FEBRUAR 2011: Die Chancen für Djihadisten in Libyen – von Scott Stewart, STRATFOR – Gefahrenanalyse von Chaos, Destabilisierung, Fluchtbewegungen und Terrorismus für den Mittleren Osten und Europa

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Nachfolgend eine Analyse von Scott Stewart, einem Mitarbeiter von George Friedman vom Februar 2011, einen Monat vor dem Beginn des direkten militärischen Eingreifens westlicher Staaten zugunsten des Aufstands gegen die Regierung Libyens unter Gadhafi. Ganz klar wird hier bereits aufgezeigt welche Kräfte in Libyen aktiv gegen die Regierung operieren und in welche Richtung der Konflikt sich entwickeln könnte. 

Im weiteren wird in dieser Analyse klar darauf hingewiesen, dass für den Fall, dass sich die im Februar 2011 ja noch unklaren Verhältnisse weiter destabilisieren sollten eine Bedrohung westlicher Interessen entstehen könnte, und sogar Fluchtbewegungen und Terrorismus in Richtung Süd-Europa zu befürchten seien.

George Friedman ist ein US-amerikanischer Geostratege- und Sicherheitsexperte, der 1996 das private Beratungsinstitut Stratfor gründete, das  unter anderem geopolitische Prognosen erstellt.

Englischer Originalartikel  – Hier ein erster Teil der Übersetzung ins Deutsche:

Ein Aspekt der jüngsten Revolutionswelle, die wir sorgfältig beobachtet haben, ist die Beteiligung militanter Islamisten und deren Reaktion auf diese Ereignisse.

Militante Islamisten und speziell die Untergruppe militanter Islamisten, die wir als Dschihadisten bezeichnen, haben lange versucht, Regime in der muslimischen Welt zu stürzen.    …………..   Doch obwohl die Dschihadisten nicht erfolgreich waren, die Regierungen zu stürzen, werden sie immer noch als Bedrohung durch Regimes in Ländern wie Tunesien, Ägypten und Libyen angesehen. Als Reaktion auf diese Bedrohung sind diese Regimes ziemlich hart mit den Dschihadisten umgegangen, und dies hat in Verbindung mit besonderen Programmen dazu geführt, dass man die Dschihadisten weitgehend in Schach halten konnte.

Wenn wir nun sehen wie sich die Situation in Libyen entwickelt, gibt es Bedenken, dass die Lage im Gegensatz zu Tunesien und Ägypten dazu führen könnte, dass der Aufstand in Libyen nicht nur zu einem Wechsel des Herrschers, sondern auch zu einem Regierungswechsel und vielleicht sogar zu einem Zusammenbruch des Staates führen könnten. In Ägypten und Tunesien konnten starke militärische Regime die Stabilität nach dem Sturz eines langjährigen Präsidenten sicherstellen. Im Gegensatz dazu hat in Libyen der langjährige Führer Moammar Gadhafi bewusst seine militärischen und Sicherheitskräfte geteilt und schwach gehalten und damit gleichzeitig abhängig von ihm gehalten. Folglich wird es keine Institution geben, um an seine Stelle zu treten und Gadhafi zu ersetzen, falls er stürzen sollte. Das bedeutet, dass das energiereiche Libyen spiralförmig ins Chaos stürzen könnte, das ideale Umfeld für die Dschihadisten, wie es die Vorgänge in Somalia und Afghanistan zeigen.

Eine lange Geschichte

Libyer sind seit langem an militanten Operationen an Orten wie Afghanistan, Bosnien, Tschetschenien und Irak beteiligt. Nachdem sie in den frühen 1990er Jahren Afghanistan verliessen, kehrte eine beträchtliche Gruppe von libyschen Dschihadisten nach Hause zurück und startete dort eine militante Kampagne, die darauf abzielte, Gaddafi zu stürzen, den sie für einen Ungläubigen hielten. Die Gruppe begann sich 1995 die libysche islamische Kampfgruppe (LIFG) zu nennen und führte einen kleineren Aufstand durch, der Mordversuche gegen Gaddafi und Angriffe gegen Militär- und Polizeipatrouillen umfasste.

Gadhafi antwortete darauf mit einer eisernen Faust, was im Wesentlichen die Erklärung von Kriegsrecht in den islamistischen militanten Festungen von Darnah und Benghazi und den Städten Ras al-Helal und al-Qubbah in der Region Jabal al-Akhdar bedeutetet. Nach einer Reihe von militärischen Operationen gewann Gadhafi die Oberhand im Umgang mit seinen islamistischen militanten Gegnern, und der Aufstand wurde langsam immer schwächer bis Ende der 1990er Jahre. Viele der LIFG-Mitglieder flohen angesichts der Regierungsangriffe aus dem Land und eine Reihe von ihnen fanden Zuflucht bei Gruppen wie al-Qaida an Orten wie Afghanistan.  …………….

In einer Audio-Nachricht vom 3. November 2007, berichtete die Nr. 2 von al Qaida Ayman al-Zawahiri , dass die LIFG offiziell dem al-Qaida-Netzwerk beigetreten war. Diese Aussage war keine wirkliche Überraschung, da Mitglieder der Gruppe schon lange in der Nähe von al-Zawahiri und Osama bin Laden verortet waren.

Sollten in Libyen chaotische Zustande entstehen und die Dschihadisten in der Lage sein, in dem Chaos eine operative Basis zu gründen, müssten Ägypten und Italien nicht nur über Flüchtlingsprobleme, sondern auch das potenzielle Spillover (Gefahr) von Dschihadisten besorgt sein.

Sicherlich konnten die Waffen, die in Libyen geplündert wurden, leicht an Orten wie Ägypten, Tunesien und Algerien verkauft oder an Dschihadisten vergeben werden, wodurch die Militanz in Libyen zu einem größeren regionalem Problem würde. In einem schlimmsten angenommenen Szenario, wenn nämlich Libyen ein Machtvakuum erleben würde, könnte das Land das nächste Irak oder Pakistan werden, ein Treffpunkt für Dschihadisten aus der Region und der ganzen Welt.

 

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