Islamisten im Dienst der USA – Russland wirft Washington vor, die Al-Nusra-Front zu unterstützen – Von Karin Leukefeld (junge Welt)

https://www.jungewelt.de/2016/10-04/071.php

Am Wochenende hat die islamistische Kampfgruppe Ahrar Al-Scham einen Raketenangriff auf die syrische Stadt Al-Hamah verübt. Das teilte die Gruppe mit und verbreitete ein Internetvideo der Attacke. Mindestens 40 Raketen seien auf die 300.000-Einwohner-Stadt abgeschossen worden. Ziel seien Stellungen der syrischen Streitkräfte gewesen, hieß es seitens der Dschihadisten. Die Regierung äußerte sich nicht zu dem Angriff. Die Offensive auf Hamah soll offenbar die bewaffneten Banden in Aleppo entlasten.

»Die islamistischen Salafisten bombardieren weiterhin unsere Wohnviertel«, berichtete der Arzt Emile Katti gegenüber junge Welt am Sonntag aus Aleppo per Mail. Betroffen seien die Stadtviertel Midan, Soulaimanie, Azzazie und andere, die nahe der Frontlinie liegen. Beigefügt hatte Katti eine Reihe Fotos, die verwüstete Straßen, zerstörte Autos, Leichenteile auf den Straßen und getötete Kinder zeigen.

Das Oberkommando der syrischen Streitkräfte hat die Kämpfer in Aleppo erneut aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Man gewähre ihnen freien Abzug und helfe beim Abtransport, hieß es. Das »Russische Zentrum für die Versöhnung« teilte derweil mit, dass Kampfgruppen, die das zwischen Moskau und Washington vereinbarte Waffenstillstandsabkommen unterzeichneten oder dem russischen und US-amerikanischen Militär ihren Standort mitteilten, von Luftangriffen verschont würden.

Am 30. September jährte sich das Eingreifen des russischen Militärs in Syrien zum ersten Mal. Auf Bitten des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad, der formal auch der Oberkommandierende der syrischen Streitkräfte ist, waren Ende September 2015 russische Kampfjets in dem Land stationiert worden. Basis des russischen Einsatzes wurde der Flughafen Hmeimim südlich von Latakia. 20 russische Soldaten und Offiziere sind bisher ums Leben gekommen.

In einem Interview mit der britischen BBC am vergangenen Samstag sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow, Moskau habe mit Washington im Kampf gegen die Terroristen des »Islamischen Staates« und der Al-Nusra-Front in Syrien kooperieren wollen, ohne Erfolg: »Wir haben immer mehr Gründe anzunehmen, dass von Anfang an der Plan (der USA, jW) gewesen ist, die Al-Nusra-Front zu schonen und sie als Reserve für einen Regime-Change zu bewahren.«

Mark Toner, Sprecher des US-Außenministeriums, wies das umgehend als »absurd« zurück. US-Diplomaten hätten die »Opposition« kontaktiert und ihr klargemacht, sich von der Al-Nusra-Front zu trennen. Russland treibe mit den Angriffen die »moderaten Rebellen« zu den Islamisten. Toner räumte ein, dass sich die Al-Nusra-Front »in zivilen Gebieten unter das Volk gemischt« habe, daher habe die US-Luftwaffe »monatelang« keine Angriffe gegen die Gruppe geflogen.

Gleichwohl haben verschiedene US-Regierungsstellen seit 2011 Aufständische in Syrien ausgebildet, die später zur Al-Nusra-Front überliefen. Während Washington Ausbildungsprogramme für Anti-IS-Kämpfer finanzierte, organisierte die CIA – ebenfalls im Auftrag des Weißen Hauses – die Ausbildung von Kämpfern, die Al-Assad stürzen und die syrische Armee angreifen sollten.

Russland und Syrien haben als Konsequenz aus der US-Doppelstrategie nun offenbar das Vorgehen geändert: Moskau hat einen weiteren Flugzeugträger ins östliche Mittelmeer entsandt, der Luftangriffe »auf terroristische Gruppen in Syrien« unterstützen soll. Möglicherweise wird auch ein zweiter Stützpunkt für russische Kampfjets ausgebaut.

%d Bloggern gefällt das: