„Uranbomben sind die furchtbarsten Waffen der Kriege von heute“ – Dokumentarfilmer Frieder Wagner über die schmutzigsten Waffen der Gegenwart – und das Schweigen der Öffentlichkeit zu dem Skandal.

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Interview dem Dokumentarfilmer Frieder Wagner in den „Deutschen Wirtschaftsnachrichten“ (monatl. 3 Millionen Leser) Die Online-Zeitung gehört zur schwedischen Bonnier-Verlagsgruppe. zu der auch der Ullstein-Verlag, Piper, Carlsen, Berlin-Verlag u.a. zählen. https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de

Der Dokumentarfilmer Frieder Wagner kritisiert das große, öffentliche Schweigen zum weltweiten Einsatz von Uranmunition in den modernen Kriegen: Diese verheerenden Waffen wurden und werden ganz offiziell in Afghanistan, in Libyen, im Irak, im Kosovo und in Syrien eingesetzt. Ihr Einsatz ist ein Kriegsverbrechen, das Millionen zivile Opfer fordern wird.  Doch ein Diskussion über dieses Thema ist kaum möglich, wie Wagner am eigenen Leib verspürt hat: Er hatte einen preisgekrönten Film für den WDR produziert. Dieser Film wurde auch ausgestrahlt. Doch danach bekam Wagner plötzlich keinen Auftrag mehr – und wurde als Außenseiter behandelt. Auch andere Journalisten bestätigen, dass das Tabu-Thema Uran-Munition erfolgreich unter den Teppich gekehrt werden konnte.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Am 04. April gab es in der syrischen Stadt Chan Scheichun einen Giftgasvorfall. Drei Tage später verlautbarte die deutsche Bundesregierung,  Assad trage hierfür die alleinige Verantwortung. Können Sie diese Aussage nachvollziehen?

Frieder Wagner: Überhaupt nicht. Beweise, dass es sich bei dem in Syrien am 04. April erfolgten Einsatz von Giftgas um solches aus den Beständen des Assad-Regimes handelte, bzw. von der syrischen Armee eingesetzt worden ist, haben weder die deutsche Bundesregierung noch die USA noch Frankreich und andere, die sich ähnlich geäußert haben, bisher vorlegen können. Man muss an dieser schwerwiegenden Behauptung die größten Zweifel haben. Denn vor wenigen Jahren sind unter internationaler Aufsicht und Beteiligung der NATO-Staaten die syrischen Giftgasbestände auf Initiative Russlands beseitigt worden. Und Belege dafür, dass das Assad-Regime dabei irgendwelche Giftgasbestände zurückgehalten und jetzt zum Einsatz gebracht hat, gibt es nicht. Wenn die US-Geheimdienste solche Belege hätten, dann würde die US-Regierung diese vor ihrem sogenannten Vergeltungsschlag auf die syrische Militärbasis am 07. April präsentiert haben. Dieser Raketenangriff der USA auf Syrien war übrigens eine militärische Aggressionshandlung, die nicht nur völkerrechtswidrig war, sondern stellt auch eine schwere völkerrechtliche Straftat dar.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum?

Frieder Wagner: Weil dieser US-Militärschlag unter Anwendung militärischer Gewalt die territoriale Integrität des UN-Mitgliedstaates Syrien auf das schwerste verletzt und damit gegen das völkerrechtliche Gewaltverbot nach Art. 2 Ziff. 4 UN-Charta verstoßen hat, sagt Dieter Deiseroth, ehemaliger Richter am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Das war übrigens auch die rechtliche Grundlage für das Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal von 1945/46, das damals ganz wesentlich von den USA geprägt worden ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie selbst, Herr Wagner, haben sich in Ihren Filmen „Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra“ (WDR 2004) und dem frei produzierten Kinodokumentarfilm „Deadly Dust – Todesstaub“ (2007) mit einem anderen Kriegsverbrechen auseinandergesetzt: dem Einsatz von Uranmunition und den Folgen. Was ist Uranmunition und wozu wird sie eingesetzt?

Frieder Wagner: Uranmunition und Uranbomben sind die wohl furchtbarsten Waffen, die heutzutage in Kriegen eingesetzt werden. Diese Munition wird aus abgereichertem Uran hergestellt. Abgereichertes Uran, englisch: Depleted Uranium, kurz DU genannt, ist ein Abfallprodukt der Atomindustrie. Wenn man aus Natururan z.B. Brennstäbe im Gewicht von einer Tonne für Atomkraftwerke herstellt, fallen acht Tonnen abgereichertes Uran an. Dieses Uran ist zwar, als Alphastrahler nur schwach radioaktiv, muss aber entsprechend entsorgt und bewacht werden und das kostet Geld – viel Geld. Abgereichertes Uran hat eine Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren – so alt ist unser Sonnensystem. Das heißt, dieses Zeug haben wir ewig und inzwischen gibt es weltweit davon etwa 1,3 Millionen Tonnen – und sie werden täglich mehr. Dieses abgereicherte Uran ist ein Schwermetall und fast doppelt so schwer wie Blei – und genau wie Blei hochgiftig. So stellte sich alsbald die Frage: Wie wird man dieses gefährliche Zeug wieder los?

Da entdeckten die Waffenentwickler der Militärs, dass dieses Metall, das als Abfallprodukt sehr billig zu haben ist, für militärische Zwecke zwei ganz ausgezeichnete Eigenschaften besitzt: Formt man dieses Metall zu einem spitzen Stab und beschleunigt ihn, dann durchdringt er aufgrund seines enormen Gewichtes Stahl und Stahlbeton wie heißes Eisen ein Stück Butter. Dabei entsteht an diesem abgereicherten Uranmetallstab beim Eindringen zum Beispiel in einen Panzer, ein Abrieb, der sich bei der enormen Reibungshitze von 3000-5000 Grad Celsius explosionsartig selbst entzündet. Das heißt, wenn sich ein solches Geschoss in Sekundenbruchteilen durch eine Panzerwand schweißt, entzündet sich das abgereicherte Uran von allein und die Soldaten in dem Panzer verglühen. Gleichzeitig explodiert 1-3 Sekunden später die im Panzer befindliche Munition und der Panzer selbst wird so zerstört. Wegen dieser beiden Eigenschaften: Stahl wie Butter zu durchdringen, sich selbst zu entzünden und so wie ein Sprengstoff zu wirken, ist das Abfallprodukt der Atomindustrie, das „abgereicherte Uran“, heute bei den Militärs so beliebt und wurde von den USA und der NATO seitdem in allen Kriegen eingesetzt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welches sind die kurz-, mittel und langfristigen Folgen des Einsatzes von Uranmunition für die Bevölkerung?

Frieder Wagner: Eine der gravierenden Folgen der Anwendung von Uranwaffen ist, dass es bei Mensch und Tier zu Chromosomenbrüchen kommt und so der genetische Code verändert wird. Das ist seit Jahrzehnten eine wissenschaftliche Tatsache und der amerikanische Arzt Dr. Karl Muller, hat dafür schon 1946 den Nobelpreis erhalten. Trotzdem haben die alliierten Streitkräfte in den vergangenen neueren Kriegen so getan, als würde es diese Tatsache nicht geben. Auch amerikanischen Militärwissenschaftlern ist inzwischen bekannt, dass die bei der Explosion von Uranmunition entstehenden winzigen Nanopartikelchen – hundertmal kleiner als ein rotes Blutkörperchen – eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen, im menschlichen und tierischen Körper überall hinwandern können: in alle Organe, ins Gehirn, in die weiblichen Eizellen und in den männlichen Samen. Schon 1997 wurde bei fünf von 25 amerikanischen Veteranen, die seit dem Golfkrieg 1991 Uranfragmente im Körper haben, abgereichertes Uran 238 im Sperma festgestellt! Überall wo sich Uran 238 ablagert, kann es darum zu folgenden Krankheitsbildern kommen: einem Zusammenbruch des Immunsystems wie bei Aids mit ansteigenden Infektionskrankheiten, schweren Funktionsstörungen von Nieren und Leber, hochaggressiven Leukämien und anderen Krebserkrankungen, Störungen im Knochenmark sowie genetische Defekte und Missbildungen mit Aborten und Frühgeburten bei Schwangeren wie wir es auch nach den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe erlebt haben und jetzt auch wieder nach der Fukushima- Katastrophe.

