Der Niedergang des Abendlandes – wie der Westen auf dem Vulkan tanzt – Interview Prof. Dr. David Engels, Brüssel (sputniknews)

Zum Interview mit Prof. Dr. David Engels, Professor für Geschichte an der Freien Universität Brüssel: https://de.sputniknews.com/politik/20170226314679675-westen-niedergang/

Auszüge:

Herr Engels, die linksliberale westliche Welt schaut mit Fassungslosigkeit auf Präsident Trump. Bei allem Populismus finde ich die Diskussion über Eliten faszinierend. Sie auch?

Ganz genau, vor allem die nahezu empörte Reaktion der amerikanischen und europäischen Eliten auf die Tatsache, dass ein demokratisch gewählter Politiker tatsächlich versucht, seine Wahlversprechen zu halten, was auch immer man von diesen halten mag. Das bricht alle herkömmlichen Spielregeln – und wird wohl übel für Trump enden.

Gerade Europa schüttelt leicht überheblich den Kopf. Ist die alte Welt doch einfach klüger als das kulturlose Amerika? Ist bei uns die heile Welt?

Ich denke, es besteht durchaus ein gewisses Superioritätsgefühl seitens der politischen Eliten des alten Europa. So lange Obama im Weißen Haus saß, dessen Positionen ja doch denen des hiesigen Establishments sehr nahe kamen, wurde gern auf die klassische Vorbildfunktion der Vereinigten Staaten hingewiesen. Jetzt, bei einem unliebsamen Präsidenten, werden plötzlich wieder die Stereotypen vom ungebildeten und zurückgebliebenen Amerika bedient und Deutschlands Kanzlerin zum letzten Bollwerk der freien Welt stilisiert.

(…)

Man kann die Gesellschaftsprobleme, die Sie beschreiben, von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten. Ein Kommunist würde wohl in Ihren Beobachtungen in erster Linie den faulenden Kapitalismus im Endstadium sehen.

Nicht zu Unrecht, denn natürlich spielen die von Marx und, wenn Sie den Namenspatriotismus erlauben, Engels beschriebenen wirtschaftlichen Automatismen eine große Rolle. Es ist ganz klar, dass sich seit dem Fall der Mauer die kapitalistische Wirtschaftsordnung gefährlich radikalisiert hat. Von 1945 bis 1991 wurde versucht, die Ausartungstendenzen des Kapitalismus durch eine soziale Form der Marktwirtschaft einzudämmen, um den Bürger nicht in Versuchung zu führen, auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs zu schielen. Seit dem Fall der Sowjetunion aber erleben wir überall das Aufkommen einer zunehmend radikalen Form des Ultraliberalismus, die zu Monopol, Überspekulation und enormen gesellschaftlichen Verwerfungen drängt und früher oder später in den Krieg führt, sei er innerer oder äußerer Natur. Doch so sehr mich die marxistische Analyse des Kapitalismus an sich überzeugt, so unglaubwürdig scheint mir der Gedanke, all dies müsse langfristig in die friedliche klassenlose Gesellschaft führen: Wahrscheinlicher ist eher der totale Überwachungsstaat der Großkonzerne…

(…)

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