Der stille Sieg der Autonomie – Ein Dokumentarfilm über die selbsternannte Donezker Volksrepublik (heise.de)

https://www.heise.de/tp/features/Der-stille-Sieg-der-Autonomie-3646268.html

  1. März 2017 Katrin McClean

Mark Bartalmai lebt seit Juli 2014 mit kurzen Unterbrechungen als Journalist in Donezk. Manche werfen ihm vor, dass er keine klassische Journalistenausbildung habe, dennoch ist er der einzige deutsche Journalist, der dauerhaft vor Ort ist. Eine Qualität, die ihm kein anderer Journalist streitig machen kann. Ganz sicher nicht die ARD-Korrespondentin Golineh Atai, die mit ganz wenigen Ausnahmen aus dem Pressezentrum von Kiew berichtet, also Informationen über den Konfliktgegner ausschließlich aus „Feindeshand“ bezieht, was mit journalistischer Qualität nicht viel zu tun haben kann.

Alle Angebote, die Bartalmai den öffentlich rechtlichen Medien und führenden Nachrichtenmagazinen gemacht hat, wurden ausnahmslos abgelehnt. Und als wäre das nicht genug, hat die ARD-Sendung „Fakt“ ein Porträt über den Journalisten gesendet, das sich als durchschaubares Diffamierungsstückchen auf dem untersten Niveau journalistischer Leistung bewegte. (siehe dazu „Fakt ohne Fakten…“ vom Juli 2016).

Die Sendung war vermutlich eine Reaktion auf den ersten Dokumentarfilm des Journalisten „Ukrainian Agony – der verschwiegene Krieg“. Doch trotz aller Warnungen vor dem „Putin-Propagandisten“ hat dieser erste Film eine große Zahl von Zuschauern gefunden, wird noch immer weiter verbreitet und ist Grundlage für das Crowdfunding, mit dem Bartalmai sich über Wasser hält. Von unterschiedlicher Seite wurde diesem ersten Film eine propagandistische Machart vorgeworfen. Tatsächlich hatte sich Bartalmai mit vielen Erklärungen um eine historische Aufarbeitung des Konfliktes bemüht, und es gehört schon zur Standard-Kultur in dieser Debatte, dass NATO-Verteidiger Propaganda nennen, was NATO-Kritiker als Aufklärung bezeichnen würden.

Im neuen Film von Bartalmai, „Frontstadt Donezk – die unerwünschte Republik“, spielt die Darstellung globaler Machtinteressen in der Ukraine eher eine untergeordnete Rolle. Und das hat Vorteile. Es macht ihn noch viel stärker zu einem Dokumentarfilm, in dem sich der Zuschauer seine eigene Meinung bilden kann.

Natürlich verzichtet Bartalmai auch diesmal nicht darauf, seine eigenen Ansichten darzustellen, doch bringt er sie diesmal eher zum Schluss als seine ganz persönlichen Schlussfolgerungen. Bis dahin folgen wir ihm auf eine Erkundungsreise durch die selbst ernannte Donezker Volksrepublik.

Rebellen-Hochburg oder junger Staat?

Um es gleich vorwegzunehmen, das Bild vom Land, in dem eine getarnte russische Armee, im Verbund mit machtsüchtigen Rebellen eine arme geschundene Bevölkerung drangsaliert, liefert dieser Bericht nicht.

Er erzählt von jenen Menschen, die im Mai 2014 mit einer großen Mehrheit dafür gestimmt haben, sich von der Ukraine zu trennen. So wie die Krim. Weil sie den Umsturz in Kiew und deren NATO-freundlichen Kurs ablehnten. Weil sie befürchteten, dass die Macht der Oligarchen nach diesem Kurswechsel eher noch größer wird.

