Bürger Syriens über die Rolle der Türkei, die Genfer Gespräche und den Weg zum Frieden im Mittleren Osten – Von Karin Leukefeld, Damaskus (junge Welt)

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Eine Berg- und Talfahrt

Bürger Syriens über die Rolle der Türkei, die Genfer Gespräche und den Weg zum Frieden im Mittleren Osten: Eindrücke aus Damaskus

Von Karin Leukefeld, Damaskus

Es ist Frühling geworden in Damaskus. Erstmals nach dem harten Winter spenden die Sonnenstrahlen fast den ganzen Tag Wärme. An den Eukalyptusbäumen sprießen neue Blätter hervor, die Menschen strömen in die Parks. Unterhalb des Gipfels vom Damaszener Hausberg Kassiun spannt sich ein hellgrüner Teppich aus frischem Gras wie ein Band zwischen den eng aneinander gebauten kleinen Häusern.

Im Winter sei es besonders schwer gewesen, erzählt der aus Afrin stammende Kurde Hanan, der in einem der obersten Wohnviertel auf dem Kassiun lebt. Sein Sohn verdient mittlerweile etwas Geld in einem Textilgeschäft, so dass er die Familie unterstützen kann. Zum Glück müsse er sich keine Sorgen machen, dass sein Sohn von der Militärpolizei festgenommen werden könnte. Weil er der einzige Sohn der Familie ist, ist er vom Militärdienst befreit, erzählt Hanan. Trotz des Krieges werde dieses Gesetz streng eingehalten.

Für Kurden in Syrien ist die Entwicklung eine Berg- und Talfahrt. »Heute geht es gut, morgen wieder bergab«, beschreibt S. aus Bulbul (bei Afrin) die Lage. Vor einer Woche war er in seinem Heimatdorf, um die Verwandten zu besuchen. Das Dorf liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zur Türkei entfernt, wo es in den vergangenen Wochen immer wieder zu Gefechten zwischen der türkischen Armee und Einheiten der kurdischen Volksverteidigungskräfte (YPG/YPJ) gekommen war. Gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern fuhr S. mit seinem Onkel zu den Olivenhainen des Dorfes, die unmittelbar an die Türkei grenzen. Dort sahen sie, wie ein Bagger, der aus der Türkei herübergekommen war, quer durch die Olivenhaine eine breite Schneise schlug. S. fotografierte, verborgen hinter großen Kakteen, das Geschehen – doch die türkischen Arbeiter sahen sie und riefen, sie wollten keinen Kampf. Die Türkei wolle dort eine Mauer bauen, erklärte man ihnen. »Und oben auf die Mauer kommt Stacheldraht«, berichtet S.

Der Landraub erinnert an das israelische Vorgehen in der palästinensischen Westbank. Ebenso wie Israel behauptet die Türkei, mit der Mauer »Terror« abwehren zu müssen. 511 Kilometer lang soll der Wall werden, der streckenweise weite Teile syrischen Territoriums abschneidet. Die Bauern von Bulbul fällten die Olivenbäume, die ihnen bislang jährlich bis zu 200 US-Dollar eingebracht hatten. »So können wir das Holz noch nutzen oder verkaufen«, erklärt S. die drastische Maßnahme. »Besser, als dass wir den Türken unsere Olivenbäume überlassen.«

Die Genfer Gespräche über eine Lösung des Konflikts in Syrien werden in Damaskus unterschiedlich wahrgenommen. »Ein schlechter Film« sei das, kritisiert der Hotelfachmann Raja G. Niemand in Syrien kenne diese »Opposition«, die in Genf auftrete: »Wie wollen die überhaupt hier Politik machen, die meisten waren seit Jahren nicht mehr in Syrien.«

»Natürlich wollen und müssen wir miteinander reden«, meint dagegen Nabil B., ein pensionierter Agraringenieur. Doch auch er ist von der in Genf vertretenen Opposition nicht überzeugt. »Wenn sie hier das Land übernehmen, werden wir von der Muslimbruderschaft regiert, damit werden wir uns nie einverstanden erklären.«

Der langjährige Präsidentenberater und Vorsitzende der Syrischen Gesellschaft der Vereinten Nationen, George Jabbour bezeichnete die jüngste Gesprächsrunde in Genf als »nicht schlecht«. Die Aussicht auf weitere Gespräche sei wichtig. Fraglich sei, ob der Krieg in Syrien beendet werden könne, ohne »die kurdische Frage« zu lösen, meint der Historiker. Und könne diese Frage nicht nur von allen vier Staaten gemeinsam geklärt werden, in denen die rund 40 Millionen Kurden lebten? »Wir bräuchten eine gemeinsame Konferenz dieser vier Staaten, um die Frage zu lösen«, so Jabbour. Mit der Türkei, die ihre osmanischen Großmachtambitionen offen zur Schau stelle, sei das kaum möglich. Letztlich könne nur eine »Konferenz für Frieden und Sicherheit im Mittleren Osten« die vielfältigen Probleme lösen.

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