Nach ihrer Münchner Rede bildet sich eine deutsche Allparteienkoalition um Angela Merkel und stärkt ihr gegen Donald Trump den Rücken (junge Welt)

https://www.jungewelt.de/artikel/311511.prost-du-sack.html

Von Arnold Schölzel

Seit der Bierzeltrede von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag in München geht der seit 20 Jahren herbeigewünschte Ruck durch Deutschland – in Politik und Medien jedenfalls. Die Frankfurter Allgemeine bemühte am Montag die Vokabel »Zeitenwende«. Das politische Berlin stellte sich geschlossen hinter die Regierungschefin und sprach wesentlich kraftvoller als sie US-Präsident Donald Trump sowie den britischen Brexit-Befürwortern das Misstrauen aus.

SPD-Chef Schulz warf Trump sogar »politische Erpressung« vor. »Der neue US-Präsident setzt nicht auf internationale Kooperation, sondern auf Isolationismus und das vermeintliche Recht des Stärkeren«, schreibt Schulz in einem Beitrag für den Tagesspiegel (Dienstagausgabe). Auch er plädiert für ein stärkeres Europa.

Rhetorisch erfüllten vor allem die Oppositionsparteien ihr Kraftmeiersoll mit Äußerungen des Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir (»Wenn Amerika wackelt, müssen wir stehen.«) sowie der Kovorsitzenden der Linkspartei, Katja Kipping, die Trump zum Behandlungsfall erklärte. Der US-Staatschef hatte beim NATO-Gipfel am Donnerstag in Brüssel den Ministerpräsidenten Montenegros, Dusko Markovic, beim Aufstellen zum Protokollfoto weggerempelt, was Kipping am Montag auf bild.de (Schlagzeile: »Die ganze Welt spricht vom Knallhart-Kurs der Kanzlerin«) veranlasste, ihm besondere Fürsorge anzuraten: »Es zeigt, dass Trump ein Problem hat und dringend professionelle Hilfe benötigt. Das Freundlichste, was mir zu Trump noch einfällt, ist, dass er ein infantiler Narzisst ist.« Im übrigen schloss sie sich dem parteiübergreifenden Aufruf an, als Antwort auf das Gebaren des US-Amerikaners müsse Europa stärker zusammenrücken. Sie verlangte, Deutschland müsse »mit dem Duckmäusertum gegenüber den USA« aufhören und »eine klare Kante gegen das Aufrüstungsdiktat von Trump« zeigen. Konkrete Forderungen nach Schließung etwa der CIA-Hackerzentrale in Frankfurt am Main, der US-Drohnenkampfbasis Ramstein, dem Abzug von US-Atombomben aus Büchel oder der Schließung des US-Kriegshauptquartiers Africom in Stuttgart kamen von keiner Seite, ebensowenig wie Kritik am vor Trumps Präsidentschaft begonnenen und Hunderte Milliarden Euro umfassenden deutschen Aufrüstungsprogramm.

Dabei hatte sich die Kanzlerin nicht zu deutschnationalen »Wir sind wieder wer«-Tönen hinreißen lassen. Sie plädierte am Sonntag bei der CSU-Veranstaltung im Münchner Vorort Trudering für eine Stärkung der EU und erklärte schließlich: »Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei, das habe ich in den letzten Tagen erlebt. Und deshalb kann ich nur sagen: Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen – natürlich in Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika, in Freundschaft mit Großbritannien; in guter Nachbarschaft, wo immer das geht, auch mit Russland, auch mit anderen Ländern. Aber wir müssen wissen, wir müssen selber für unsere Zukunft kämpfen, als Europäer, für unser Schicksal. Und das will ich gerne mit Ihnen, meine Damen und Herren.«

US-Medien, die Trump bekämpfen, kommentierten Merkels Äußerungen als eine Art Rettung der westlichen Welt. ARD-Korrespondentin Martina Buttler gab dagegen die Meinung von Trump-Anhängern mit den Worten wieder, »Merkels Unzufriedenheit sei ein Grund, sehr zufrieden zu sein«.

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