Der Protest begann als Anti-Maidan mit der gewaltlosen Besetzung von Amtsgebäuden, eskalierte bekanntlich erstmals in der Tragödie von Odessa in brachiale Gewalt. Spätestens als Poroschenko nach seiner Wahl Artillerie-Einheiten in den Donbass schickte, bildeten sich bewaffnete Volkswehren, von denen westliche Medien bis heute behaupten, es handle sich um einen russischen Einmarsch, obwohl die Existenz russischer Einheiten im Donbass bis heute nie bewiesen wurden.

Nun, nach beinahe drei Jahren haben unsere Medien wenig mehr als hier und da mal eine kurze schaurige Darstellung über das Krisengebiet zu berichten. Bartalmais Film zeigt jedoch, wie dem westlichen Nachrichtenkonsumenten hier eine faire und realistische Berichterstattung regelrecht verweigert wird.

Der Krieg verteilt sich ungleich von West nach Ost über die Donezker Volksrepublik. Während Wohnhäuser nahe der Konflikt-Linie, von denen kaum noch etwas übrig ist, immer weiter von ukrainischer Artillerie beschossen werden und ihre Bewohner ganze Tage und Nächte im Keller verbringen, werden die Verwüstungen des Krieges Richtung Osten weniger und hören an der russischen Grenze vollkommen auf.

Im Zentrum von Donezk ist man vor allem mit dem Wiederaufbau der zivilen Gebäude beschäftigt, Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, die während der heißesten Phase des Krieges 2014 – 2015 von ukrainischer Artillerie zerstört wurden. Doch der Krieg ist nicht die einzige Realität in Donezk. Bartalmai zeigt das zivile Leben einer Bevölkerung, die in den letzten zwei Jahren weit mehr getan hat, als sich gegen die ukrainische Artillerie und die Angriffe des rechtsextremen Azov-Battalions zur Weht zu setzen.

Der Zwang zum Separatismus

Zu Beginn des Films stellt Bartalmai die Frage: Wer ist eigentlich der Separatist? In seiner Dokumentation liefert er zahlreiche Beispiele für das Agieren einer Kiewer Regierung, die den Menschen in der DVR kaum eine andere Wahl ließ, als sich ein eigenes Land zu schaffen. Versorgungswege aus der Ukraine in den Donbass werden durch ukrainische Kontrollposten blockiert, staatliche Leistungen werden verweigert, selbst die Polizei und staatliche Passausgabe-Stellen wurden aus dem umkämpften Gebiet abgezogen.

Die Menschen hinter der Blockade konnten kaum etwas anderes tun, als ihre eigenen Strukturen zu schaffen, um ein zivilisiertes Leben aufrecht zu erhalten. Dass Wertschöpfungsbetriebe, allen voran der Kohlebergbau der Region, verstaatlicht wurden, erscheint nachvollziehbar. Deren Gewinne fließen nun nicht mehr in die Taschen ukrainischer Oligarchen sondern sind Existenzgrundlage der Donezker Bevölkerung geworden.

Letzten Endes stellt sich dar: Die ukrainische Politik der Ausgrenzung hat den Autonomie-Prozess der Region maßgeblich mit hervor gebracht. Bartalmai porträtiert eine junge Gesellschaft, die sich nach internationalem Standard einen eigenen Justiz- und Polizei-Apparat geschaffen hat, eigene Pässe und KFZ-Kennzeichen, Arbeitsvermittlungsstellen, Organisationen zur Verteilung von Hilfsgütern und ein eigenes Menschenrechtskomitee, das mit Vertretern der OSZE und anderen Menschenrechtsorganisationen in ständigem Kontakt steht. Fast drängt sich die Vermutung auf, dass es um die Rechtsstaatlichkeit in der selbsternannten Donezker Volksrepublik derzeit besser bestellt sein könnte als in der Ukraine selbst.

Das alles widerspricht völlig dem Bild von der russischen Besatzung, das unsere Nachrichtenmedien so gern weiter vermitteln. Doch der Begriff Besatzer wirkt hier so sinnvoll, als würde man sagen, Liechtenstein würde von Liechtensteinern besetzt.

