US-Intervention in Syrien Hunderte Marines sollen sich an Offensive auf Rakka beteiligen. Washington will Zusammenstöße zwischen Kurden und Türken verhindern – Von Knut Mellenthin (junge Welt)

https://www.jungewelt.de/artikel/306854.us-intervention-in-syrien.html

Die US-Streitkräfte bereiten sich auf ein direktes Eingreifen in Syrien vor. Wie am Mittwoch bekanntwurde, hat das Marine Corps mehrere hundert Soldaten in die Gegend von Rakka im Norden des Landes geschickt. Dort befindet sich das Hauptquartier der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS). Die Marines, deren genaue Zahl noch nicht genannt wurde, sind mit Artillerie ausgerüstet und sollen offenbar die von verschiedenen Kräften geplante Offensive gegen Rakka unterstützen. Darüber hinaus sollen demnächst bis zu 1.000 US-Soldaten in Kuwait stationiert werden, um als Reserve für Einsätze gegen den IS sowohl in Syrien als auch im Irak zur Verfügung zu stehen. Diese Informationen waren zwar bis Donnerstag mittag nicht offiziell bestätigt, können aber nach Art ihrer Übermittlung an einzelne Medien als gesichert gelten.

In der Amtszeit von Präsident Barack Obama war die Obergrenze für die Anwesenheit von US-Soldaten in Syrien auf 503 festgelegt worden. Sie sollten ausschließlich als »Berater« tätig werden, aber nicht selbst an Kämpfen teilnehmen. Die zahlenmäßige Begrenzung kann auch ohne Zustimmung des Präsidenten »vorübergehend« überschritten werden. Die jetzt vorgenommene Entsendung der Marines, der klassischen Interventionstruppe der US-Streitkräfte, wurde den Berichten zufolge als »temporary«, also »zeitweilig«, deklariert.

Um tatsächlich in die Kämpfe einzugreifen, wäre eine Anordnung von Obamas Nachfolger Donald Trump erforderlich. Der Washington Post und anderen US-Medien zufolge hat Trump den Militärs weitgehende Vollmacht gegeben, Entscheidungen über Kampfeinsätze in Syrien selbst zu treffen. Im Irak, wo mehr als 5.000 US-Soldaten stationiert sind, ist das schon länger der Fall.

In den vergangenen Tagen waren bereits Fotos veröffentlicht worden, die Fahrzeuge der US-Streitkräfte in der zwischen Rakka und Aleppo gelegenen nordsyrischen Stadt Manbidsch zeigen. Pentagon-Sprecher Jeff Davis sagte dazu, dass es sich lediglich um »einige Dutzend« Soldaten handele. »Wir wollen ein sichtbares Zeichen setzen, dass wir dort sind«, erklärte Davis. Dadurch sollten »alle Seiten« veranlasst werden, »sich auf den gemeinsamen Feind, nämlich den IS, zu konzentrieren«.

Soweit bisher zu erkennen ist, geht es den USA zunächst darum, militärische Zusammenstöße zwischen den von ihnen unterstützten oder mit ihnen zusammenarbeitenden Kräften zu verhindern. Hauptsächlich sind das zum einen die kurdischen »Volksverteidigungseinheiten« (YPG), die im Rahmen der »Demokratischen Kräfte« (SDK) operieren, und auf der anderen Seite die Türkei und von ihr unterstützte arabische Gruppen. Es handele sich um einen »stark bevölkerten Kampfraum«, in dem die rivalisierenden Kräfte zum Teil »buchstäblich nur einen Handgranatenwurf voneinander entfernt« seien, kommentierte Generalleutnant Steven Townsend, einer der für dieses Gebiet zuständigen US-Kommandeure.

Dem Ziel, unbeabsichtigte Konfrontationen bei den bevorstehenden Kämpfen um Rakka und Umgebung zu vermeiden, diente auch ein außergewöhnliches Treffen im türkischen Antalya, das am Dienstag stattfand. Beteiligt waren der Chef der US-Streitkräfte, General Joseph Dunford vom Marine Corps, und seine Kollegen aus Russland und der Türkei, Waleri Gerassimow und Hulusi Akar. Gesprochen wurde über die Verbesserung der Kommunikation auf Führungsebene und die gegenseitige Abstimmung militärischer Operationen.

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