Die weltweit anerkannte Wissenschaftlerin Rosalie Bertell, die in Atomfragen auch die Bundesrepublik Deutschland beraten hat, sagt deshalb:

„Es ist wissenschaftlich unbestritten, dass das abgereicherte Uran beim Verbrennen von Temperaturen bis zu 5000 Grad Celsius einen unsichtbaren gefährlichen Metallrauch erzeugt. Dies allein stellt eine Verletzung des Genfer Protokolls für das Verbot des Gebrauchs von Gas im Krieg dar, denn Metallrauch entspricht einem Gas.“ Und Rosalie Bertell ist sich mit anderen renommierten Wissenschaftlern wie den Amerikanern Dr. Leonard Dietz und Prof. Asaf Durakovic, den deutschen Professoren Dr. Siegwart-Horst Günther und Dr. Albrecht Schott, der kanadischen Geophysikerin Leuren Moret, um nur einige wenige zu nennen, darüber einig, dass allein im Irak, wo im Krieg 2003 etwa 2000 Tonnen Uranmunition und -bomben eingesetzt wurden, in den nächsten 15-20 Jahren allein in diesem heutigen Irak ca. 5-7 Millionen Menschen an den Folgen der Anwendung dieser Uranwaffen sterben werden – und zwar an Krebs und aggressiven Leukämien. Das wäre ein neuer Genozid. Und die dafür Verantwortlichen dieses völkerrechtswidrigen Krieges, der natürlich auch wie der Kosovokrieg mit Lügen begann, nämlich der amerikanische Präsident George W. Bush und der ehemalige britische Premierminister Tony Blair, gehören beide eigentlich aufgrund dieser Kriegsverbrechen vor ein Kriegsverbrechertribunal.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie können sie belegen, dass die US-Koalition tatsächlich diese Uranmunition eingesetzt hat?

Frieder Wagner: Um das zu beweisen, habe ich ja den Fernsehfilm für den WDR und den Dokumentarfilm „Todesstaub“ für das Kino hergestellt. Dazu waren wir 2003 nicht nur 14 Tage im Irak, sondern auch in Serbien und später im Kosovo. Von überall da haben wir Boden- und Wasserproben, aber auch Gewebeproben von Tieren mitgebracht und haben diese Proben massenspektroskopisch am geologischen Institut der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main untersuchen lassen. Und siehe da, in fast allen diesen Proben konnten wir Uran 238, also abgereichertes Uran feststellen. Aber das besonders Furchtbare ist, dass wir in den meisten dieser Proben auch das Uran 236 nachweisen konnten. Das Uran 236 kommt in der Natur nicht vor. Es entsteht erst, wenn man Brennstäbe der Atomkraftwerke für einen erneuten Gebrauch wieder aufbereiten muss. Das bedeutet, dass die sogenannte „Koalition der Willigen“ auch Uran aus ausgemusterten Brennstäben aus Atomkraftwerken für die Herstellung von Uranmunition und -bomben verwendet hat. Unser Nachweis durch die Massenspektro-Analyse ist wissenschaftlich einwandfrei und unwiderlegbar.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Haben Sie Hinweise darauf, dass Uranmunition auch in anderen Ländern eingesetzt wurde bzw. noch immer eingesetzt wird?

Frieder Wagner: Wir haben nicht nur Hinweise, wir haben auch Beweise. Im ersten Irakkrieg 1991 haben die alliierten Streitkräfte mindestens 320 Tonnen dieser Uranmunition eingesetzt – im Krieg 2003 sollen es sogar 2000 Tonnen gewesen sein. Aus einer vertraulichen Mitteilung des britischen Verteidigungsministeriums wissen wir inzwischen, dass schon die Anwendung von 40 Tonnen dieser Uranmunition in bewohnten Gebieten zu 500.000 Nachfolgetoten führt – und zwar durch so entstehende hochaggressive Krebstumore und Leukämien.