Dabei leugnet der Film die bedeutende Rolle Russlands nicht. Der traditionelle Handelspartner ist nach dem Ausfall ukrainischer Anbieter zum Hauptlieferanten geworden. Zudem sendet Russland regelmäßige Hilfslieferungen, die für viele Bewohner im Donbass noch immer überlebensnotwendig sind. Auch die neuen Pässe werden an der Grenze zu Russland anerkannt. Was das ideologische Klima angeht, scheint die DVR allerdings nicht gerade einem Putin-Hype zu unterliegen.

Bartalmai zeigt vor allem Menschen, die seit Ausbruch des Krieges um ihre Würde kämpfen und um ein eigenes, stolzes Selbstverständnis. Dazu gehört z.B. das Theater, das trotz Artillerie-Beschuss nicht einen Tag geschlossen hatte, weil in Donezk die Überzeugung herrscht, dass man gerade in schweren Zeiten Tanz, Musik und Poesie braucht, um sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht unterkriegen zu lassen. Wir sehen einen Chef-Arzt, der unter schwierigsten Bedingungen die vielen Verwundeten betreut, obwohl er dafür nur eine sehr geringe Bezahlung bekommen kann.

Neben einem neuen Selbstbewusstsein spürt man in jedem einzelnen Porträt auch die tiefe Sehnsucht nach Frieden. Dabei wäre es so einfach, den Krieg zu beenden. Bartalmai sagte, es sei kein einziger Versuch der Volkswehr belegt, über die Konfliktlinien hinaus ukrainisches Gebiet zu erobern. Sobald sich Kiew zurückziehen würde, wäre der Krieg vorbei. Einen solchen Rückzugsversuch habe es nie ernsthaft gegeben. Die ganze Hoffnung der DVR liege in der Einhaltung des Minsk II Abkommens von Kiewer Seite. Dazu würde die Aufnahme von Verhandlungen gehören, die Poroschenko bis heute verweigert.

Warum schweigt der Westen?

Dieser Frage geht Bartalmai am Ende seines Films nach, und da wird er dann doch wieder polemisch, allerdings auf recht überraschende Weise. Auf jeden Fall gelingt es ihm, glaubhaft darzustellen, dass weder westliche Regierungsvertreter noch die OSZE ein großes Interesse am Schicksal der Zivilisten im Donbass haben.

Das Vorgehen der ukrainischen Regierung, ihre Weigerung, mit Vertretern der selbsternannten Republiken zu verhandeln – im westlichen Narrativ lösen sich diese eindeutigen Fakten jedes Mal in Rauch auf, in ein nebulöses Raunen, das Kriegsverbrechen beklagt, aber eine seltsame Apathie an den Tag legt, wenn es um das Benennen der Täter geht. Die Beispiele, die Bartalmai dafür bringt, sind schwer von der Hand zu weisen, bis hin zu äußerst peinlichen Aussagen unserer Kanzlerin.

Man könnte fast vermuten, die deutsche Regierung hätte längst eingesehen, dass sie mit der Ukraine einen schweren Fehler begangen hat, kann das eigene Versagen nun aber nicht zugeben. Das ist natürlich auch schwer, wenn man das eigene Handeln stets als alternativlos bezeichnet hat. Da dürfen auch die alternativen Problemlösungen in der DVR nicht gezeigt werden und man muss weiter ein Bild von Not und Elend im Donbass verbreiten, obwohl es nur noch einen sehr geringen Teil der Wirklichkeit im Donbass widerspiegelt.

Der lange Dokumentarfilm von Mark Bartalmai versammelt im Grunde Material, das längst im „Auslandsjournal“ hätte laufen können. Es sind spannende Porträts über eine Gesellschaft, die sich zwischen Krieg und Aufbruch befindet. Geschichten, die es allemal wert sind, erzählt zu werden. Doch unsere Nachrichten haben die Region offenbar zum Niemandsland erklärt. Und deshalb brauchen wir diesen Film.

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