Russland und USA: Im Kosovo droht ein Stellvertreter-Krieg

https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2017/01/29/russland-und-usa-im-kosovo-droht-ein-stellvertreter-krieg/?nlid=a24ceae0a1

29.01.17

Die erste wirkliche Nagelprobe über das neue Verhältnis zwischen Donald Trump und Wladimir Putin könnte im Kosovo stattfinden. Dort steigen die Spannungen. Beide Supermächte sind involviert.

Sechs Tage vor der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump hatte die serbische Regierung einen Personenzug mit der Aufschrift „Kosovo ist Serbien“ in den Kosovo geschickt. Der Zug wurde von der kosovarischen Polizei an der Grenze gestoppt. Die Aufschrift wurde in verschiedenen Sprachen auf den Zug geschrieben. Das war mehr als eine symbolische Erinnerung an die brutalen Balkankriege der 1990er Jahre. Denn die Armeen Serbiens und des Kosovo befinden sich bereits in Kampfbereitschaft. In der Grenzregion befinden sich auf serbischer Seite 60.000 Truppen, einschließlich Panzer-, Artillerie- und Luftwaffeneinheiten. Dem stehen 6.000 bis 8.000 Sicherheitskräfte des Kosovo gegenüber. Territorialer Streitpunkt zwischen beiden Ländern ist die nordalbanische Stadt Mitrovica, die mehrheitlich von Serben bewohnt wird. Serbien sieht sich als Schutzmacht der Serben im Kosovo. „Wenn Serben umgebracht werden, werden wir die Armee schicken“, zitiert die makedonische Nachrichtenagentur MINA den serbischen Präsidenten Tomislav Nikolic. Die Lage im Kosovo ist explosiv, es droht ein Stellvertreter-Krieg.

(…) Serbien hatte vor 19 Jahren ein Abkommen zur Beendigung seines Krieges mit dem Kosovo unterzeichnet, nachdem NATO-Streitkräfte  und US-Kampfflugzeuge interveniert und die serbische Hauptstadt Belgrad bombardiert hatten. Bisher haben 113 von 193 UN-Mitgliedsländern, 23 von 28 EU-Staaten und die USA die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt und unterstützen somit die territoriale Integrität des Landes, berichtet das Auswärtige Amt. Serbien erhebt nach wie vor einen territorialen Anspruch auf den Kosovo. Russland lehnt die Unabhängigkeit des Kosovo ab und verhinderte gemeinsam mit China eine Aufnahme des Kosovo in die UN. Spanien lehnt die Unabhängigkeit des Kosovo ab, weil sich aus dieser Haltung die Abspaltung Kataloniens und des Baskenlands ableiten lassen könnte. Weitere Länder, die die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkennen sind Griechenland, Zypern, Rumänien, Weißrussland, die Ukraine und weitere Staaten außerhalb Europas.

Der weltweit größte und teuerste US-Militärstützpunkt Camp Bondsteel befindet sich in Ferizaj/Kosovo. Der Stützpunkt dient der Nato-Mission im Kosovo. Das Hauptquartier des KFOR-Einsatzes der Nato befindet sich in Pristina. Im Kosovo befinden sich 4.600 Nato-Soldaten aus 31 Ländern.

(…) Der erneut aufkommende Kosovo-Konflikt könnte der erste wirkliche Test für US-Präsident Donald Trump werden. Der kosovarische Außenminister Enver Hoxhaj wird Trump um Unterstützung gegen Serbien bitten. Eine ähnliche Bitte führte im Jahr 1998 dazu, dass die Nato eine Elite-Einheit, die hauptsächlich aus Briten bestand, in den Kosovo entsendete. Doch im Jahr 2017 können die Kosovaren auf keinerlei Hilfen von europäischen Regierungen hoffen, so MINA. Als Option bleibt somit lediglich die USA übrig.

Sollten die USA tatsächlich offensiv Partei für den Kosovo und gegen Serbien ergreifen, dürfte dies zu einer Spannung der Beziehungen zwischen Trump und den russischen Präsidenten Wladimir Putin führen. Denn Russland versteht sich als historische Großmacht Serbiens.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat bereits vor einem neuen bewaffneten Konflikt im Kosovo gewarnt. „Ich bin davon überzeugt, dass (…)  diesmal jeder die Notwendigkeit versteht, einen militärischen Konflikt zu verhindern, obwohl die Spannungen dort wachsen“, zitiert die Tass Lawrow.

Trump hat sich zu den Spannungen im Kosovo noch nicht geäußert. The Independent berichtet: „Es ist zweifelhaft, ob Präsident Trump viel über den Kosovo weiß, obwohl viele Republikaner wie Senator John McCain und der ehemalige Vizepräsident Bob Dole, die Thaci (Anm.d.Red. Präsident des Kosovo) vor der Amtseinführung Trumps in Washington trafen, feste Unterstützer des Kosovo sind und enge Beziehungen zur großen amerikanisch- albanischen Diaspora haben. Aber wenn Putin Trump um Unterstützung für Serbien bittet, droht der Westbalkan, in einen offenen Konflikt zurückzufallen.“

Die Kosovaren befürchten einen Rückgang der US-Unterstützung unter Trump. Agron Demi, ein Analyst an der kosovarischen Denkfabrik GAP, sagte dem deutschen Staatssender Deutsche Welle: „Wir waren sehr auf die Lobbyarbeit der USA angewiesen, um unsere Anerkennung zu erlangen. Wir haben immer nur noch 113 Länder auf unserer Seite, doch wir brauchen noch mehr Unterstützung. Es gibt eine Menge Leute, darunter auch ich, die denken, dass es für den Kosovo unter einer Trump-Präsidentschaft schwieriger wird. Die Demokraten haben die Sache des Kosovo immer unterstützt. Wir brauchen diese Unterstützung auch von Trump, doch ich befürchte, wir werden sie nicht bekommen. Die Menschen im Norden hoffen, dass Trump dazu beitragen wird, den Kosovo zu einem Teil Serbiens zu machen. Das ist besorgniserregend und es schadet dem Verhältnis zwischen dem Kosovo und Serbien.“

Insbesondere Bill Clinton und seine Frau Hillary sind beliebt im Kosovo. In Pristina steht nicht nur eine Statue von Bill Clinton, es gibt auch eine eigene heimische Modekollektion, die den Markennamen „Hillary“ trägt. Die Betreiberin der Marke, Elda Morina, sagte der DW: „Wir lieben die Amerikaner – und zwar bedingungslos.

(…) Doch auch serbische Ultranationalisten erhoffen sich von Trump Unterstützung. Der Economist berichtet: „Ein serbischer Präsidentschaftskandidat feierte den Wahlsieg Trumps, indem er im Parlament ein Lied vortrug, das von dem gewählten US-Präsidenten forderte, Muslime auszulöschen und sich mit Putin zu verbünden.“

Damit stehen Trump und Putin vor einer schwierigen Aufgabe. Die Gräben zwischen Serben und Kosovaren sind tief und sowohl Trump als auch Putin haben ihre Rollen als Schutzmächte zu erfüllen, wenn sie ihre innenpolitische Legitimation wahren wollen. Allerdings würde die strikte Umsetzung der Rollen als Schutzmächte auf dem Balkan zu einer Konfrontation zwischen Russland und den USA führen, wie es die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren in der Ukraine erlebt hat.

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