Im Bosnienkrieg 1995 wurde die kleine serbische Stadt Hadzici, 15 km entfernt von Sarajewo, mit Uranbomben vom Typ GBU 28, schwer bombardiert. Der Grund: Die Serben hatten dort ein Reparaturwerk für Panzer. Damals ahnten die Serben, dass die eingesetzten Bomben auch nach ihrer Anwendung lebensgefährlich für die Bewohner sein könnten und siedelten etwa 4.000 Bürger aus Hadzici in das serbische Gebirgsstädtchen Bratunac um. Doch es war zu spät, denn viele dieser Menschen hatten sich schon kontaminiert. Und so starben in den nächsten Jahren von den umgesiedelten Bürgern aus Hadzici inzwischen ca. 1.112 an aggressiven Krebserkrankungen, während in Bratunac selbst nur wenige Menschen an Krebs erkrankten. Der britische Journalist Robert Fisk sagte darum zu Recht im britischen „Independent“: Man hätte auf die Grabsteine dieser Menschen schreiben können: Gestorben an den Folgen von Uranmunition.

Im Mai 2002 und im Sommer 2003 entsandte das Uranium Medical Research Center (UMRC) eine NGO aus Kanada unter Leitung von Prof. Dr. Asaf Durakovic, jeweils ein Forschungsteam nach Afghanistan. Die erste Forschungsgruppe konzentrierte sich auf die Region um Jalalabad. Die Zweite erweiterte die Studie um die Hauptstadt Kabul mit ihren annähernd 3,5 Millionen Einwohnern. In der Stadt selbst fanden die Forscher die höchste registrierte Anzahl an unbeweglichen Zielen, die während der Operation „Enduring Freedom“ 2001 beschossen wurden. Aber das Team war nicht auf den Schock vorbereitet, der durch die Ergebnisse bei Ihnen auslöst wurde. Tests mit einer Anzahl Menschen aus Jalalabad und Kabul zeigten Konzentrationen, die 400-2000 Prozent über denen lagen, die in normalen Populationen vorkommen – Mengen, die nie zuvor in Untersuchungen an Zivilisten gemessen worden waren, auch nicht in Tschernobyl. In Jalalabad und in Kabul zeigte sich so, dass Uran das hohe Ausmaß an Krankheiten verursachte. Anders als im Irak zeigten die UMRC-Laboruntersuchungen in Afghanistan hohe Konzentrationen von nicht abgereichertem Uran – deshalb war die Kontamination viel höher als bei den Opfern des abgereicherten Urans im Irak. In Afghanistan wurde eine Mischung aus sogenanntem „jungfräulichem Uran“ und dem Abfall von Anreicherungsprozessen in Atomreaktoren verwendet, denn in allen Proben wurde auch das Uran 236 gefunden. Ohne Ausnahme wurde jede Person, die eine Urinprobe abgegeben hatte, positiv auf Urankontamination getestet. Die spezifischen Ergebnisse wiesen einen erschreckend hohen Verseuchungsgrad auf. Die Konzentrationen waren 100-400mal größer als jene der Golf- Kriegsveteranen, die von UMRC 1999 und später 2003 bei unserer Reise im Irak getestet worden waren.

Im Ergebnis bedeutet das, dass Afghanistan zum Testfeld für eine ganz neue Generation bunkerbrechender Uranbomben benutzt worden war, die hohe Konzentrationen von allen möglichen Uranlegierungen enthielten. Der in den USA lebende gebürtige Afghane Prof. Dr. Mohammad Daud Miraki erklärte mir, dass er nach einer Reise durch Afghanistan, schwerst geschädigte Kinder in den Hospitälern z. B. von Kabul gesehen und fotografiert hat, die dann wenige Tage nach der Geburt unter furchtbaren Schmerzen gestorben sind. Er erzählte mir auch, dass alle Beteiligten, die Ärzte dieser Kinder, aber auch deren Eltern, nicht nur um ihre Karriere, sondern um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie sich an Untersuchungen von Schäden beteiligen, die einen Uranwaffen-Hintergrund vermuten lassen. Konkret führte Dr. Miraki an: „Eltern wollten ihre Namen und die ihrer geschädigten Kinder nicht nennen und Ärzte wollten sich an solchen Untersuchungen nicht beteiligen.“

