Appelle christlicher Würdenträger Syriens: Sie fürchten ihre Vertreibung durch die Terrormiliz »Islamischer Staat«, sollte Assad nicht standhalten.

assad-chr
von Rüdiger Göbel – August 2015
Führende Vertreter der christlichen Gemeinde in Syrien verteidigen das Vorgehen der Regierung von Präsident Baschar Al-Assad gegen die diversen Dschihadistengruppen im Land und implizit auch die russische Unterstützung im Anti-Terror-Krieg. »Der US-amerikanische Senator John McCain beklagt, dass die russische Luftwaffe nicht die Stellungen des Islamischen Staates, sondern die von der CIA ausgebildeten Rebellen angreift. Dies finde ich äußerst beunruhigend«, erklärt Erzbischof Jacques Behnan Hindo von Hassaka gegenüber der Vatikanagentur Fides. McCain gestehe damit ein, »dass sich hinter dem Krieg gegen Assad auch die CIA verbirgt und es sich um einen Stellvertreterkrieg von Mächten handelt, die zusammen mit ihren Verbündeten in der Region gegen Syrien kämpfen«.
Der syrisch-katholische Würdenträger weist gegenüber dem Presseorgan der päpstlichen Missionswerke das Gerede von den sogenannten moderaten Aufständischen in Syrien zurück. »Die westliche Propaganda redet weiterhin von gemäßigten Rebellen, doch die gibt es nicht: in der Galaxie der bewaffneten Gruppen sind die Soldaten der Syrischen Befreiungsarmee nur mit einer Lupe zu finden. Alle anderen, abgesehen vom IS, haben sich in der Al-Nusra-Front zusammengeschlossen, ein Ableger der Al-Qaida in Syrien«.

Erzbischof Hindo findet das Vorgehen der USA »sehr beunruhigend«: »Diese Supermacht protestiert 14 Jahre nach dem 11. September, weil die Russen die Milizen der Al-Qaida in Syrien bombardieren. Was bedeutet das? Dass Al-Qaida sich nun mit den USA verbündet hat, nur weil sie in Syrien anders heißt? Glauben sie wirklich, dass wir so wenig Intelligenz und Erinnerungsvermögen besitzen?« Und er betont gegenüber Fides: »Wir werden selbst darüber entscheiden, wann Assad gehen muss und nicht der IS oder der Westen. Und eines ist gewiss: wenn Assad jetzt geht, dann endet Syrien wie Libyen.« In der Mainstreampresse finden die klaren Worte des syrischen Katholiken zur Notwendigkeit, die Regierungstruppen im Kampf gegen IS zu unterstützen, keinerlei Erwähnung. Dabei weiß Erzbischof Hindo, wovon er spricht. In den Gemeinden in der Provinz Hassaka an der Grenze zur Türkei waren im Februar 2015 mehr als 250 Gläubige vom IS verschleppt worden.

Und auch Antoine Audo, Bischof der schwer umkämpften nordsyrischen Stadt Aleppo, findet mit seinen mahnenden Worten nicht die notwendige mediale Aufmerksamkeit. Wen wundert’s? »Wir müssen eine Übergangslösung finden – mit Assad«, bekundet der chaldäische Katholik laut Radio Vatikan.

Militärisch sei der Konflikt nicht zu gewinnen, so Bischof Audo. Das sei nach mehr als vier Jahren Krieg klar. »Die Lösung kann nur politisch sein. Als erstes müsste man Saudi-Arabien daran hindern, weiterhin Leute zu bewaffnen, und die Türkei daran hindern, auf ihrem Territorium Menschen für den Kampf in Syrien zu trainieren. Das wäre das Erste. Zweitens müsste man wirklich auf eine politische Lösung setzen – und zwar eine, die aus dem Innern Syriens kommt und nicht von außerhalb. Syrien ist ein legitimer Staat und hat das Recht, selbst über sein Regime oder seine Regierung zu entscheiden, wenn wir wirklich über Demokratie usw. reden!« Syrien befinde sich in einer paradoxen Situation, so der Bischof weiter. In weiten Teilen herrsche ein furchtbarer Krieg, aber in noch relativ friedlichen Landesteilen, etwa an der Mittelmeerküste in Tartus und Latakia – also in den Gebieten mit syrischer und russischer Militärpräsenz –, würden die Menschen auch Ausflüge machen und ein vermeintlich recht normales Leben führen.

Von den 1,5 Millionen Christen, die vor Beginn des Krieges in Syrien gelebt hätten, seien zwei Drittel außer Landes geflohen. Die meisten würden wohl zurückkehren, wenn es wieder Frieden gibt, ist Bischof Audo überzeugt. Im Land geblieben seien vor allem jene, die sich eine Flucht nicht leisten könnten. Die Mittelklasse sei inzwischen verarmt, und die schon früher armen Bevölkerungsschichten lebten nun unter extrem prekären Bedingungen. Die Kirche helfe so gut sie könne, etwa mit Nahrungsmitteln, Medikamenten oder Kleidung. Und sie helfe sowohl Christen wie auch Muslimen. So halte man die »kleine Flamme der Hoffnung« am Leben, so Audo. Auch er weiß, wovon er spricht: Der Bischof ist seit 1992 Oberhirte für die chaldäischen Katholiken im Norden Syriens ist und steht zudem der Hilfsorganisation Caritas im Land vorsteht.

Im Gespräch mit den „Salzburger Nachrichten“ hat Audo schließlich erklärt: »Ich respektiere den Standpunkt der Europäer, die sagen, Assad ist ein Diktator und Mörder. Aber wir müssen diesen Krieg in einem größeren Zusammenhang sehen. Assad verteidigt schon auch eine Idee von Syrien. Wir müssen eine Übergangslösung finden – erst mit Assad. Dann muss es eine Lösung mit Sunniten, Alawiten, den verschiedenen Konfessionen geben.«

Sein Kollege, Bischof Abou Khazen und seit 2013 Apostolischer Vikar von Aleppo, kritisiert die Angriffe der französischen Luftwaffe auf angebliche Stellungen des IS in Syrien, die mit der Regierung des Landes nicht abgesprochen sind. Diese militärische Intervention sei »eine weitere Episode einer Reihe unbedachter Aktionen und Initiativen westlicher Staaten im syrischen Konflikt, unter dem die Völker des Nahen Ostens leiden«.

Warum hört man die Stimmen dieser Kirchenmänner aus dem umkämpften Aleppo eigentlich nicht in den hiesigen Hauptnachrichtensendungen? Wohl weil sie die jahrelange Propaganda ad absurdum führen, in Syrien stünden nur noch die Alawiten hinter dem Präsidenten. Und wohl auch, weil sie exakt die seit Jahren von Russland vertretene Position widerspiegeln. »Assad muss weg«, diese vom christlichen Westen erhobene Maxime, heißt für die meisten Christen in Syrien, dann müssen auch wir weg. Dem ist jetzt das orthodoxe Russland vor.

Mehr: https://de.sputniknews.com/politik/20151006/304734837/letzte-hoffnung-syriens-christen-danken-russland.html

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