Das Anti-CIA-Organizing-Manual (heise.de)

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  1. März 2017 Markus Kompa

Das Anti-CIA-Organizing-Manual

Wie die Studentenbewegung der 80er Jahre den Geheimdienst aus den Unis ekeln wollte

In den USA des Ronald Reagan organisierten vor allem die Studenten den Protest gegen das Establishment. Dies schmerzte die CIA vor allem deshalb, weil sie ihr Personal traditionell an den Universitäten rekrutierte. In einem nun freigegebenen Memo für den CIA-Direktor von 1986 ist ein Handbuch der Geheimdienstgegner für Subversion auf dem Campus enthalten, das nun ironischerweise die CIA selbst auf ihrem Server veröffentlicht.

Das Handbuch zur Organisation gegen die CIA beginnt mit einem kurzen Abriss über deren Geschichte, die nicht unwesentlich mit den Universitäten zusammenhing, wie man seit den Untersuchungsausschüssen Mitte der 1970er Jahre wusste. Allein das berüchtigte MKULTRA-Programm zur Forschung von Drogen involvierte 80 universitäre Einrichtungen, die oft nicht einmal wussten, wer ihr tatsächlicher Auftraggeber war. Die CIA infiltrierte und finanzierte auch die Nationale Studentenbewegung, die an 300 Colleges und Universitäten vertreten war. Dabei interessierte sich der Geheimdienst für organisierte ausländische Studenten und lenkte die Finanzierung für US-freundliche Studentenorganisationen in Lateinamerika. Universitäten wie etwa in Miami hatten auch als Tarnung für die Operationen gegen Kuba gedient.

Das Handbuch erinnerte auch an die Operation CHAOS aus den 1960er Jahren, als der Auslandsgeheimdienst im Inland systematisch 300.000 Kriegsgegner mit nachrichtendienstlichen Methoden ausspionierte, sowie an die Partnerschaft der CIA mit folternden Geheimdiensten wie dem iranischen SAVAK und Südafrika, deren Personal die CIA in den USA ausbildete. Die Autoren befürchteten, dass die von Reagan 1981 beschlossenen Kompetenzen die CIA in eine Art Gestapo verwandeln könne.

In ihrem Handbuch räumten die Autoren das grundsätzliche Recht der CIA ein, wie jeder andere auch an amerikanischen Universitäten zu rekrutieren, verwiesen jedoch auf das Recht aus dem ersten Verfassungszusatz, Diskussionen anzuzetteln, etwa mit CIA-Werbern. Die Autoren ermunterten ihre Leser, den Protest gegen die CIA, die sich damals vor allem in Süd- und Lateinamerika engagierte, durch Anstecker, Plakate und an die Wand gemalte Parolen sichtbar zu machen. Dabei präsentieren sie Standardargumente, mit denen die CIA ihre Arbeit rechtfertigt, um sich auf Diskussionen vorzubereiten.

Das Handbuch beinhaltet eine Sektion mit Vorschlägen, um CIA-Werber subversiv zu gängeln. So sollten vor Ständen oder Rekrutierungsbüros Tische mit Literatur aufgebaut werden, die Interessenten die Erkenntnisse über die US-Geheimdienste vor Augen führen. Auf Bücher der Gegenseite sollte man Kaffee verschütten. Die Autoren schlagen auch vor, CIA-Werber mit Blut oder Eiscreme zu bespritzen oder mit Handschellen an ihre Tische zu fesseln. Entsprechende Stellen sollten mit Stinkbomben oder brennenden Kuhdung in der Lüftung unbrauchbar gemacht werden. Oder aber man sollte die CIA-Werber einfach eigenmächtig vom Campus werfen.

Neben diesen aggressiven Methoden wurden auch kreativere Aktionen vorgeschlagen wie einen vorgetäuschten CIA-Rekrutierungsstand oder inszenierte Diskussionen, bei denen jemand die Rolle eines vermeintlichen CIA-Befürworters spielt, sowie Guerilla-Theater, bei denen die Darsteller Todesschwadronen darstellen. Ein anderer Plan war das Aufhängen von Puppen vor Verwaltungsgebäuden mit dem Schild „Ich war ein chilenischer Kaffee-Farmer, der nur ein Stück Land wollte, bis die CIA …“ Auch ein Kriegsverbrechertribunal gegen Reagan und CBS durfte nicht fehlen. Außerdem sollten telefonisch Treffen mit Werbern vereinbart werden, um deren Kräfte zu binden.

Der Leiter der CIA-Rekrutierung bewertete die Vorschläge der Aktivisten als selbstüberschätzend und vermutete, dass diese eher von Versagern stammten. Doch solche Taktiken hatten sich Jahre zuvor durchaus als effektiv erwiesen, als das CIA’s 1980 Manual for ferreting out Homosexuals bekannt wurde. Da solche Diskriminierung etwa an den juristischen Fakultäten von Yale and Harvard Law nicht sonderlich gut ankam, sah sich damals die CIA veranlasst, auf ihre Personalwerbung zu verzichten.

Die Sorge der Geheimdienste, sie könnten ihren Kampf ausgerechnet an der Heimatfront an den Universitäten verlieren, war nicht unberechtigt, denn jene Untersuchungsausschüsse der 1970er waren neben dem Watergate-Skandal auch das Resultat studentischer Subversion. So wurde 2014 bekannt, dass der berühmte Einbruch in ein FBI-Büro in Philadelphia von 1971 von friedensbewegten Studenten durchgeführt wurde. Die erbeuteten Dokumente bewiesen der Öffentlichkeit, dass die US-Regierung in großem Stil die eigene Bevölkerung ausspionierte und Organisationen unterwanderte. (Vier Jahrzehnte vor Snowden: „The Citizens Commission to Investigate the FBI“)

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