Inzwischen hat die US-Regierung Vermutungen bestätigt, dass auch im Anti-IS-Krieg bei Bombardierungen in Syrien Uran-Munition verwendet worden war. Zugegeben wurde, dass dies angeblich nur zweimal am 18. und 23. November 2015 geschehen sei. Dabei seien 5.100 Schuss Uranmunition von einem Bodenkampfflugzeug des Typs A-10 Thunderbolt II eingesetzt worden, was einer Menge von 1.530 kg an abgereichertem Uran entspricht. Nach Aussagen des Pentagon sei dies wegen der „Art der Ziele“ notwendig gewesen. Welche es gewesen sind, wurde nicht mitgeteilt. Inzwischen weiß man aber, dass diese Munition in Syrien auch gegen „weiche Ziele“ eingesetzt wurde, wie zum Beispiel gegen Tankfahrzeuge des IS.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wird in den betroffenen Ländern den Menschen geholfen oder werden sie mit diesen Problemen allein gelassen?

Frieder Wagner: Sie fragen mich, was mit der Zivilbevölkerung in den betroffenen Ländern passiert? Glauben Sie irgendjemand kümmert sich um diese Bevölkerung dort, wenn sich schon niemand um das Schicksal der eigenen Soldaten sorgt! Man müsste in diesen Ländern Milliarden von Dollars investieren! Basra zu säubern würde allein 200 Millionen Dollar pro Jahr kosten! Und nur die Brücken über den Euphrat zu dekontaminieren, würde Milliarden kosten. Was für die Erkrankungen der Veteranen der USA, Kanadas und Großbritanniens gilt, muss man um das 1000-fache erhöhen, was die Bevölkerung in den betroffenen Ländern betrifft. Und es wurde von unseren Regierungen alles unternommen, diese Informationen zu unterdrücken.

Was ich im Irak, im Kosovo und in Serbien bei meinen Dreharbeiten an schwer missgebildeten, gerade geborenen Babys sehen musste und wenn ich dann die Ergebnisse unserer Probenanalyse heranziehe, lässt das nur einen Schluss zu: Durch die Anwendung der Uranmunition sind im Irak, im Kosovo, in Serbien und natürlich auch in Afghanistan ganze Regionen wegen der radioaktiven und hochgiftigen Kontamination durch die Uranmunition eigentlich nicht mehr bewohnbar. Dies wurde vor wenigen Jahren durch eine Veröffentlichung der irakischen Presseagentur bestätigt, in der stand, dass nach Untersuchungen von unabhängigen, irakischen Wissenschaftlern festgestellt wurde, dass durch die Bombardierung der Alliierten mit Uranbomben im Krieg 1991 und 2003 allein im Irak heute mindestens 18 Regionen nicht mehr bewohnbar sind und dass deshalb die Bevölkerung dort evakuiert werden müsste. Und all diesen so Geschädigten wird kaum geholfen, sie werden völlig allein gelassen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Anders als bei den Giftgasvorfällen – für die laut westlichen Medien der syrische Präsident Assad die Verantwortung trägt – hört man von der Verseuchung durch Uranmunition so gut wie nichts. Wie kommt das?

Frieder Wagner: Wir lesen hier darüber fast in keiner Zeitung etwas und man erfährt es auch nicht aus den TV-Medien, weil das Thema „Uranmunition und die Folgen“ ein Tabuthema geworden ist. Denn nicht die viel beschworene Klimakatastrophe ist die unbequemste Wahrheit, nein die furchtbaren Folgen der Uranmunition sind eine der unbequemsten Wahrheiten. Wenn Sie heute das Verteidigungsministerium fragen, ob von den im Kosovo und in Afghanistan eingesetzten Bundeswehrsoldaten irgend jemand wegen des Einsatzes der Uranmunition an Krebs erkrankt ist, werden Sie als Antwort ein klares Nein erhalten. Stellen Sie diese Frage dem italienischen Verteidigungsministerium, dann werden Sie erfahren, dass mindestens 109 italienische Soldaten an den Folgen des Einsatzes von Uranmunition verstorben sind. Von diesen 109 betroffenen Familien haben 16 das italienische Verteidigungsministerium auf Wiedergutmachung verklagt. Alle diese 16 Familien haben gewonnen und haben vom italienischen Staat Wiedergutmachungszahlungen zwischen 200.000 und 1.,4 Millionen Euro erhalten. Der italienische Staat hat sogar 170 Millionen Euro für solche Zahlungen zurückgestellt und weitere 150 Millionen um die Zusammenhänge zwischen solchen Erkrankungen und dem Einsatz von Uranmunition zu untersuchen – vorbildlich muss ich sagen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie hat sich denn Ihre persönliche Situation beim WDR oder anderen Medien nach Ihrem Film „Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra“ entwickelt?

