutlich über das Ausspionieren unbequemer Oppositioneller und über die Öffnung des Werksgeländes für Folterer hinaus. Ein Beispiel bietet die Rolle der deutschen Firma im Centro Comunitário de Segurança do Vale do Paraíba (Cecose), einem Unternehmensnetzwerk, das dazu diente, Informationen über Arbeiter „und deren gewerkschaftliche und politische Aktivitäten“ auszutauschen, wie Russau erläutert. 6. Juli 1983: Im Cecose nehmen die Werkschutz- und Sicherheitschefs von 25 Firmen sowie Vertreter von Heer, Luftwaffe und Polizeibehörden an einer Sitzung teil, auf der ein VW-Repräsentant ein achtseitiges Papier mit detaillierten Angaben über „gewerkschaftliche und politische Aktivitäten von VW-Beschäftigten“ vorstellt. Die Führungsrolle von VW do Brasil auf der Cecose-Tagung interpretieren Kritiker dahingehend, dass der Konzern wohl als „eine Art Geheimdienstkoordinator dieser Gruppe“ auftrat. Für diese Vermutung spricht – so urteilt Russau -, dass Volkswagen wegen seiner Größe und wegen des beachtlichen Umfangs seiner „Sicherheitsabteilung“ dafür besonders geeignet war: Im Herbst 1980 etwa sind bei VW do Brasil „300 Werkschutzleute beschäftigt“ gewesen, „um 40.000 MitarbeiterInnen zu überwachen“.
Russau beleuchtet zahlreiche weitere Felder bundesdeutscher Konzerntätigkeit in Brasilien. Er berichtet über die Nukleardeals der Bundesrepublik mit dem Land, die in den 1950er Jahren zum ersten Mal in den Blick genommen wurden und während der Militärdiktatur eine echte Blütezeit erlebten; über die Stahlwerkspläne von ThyssenKrupp in Rio de Janeiro und über den entschlossenen Anwohner-Widerstand dagegen; über die Mitverantwortung von Siemens für den Staudamm Belo Monte am Rio Xingu; über die Erzlagerstätten von Carajás, deren Ausbeutung zugunsten auch deutscher Konzerne regelmäßig zu Konflikten um Bergbau und Land führt wie am 17. April 1996, als Militärpolizisten bei Eldorado dos Carajás 19 Demonstranten erschossen. Auch die deutsch-brasilianische Rüstungskooperation wird beleuchtet – in all ihrer historischen Tiefe, die bis weit in die Zeiten des Kaiserreichs zurückführt. Wer sich für die Folgen auswärtiger Konzerntätigkeit in Lateinamerika interessiert oder auch nur ein wenig über die Rolle wissen möchte, die Deutschland – die selbsternannte Weltmacht in Sachen Humanität und Ökologie – im Ausland tatsächlich spielt, sollte unbedingt „Abstauben in Brasilien“ lesen.

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/59645

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