Obskure Auszeichnung – Deutschland und Frankreich verleihen Menschenrechtspreis an Syriens »Weißhelme«. Ein genauer Blick auf die Organisation sollte Zweifel wecken (junge Welt)

https://www.jungewelt.de/2016/12-02/027.php

 

 

Von Karin Leukefeld, Beirut

Frankreich und Deutschland haben eine neue Medaille zu vergeben. Der »Deutsch-Französische Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit« wird in diesem Jahr erstmals an »15 internationale Preisträger für ihre Zivilcourage und ihr herausragendes Engagement für die Menschenrechte« verliehen, teilte das Auswärtige Amt am Montag in Berlin mit. Übergeben werden sollen die Auszeichnungen von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seinem französischen Amtskollegen Jean-Marc Ayrault am 10. Dezember in Berlin. Vorher, so das Auswärtige Amt, wollen beide Minister »bilateral« über »Themen der Europapolitik und internationale Krisen und Konflikte« konferieren.

Am 10. Dezember 1948 wurde von den Vereinten Nationen die UN-Menschenrechtscharta beschlossen. Daran wollen die beiden Außenminister anknüpfen. Der Preis solle »Persönlichkeiten« ehren, die »Unrecht anprangern«, sich »für Verfolgte« einsetzen, »sich nicht zum Schweigen bringen« lassen und »oft ihre eigene Sicherheit riskieren«, heißt es in einem Artikel auf der Webseite des Auswärtigen Amtes.

Noch ist die Namensliste der zu Ehrenden nicht bekannt, mit einer Ausnahme: »Die syrischen Weißhelme erhalten einen Sonderpreis«. Diese Organisation hat bereits den Alternativen Nobelpreis erhalten und war auch für den Friedensnobelpreis 2016 vorgeschlagen.

Die »Weißhelme«, die in den Medien oft auch als »Syrischer Zivilschutz« bezeichnet werden, wollen eigenen Angaben zufolge mehr als 70.000 Menschen in den von bewaffneten Gruppen kontrollierten Gebieten Syriens, vor allem in Aleppo, gerettet haben. Die Gruppe, deren Namen sich von ihren auffälligen weißen Schutzhelmen ableitet, die in den meisten Fällen mit kleinen Kameras ausgerüstet sind, werden von den USA, Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden finanziell unterstützt. Das räumte ein Vertreter der Organisation, Abdulrahman Al-Mawwas, im Oktober gegenüber dem russischen Nachrichtensender RT ein. Da waren die »selbstlosen Helfer« gerade zu Gast beim französischen Präsidenten François Hollande und seinem Ministerpräsidenten Manuel Valls. Sie erhielten von den genannten Staaten »Ausrüstung, Fahrzeuge« und andere Hilfen, so Al-Mawwas. Das Auswärtige Amt in Berlin hatte schon im September mitgeteilt, die »Weißhelme« bisher mit sieben Millionen Euro unterstützt zu haben. Die Organisation war 2013 mit Hilfe eines ehemaligen britischen Geheimdienstoffiziers in der Türkei gegründet worden.

Europäische Medien berichten täglich mehrmals und wiederholt über den scheinbar selbstlosen Einsatz dieser Männer. Kein Thema ist in den Reportagen jedoch meist, dass es zwischen den »Weißhelmen« und bewaffneten Kampfgruppen engste Verbindungen gibt. Auf Bildern und Videos sind »Weißhelme« zu sehen, die selber Waffen tragen, mit Al-Qaida nahestehenden Kämpfern feiern und Menschen in Plastiksäcke wickeln, die Sekunden zuvor hingerichtet wurden. Es gibt Bilder von »Weißhelmen«, die auf einem Pritschenwagen über Leichen – vermutlich von syrischen Soldaten – stehen und in die Kamera das Victory-Zeichen machen.

Eine solche Organisation soll nun einen »Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit« bekommen. Keine Ehrung gibt es dagegen für die Menschen in Syrien, die ohne Kamera und Helm, ohne monatliche Bezahlung oder Auszeichnung ihren Nachbarn helfen und versuchen, ihre Heimat zu retten. Jeden Tag, seit bald sechs Jahren, seit der Krieg gegen Syrien begann.

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