Oliver Stone – Agent Moskaus Wenn deutsche Pro-Amerikaner echte Amerikaner zu Anti-Amerikanern machen – von Uli Gellermann

22. September 2016

Von Oliver Stone weiß man, dass er ein zu Recht berühmter US-amerikanischer Filmemacher ist. Mit Filmen wie Platoon (zum Vietnamkrieg), wie John F. Kennedy – Tatort Dallas (JFK), Natural Born Killers und Nixon – Der Untergang eines Präsidenten, hat er dem politischen Film wichtige und erfolgreiche Beiträge geliefert. Von Stone weiß man, dass er zur anderen, zur besseren Seite der USA gehört. Jetzt bringt er auch noch den Film „Snowden“, über den von Obama gejagten und von der deutschen Regierung verachteten Whistleblower in die Kinos.

Das geht nicht, haben sie bei der obersten Medien-Agentur Deutschlands, der TAGESSCHAU-Redaktion gedacht. Da könnte ja das schöne Bild von den sauberen USA ins Wanken geraten, an dem die Reaktion seit Jahrzehnten so tapfer arbeitet. Aber den Film, der verspricht ein Welterfolg zu werden, gar nicht wahrnehmen? Das kann die TAGESSCHAU bei Nazis in der Ukraine machen, bei Friedensaufrufen von Prominenten, bei terroristischen Aktivitäten der Saudis. Das alles kann die Doktor-Gniffke-Truppe, nach dem TAGESSCHAU-Chef benannt, unter den Redaktionstisch fallen lassen. Aber einen der berühmtesten Filmemacher der Welt? Der außerdem seinen Film auch noch in Deutschland produziert hat? Da muss man sich was einfallen lassen.

Und so stellt die TAGESSCHAU flugs eine fette Verdächtigung auf ihre Website, direkt neben die Ankündigung zum Film. „Welche Rolle spielt Snowdens Anwalt?“ fragt die Schlagzeile und stellt mit Grabesstimme schon mal fest: Er ist Russe! Und er hat Kontakte zum Geheimdienst! Das erste ist unbestritten. Das zweite wird mit der Doktor-Gniffke-Patent-Methode bewiesen: Russische Journalisten „gehen davon aus“, dass der Anwalt diese Verbindung habe. Also: Angela Merkel hat Kontakte zum Geheimdienst! Denn sie sitzt ständig mit ihrem Geheimdienstkoordinator am selben Konferenztisch. Millionen Deutsche haben Kontakte zum Geheimdienst. Denn sie werden ständig von den Diensten bespitzelt. Da gehen wir doch mal davon aus! Das behauptet ein einziger russischer Journalist! Das ist investigativer Journalismus. Das sind Fakten der Extra-Klasse.

Aber das reicht noch nicht. Der selbe Journalist hat über eine Pressekonferenz mit Snowden und seinem Anwalt auf dem Flughafen Scheremetjewo im Juli 2013 geschrieben: Die habe wie eine Show gewirkt! Und schlimmer noch: Regelmäßig trete der Anwalt in internationalen Medien auf, um für Snowden zu sprechen, teilt uns die TAGESSCHAU mit. Das konjunktivistische Hörensagen schwillt zum dröhnenden Bocksgesang: Der Anwalt Anatoli Kutscherena kennt sogar Putin. Ein Abgrund von Kreml-Hörigkeit tut sich auf. Und dann der Klimax von zwei TAGESSCHAU-Aushilfskräften: „Kutscherena sagte in einem Interview mit „Russia Beyond the Headlines“, er habe Stone diesen Film vorgeschlagen und bei einem Arbeitstreffen in Moskau mit ihm diskutiert.“

Blitzartig spult sich im konditionierten deutschen Gehirn die Gedankenkette ab: Snowden verriet NSA-Geheimnisse an die Weltöffentlichkeit. Er flieht ausgerechnet nach Russland. Nur weil sein Leben und seine Freiheit bedroht sind. Sein russischer Anwalt inspiriert Oliver Stone zum Film über Snowden: „Der Film soll unter anderem auf einer Novelle basieren, die der russische Rechtsanwalt über den Snowden-Fall geschrieben hat.“ – So macht die TAGESSCHAU den Filmemacher Stone zum Einfluß-Agenten Moskaus. Auch so kann man eine Filmkritik schreiben. Wenn man auf der Lohnliste der ARD steht.

Es schimmert grün durch den fadenscheinigen TAGESSCHAU-Beitrag von Silvia Stöber und Patrick Gensing. Beide sind auch Autoren der Böll-Stiftung. In deren Umgebung hat man Erfahrung mit Geheimdiensten und Medien. Hatte doch die Berufsgrüne Marie-Luise Beck schon mal den Verfassungsschutz dringlich gebeten, er möge die „ominöse Maren Müller und ihre ständige Publikumskonferenz“ ins Visier nehmen. Und Patrick Gensing hat wie zufällig „antiamerikanische Züge in der Debatte um die NSA-Überwachung“ bemerkt, um dann in der Friedensbewegung eine Querfront zu entdecken. Denn die behaupte, dass die USA ihre Interessen „durchboxe“ und „ihre Geldgeilheit durch Menschlichkeit“ tarne. Schon wieder Antiamerikanismus.

Stone ist wahrscheinlich auch ein Anti-Amerikaner. Das jedenfalls teilt uns John Kornblum, der langjährige US-Botschafter in Deutschland, faktisch mit: „Oliver Stone ist ja berüchtigt für seine Verdrehung von Wahrheiten“, sagte Kornblum zu BILD. Er warf dann Star-Regisseur Oliver Stone vor, einer „Heiligsprechung“ Snowdens Vorschub zu leisten. Auch der SPIEGEL entdeckt bei Stone eine „schrille Forderung“. Denn der sagt glatt sowas: „Die Verantwortlichen im Whistleblower-Fall sollten vor Gericht wie einst die Nazis bei den Nürnberger Prozessen“. Da müssen die guten deutschen Pro-Amerikaner den schlechten Amerikaner Oliver Stone einfach zum Anti-Amerikaner erklären. Ideologie kann krank machen.

Der Film SNOWDEN ist ab sofort in den Kinos.

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