Frieder Wagner: Ich habe ja schon sehr früh für meine Arbeit für die öffentlich-rechtlichen Sender einen Adolf-Grimme-Preis erhalten und habe eigentlich 30 Jahre lang gut mit diesen Sendern zusammen gearbeitet. Unsere Filme wurden zum Teil hoch gelobt. Darum war ich dann schon etwas erstaunt, dass nachdem im WDR die Dokumentation „Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra“ im April gesendet worden war und der Film im Herbst den Europäischen Fernsehpreis erhalten hat, ich trotzdem keinen Beitrag mehr in einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt unterbringen konnte. Kann ich beweisen, dass da ein Zusammenhang besteht? – Nein. Ist es so passiert? – Ja. Ich habe dann einen Redakteur im WDR gefragt, der mir immer sehr gewogen war, ob da ein Zusammenhang bestehen könnte und er hat nach langem Schweigen geantwortet: „Also, einer muss dir das ja mal sagen, du hast im Haus inzwischen den Ruf, schwierig zu sein, und was besonders gravierend ist: Die Themen, die du vorschlägst, gelten als schwierig. Mehr wage ich an dieser Stelle nicht zu sagen.” Ein Spiegel-Redakteur, der meine beiden Filme zu diesem Thema kennt, hat mir dazu gesagt: „Wie das in Fernsehanstalten ist, weiß ich nicht, aber wenn Sie, Herr Wagner, ein solches Thema heute an irgendeine große Tageszeitung schicken, dann werden Sie das trotz ihrer großen Fachkenntnisse nicht losbekommen, denn ,Uranmunition und die Folgen‘ ist heute ein Tabuthema, eine zu unbequeme Wahrheit.“

Als dann auch noch der Deutschlandfunk ein von mir vorgeschlagenes Feature letztendlich nicht gesendet hat, schrieb Uwe Krüger später dazu in seinem Buch „Meinungsmacht“: „Im Deutschlandfunk wurde zudem im Jahre 2004 ein Beitrag über Uranmunition verhindert, und zwar von einem Abteilungsleiter, der nebenbei im Beirat für Fragen der Inneren Führung im Bundesverteidigungsministerium tätig war und später als Chefredakteur der Zeitschrift des Reservistenverbandes. Alles Zufall? Der taz-Redakteur Andreas Zumach, der zum Thema (Uranmunition) gearbeitet hat, sagt: „Es gibt Stellen, die das Thema nicht wollen (…) Industrie, Regierungen, Militärs. Und es geht vor allem darum, horrenden Schadenersatzforderungen von bislang – möglicherweise mehreren hunderttausend – Geschädigten zu entgehen. Aber auch die für die Aufklärung von Gesundheitsschäden zuständige Weltgesundheitsorganisation in Genf hält sich zurück wegen politischen Drucks aus Washington, Berlin und anderen Hauptstädten”.

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Frieder Wagner ist ein deutscher Journalist und Filmemacher und Träger des Grimme-Preises. Für seine Dokumentation „Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra“, die in der WDR-Reihe Die Story ausgestrahlt wurde, erhielt er den Europäischen Fernsehpreis bei der ÖKOMEDIA 2004. In seinem mit privaten Mitteln finanzierten 93-minütigen Kinodokumentarfilm „Deadly Dust – Todesstaub“ aus dem Jahr 2007 beschreibt er die Folgen des Einsatzes von Uranmunition auf Mensch und Umwelt.

 

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