Russland/China, die „Neue Seidenstraße“, das Ende des globalen Wirtschaftsliberalismus und der unipolaren Welt ….

 

Auszug aus einem Interview Interview der Deutsche Wirtschafts Nachrichtenmit Antonio Fallico https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2017/07/17/intesa-russland-sanktionen-kosteten-deutschland-500-000-jobs/ vom 17.07.2017. Antonio Fallico ist Präsident der Banca Intesa (russische Tochter der italienischen Intesa Sanpaolo Group)  und Vorsitzender des Aufsichtsrats des ersten russisch- italienischen Private Equity Fonds MIR Capita.

Deutsche Wirtschaft Nachrichten: Führen die Sanktionen gegen Russland zu einer Annäherung zwischen Russland und China?

Antonio Fallico: Der russisch-chinesische Dialog entwickelt sich seit über zwanzig Jahren – aus sich selbst heraus und unabhängig von den Sanktionen. Denken Sie daran, dass die beiden Länder eine gemeinsame Grenze von über 4.000 Kilometern haben.

Allerdings dürften die Sanktionen Moskau und Peking deutlich gemacht haben, wie brüchig ihre Beziehungen zum Westen sind: Der Westen kann Sanktionen verhängen – auch wenn sie den eigenen Interessen schaden – wenn ihm irgendetwas nicht passt. Um also ihre Positionen zu stärken, haben sich China und Russland einander angenähert. Es ist klar, dass es dabei auch immer wieder zu Interessenskonflikten kommt, die auszudiskutieren nicht immer einfach ist. Allerdings verlieren beide dabei nie die Notwendigkeit aus den Augen, zu positiven Ergebnissen zu kommen. Nicht zuletzt, um sich den Rücken freizuhalten und der westlichen Allianz gegenüber besser zu positionieren. Ich denke, dass die Urheber der Sanktionen das nicht vorhergesehen haben.

Bedenken Sie auch, dass sich für China die strategische Lage geändert hat. Jetzt hat es an seiner Nordgrenze kein feindliches Land mehr, sondern einen Partner, der über für China wichtige Ressourcen verfügt. Wäre es ohne die westlichen Sanktionen anders gelaufen? Das weiß ich nicht. Russland hat sich mit China einen alternativen Absatzmarkt für seine hauptsächlichen Exportgüter geöffnet: Öl, Gas und andere Rohstoffe. Das wäre wohl früher oder später ohnehin passiert, aber die Sanktionen mögen den Prozess beschleunigt haben. Denken Sie beispielsweise daran, wie auf politischer Ebene versucht wird, das Projekt einer zweiten Gaspipeline durch die Ostsee, die Nordstream- 2, zu hintertreiben.

Hinzu kommt – und dies ist überraschend –  dass Russland nun auch Agrarprodukte ausführt. Auch sind die Chinesen inzwischen – dies nur ein Detail am Rande – ganz wild auf russisches Speiseeis.

Deutsche Wirtschaft Nachrichten: Welches Potential steckt in dem chinesischen Projekt der „Neuen Seidenstraße“ oder OBOR („One Belt – One Road“)?

Antonio Fallico: Das Potential ist enorm. Die nicht-kommerzielle Vereinigung „Conoscere Eurasia“, organisiert seit zehn Jahren mit Unterstützung der Bankengruppe Intesa Sanpaolo in Verona das eurasiatische Forum http://www.forumverona.com/it/. Im letzten Jahr hat die Rechercheabteilung der Intesa Bank die Neue Seidenstraße unter die Lupe genommen. Zu welchen Ergebnissen ist sie gekommen?

Für die Chinesen handelt es sich bei OBOR um ein langfristiges Projekt, mit dem geopolitische Probleme angegangen und nationale wirtschaftliche Ungleichgewichte ausgeglichen werden sollen. Über Investitionen in die Infrastruktur der Länder, die sich entlang der alten Seidenstraße befinden, wird ein neuer Wirtschaftsraum erschlossen – in einer Welt, die dabei ist, multipolar zu werden. Russland begegnete diesem Vorhaben zunächst mit einem gewissen Misstrauen, betrachtete es als potentielle Konkurrenz um Einfluss im postsowjetischen Raum. Aber vor dem Hintergrund eines wachsenden Warenaustauschs mit China und der Entwicklung der Eurasischen Wirtschaftsunion erkennt Russland die Vorteile, die es einbringt, an diesem Prozess gestaltend mitzuwirken – auch, um nicht außen vor zu bleiben. Das Projekt entwickelt sich also weiter, von einer rein chinesischen Idee in etwas, das es allen interessierten Ländern erlaubt, die neuen Möglichkeiten zu nutzen, sich einigen Projekten anzuschließen und andere auf nationaler Ebene weiterzuentwickeln und auf diese Weise auch lokal Mehrwert zu generieren.

Deutsche Wirtschaft Nachrichten: Wird die Geburt dieser multipolaren Weltordnung friedlich verlaufen?

Antonio Fallico: Das hoffe ich sehr, auch wenn sich in einigen Weltregionen immer stärkere Spannungen aufbauen, die kaum aufzulösen sind. Sehen Sie sich den Mittleren Osten und Nordafrika an.

Die Finanzkrise des Jahres 2008 hat das Ende eines Wirtschaftsmodells eingeläutet, das wir einen globalen Wirtschaftsliberalismus nennen können. Damit will ich nicht sagen, dass es den nicht mehr gibt. Ich will aber sagen, dass er nicht mehr so funktioniert wie früher, dass er sein Entwicklungspotential erschöpf hat. Das führt zu wirtschaftlichen und geopolitischen Krisen, zu Auseinandersetzungen zwischen dem Alten, das nicht gehen will, und dem Neuen, das gerade entsteht und von dem wir noch nicht sagen können, welche Form es annehmen wird. Eins allerdings ist sicher: Die Welt wird multipolar sein, mit verschiedenen Epizentren der Macht. Die unipolare Welt hat nicht richtig funktioniert. Vielleicht kann ja nichts ohne Konkurrenz funktionieren. Wird die multipolare Welt sicherer sein? Das weiß ich nicht. Ich denke, sie wird weniger vorhersehbar sein, chaotischer. Aber vielleicht wird es in ihr gerechter zugehen.

Sehen Sie sich die Entwicklung einiger internationaler Organisationen wie den BRICS und der Shanghai Cooperation Organisation an. Erstere wird von ihren Kritikern oft als ein künstliches Gebilde betrachtet. Trotzdem entwickelt sie sich weiter, schlägt Programme vor und findet Wege, diese zu finanzieren. Ich möchte auch betonen, dass sie ein wichtiges Gesprächsforum darstellt und in Zukunft mit dem G7 vergleichbar sein könnte, der seinerseits an Einfluss verliert.

Die Entwicklung der Shanghai Cooperation Organisation oder SCO ist noch bedeutender. Den Gründungsländern – Russland, China und einige ehemalige Sowjetrepubliken – haben sich nun zwei Schwergewichte aus Südasien angeschlossen: Indien und Pakistan. Sicherlich wird diese Organisation schwer zu leiten sein. Gleichzeitig wird sie aber eine Diskussionsplattform darstellen, über die strittige Fragen geklärt und gemeinsame Entscheidungen gefällt werden können von Ländern, die sich sonst als Rivalen verstanden hätten. Da auch zahlreiche andere wichtige Länder im Warteraum der SCO Platz genommen haben, denke ich, dass diese Organisation in naher Zukunft eine der einflussreichsten in einer zunehmend multipolaren Welt sein wird.

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