Der Aufstieg der CIA zur Schattenregierung der USA (Nachdenkseiten)

 

„Alle, die sich bisher über Verschwörungstheorien lustig gemacht haben, dürften ihre Meinung nach Lektüre dieses Buches ändern“, schreibt der Boston Globe – und hat recht. Denn der internationale Bestseller „Das Schachbrett des Teufels“ über das Leben und Wirken des ehemaligen CIA-Direktors Allen Dulles ist nicht nur ein spannender Spionage-Thriller; er verdeutlicht auch die Machenschaften sowie die Logik eines geheimdienstlichen Unterdrückungsapparates, der weltweit seinesgleichen sucht. Jens Wernicke sprach mit dem Autor David Talbot hierzu.

Herr Talbot, Sie sind ein bekannter und wichtiger Autor und Journalist. Warum jetzt dieses Buch – und warum ausgerechnet zu Dulles und der CIA? Was ist Ihre Intention?

Im Grunde befanden sich die Vereinigten Staaten während meines gesamten Lebens im Krieg – ein Syndrom, das Menschen auf der gesamten Welt Leid gebracht und unser eigenes demokratisches System und unsere nationale „Seele“ kontinuierlich zersetzt hat. Ich hatte immer schon die Vermutung, dass die Ermordung Kennedys ein entscheidender Wendepunkt in der amerikanischen Geschichte war, da mit ihm der letzte US-amerikanische Präsident beseitigt wurde, der die Vorherrschaft einer kriegsbesessenen nationalen Sicherheitselite ernstlich angegriffen hat.

Aufgrund der Recherchen zu meinem früheren Buch Brüder: Die geheime Geschichte der Kennedy-Jahre war mir bekannt, dass es ein tiefes Misstrauen gegenüber der offiziellen Version zum Kennedy-Attentat gibt – nicht nur in der Gesellschaft insgesamt, sondern auch innerhalb der Führungselite in Washington, der Familie Kennedy selbst und insbesondere bei Robert F. Kennedy, dem Bruder des ermordeten Präsidenten und oberstem Gesetzeshüter im Land.

Bobby Kennedys Verdacht richtete sich gegen die verdeckte Operation der CIA in Kuba, die dort fortwährend versuchte, Fidel Castro zu ermorden. Bobby glaubte, dass diese Geheimdienstoperation gegen seinen Bruder gerichtet wurde, der sich zunehmend gegen den Kurs Washingtons im Kalten Krieg wandte, da er den Ausbruch eines Atomkriegs mit der Sowjetunion befürchtete. Aufgrund der Recherchen teilte ich zunehmend das Misstrauen von Bobby Kennedy gegenüber der CIA und wollte herausfinden, wer in der Welt der Geheimdienste die Autorität und das Kaliber hatte, um solch einen traumatischen Angriff auf die US-amerikanische Demokratie vorzunehmen.

Mein Augenmerk fiel letztlich auf Allen Dulles, den legendären Meisterspion, der einer Vielzahl von US-Präsidenten diente, dessen Macht die seiner Vorgesetzten aber oft überstieg. Dulles‘ und Kennedys Beziehung erlitt einen irreparablen Bruch nach der desaströsen Schweinebuchtoperation der CIA in Kuba. Kennedy feuerte Dulles als Chef der CIA, aber Dulles machte einfach weiter wie gehabt. In Das Schachbrett des Teufels ist zum ersten Mal dokumentiert, dass Dulles, selbst nachdem er von Kennedy gefeuert wurde, den Geheimdienst von seinem Haus in Washington aus noch immer führte – und er wurde zunehmend mutiger in seiner Subversion gegen die Präsidentschaft Kennedys. Ich glaube, dass dieser sich verschärfende Konflikt zwischen dem Geheimdienstzirkel um Dulles und dem Weißen Haus mit Kennedy am 22. November 1963 in Dallas endete.

Was natürlich für ein Engagement auch der CIA in dieser Sache – wie übrigens auch in Bezug auf die Ermordung von Papst Johannes Paul II., wie ein deutscher Filmemacher unlängst belegte – spricht…?

Ja, wie ich in Das Schachbrett des Teufels schreibe, glaube ich, dass das Mordkommando der CIA – eine todbringende Abteilung, die bereits gegen ausländische Staatsführer wie Fidel Castro in Cuba und Patrice Lumumba im Kongo operierte – auf unseren eigenen Präsidenten, John Kennedy, angesetzt wurde, nachdem er der nationalen Sicherheitselite in Bezug auf den Kalten Krieg die Kooperation aufkündigte. Als ehemaliger Chef der CIA hatte Allen Dulles noch immer großen Einfluss auf das Mordkommando der CIA, unter ihnen Männer wie William Harvey, Howard Hunt und David Morales.

Aber die Ermordung von JFK sollte nicht nur als CIA-Operation gesehen werden. Dulles und seine ehemaligen Kollegen hätten niemals gehandelt ohne eine breite Unterstützung der amerikanischen „Machtelite“ – wie sie von Charles Wright Mills, dem führenden US-amerikanischen Soziologen der Zeit genannt wurde. Mächtige Familien wie die Rockefellers, die Erdölindustrie in Texas, die Finanzwirtschaft der Wall Street, der militärisch-industrielle Komplex … all diese Schlüsselstellen des amerikanischen Machtgefüges waren der Ansicht, dass die Präsidentschaft Kennedys ihre Interessen auf verschiedene Art und Weise bedrohe, dass er ein abnormaler Präsident sei und dass er die Sicherheit und das Wohlbefinden der Vereinigten Staaten bedrohe, wobei sie damit ihre eigene Macht und Profite meinten. Und Dulles war, in gewissem Sinne, der oberste Henker dieses mächtigen Netzwerkes. Er handelte in seinem Sinne.

Das Stigma des „Verschwörungstheoretikers“ wurde, was viele nicht wissen, eben in diesem Kontext zum ersten Mal geheimdienstlich genutzt: um Kritiker und Fragensteller mundtot zu machen. Federführend war, Sie wissen es sicher bereits: die CIA, zu deren Aufgaben eben auch die Manipulation der öffentlichen Meinung gehört. Was halten Sie von diesem Begriff? Und: Hat man auch Sie bereits mit ihm attackiert?

„Verschwörungstheoretiker“ ist ein Propagandabegriff, der dazu benutzt wird, Herrschaftskritik zu diskreditieren, und er wurde in der Tat zuerst von der CIA benutzt, um Forschung zur Ermordung von John F. Kennedy zu kontern, die die Glaubwürdigkeit des Warren-Berichts zerstörten, der ja der offizielle Versuch war, das Verbrechen allein dem „einsamen Schützen“ Lee Harvey Oswald zuzuschieben.

Der Begriff wird regelmäßig gegen all diejenigen angewandt, mich inklusive, die die offiziellen Erzählungen angreifen, mit deren Hilfe die Regierung oder die Wirtschaftswelt versuchen, die Wirklichkeit zu verdrehen. Einige dieser „Verschwörungstheorien“ sind natürlich gut begründet und werden schlussendlich zur allgemein akzeptierten Version der Geschichte – das gilt auch für die „Theorie“, dass Präsident Kennedy von Verschwörern auf der höchsten Ebene des amerikanischen Machtgefüges ermordet wurde.

Übrigens werden einige der gefährlichsten Verschwörungstheorien von der amerikanischen Regierung selbst verbreitet – wie etwa der „Angriff“ im Golf von Tonkin auf Kriegsschiffe USA, der von der Administration unter Lyndon Johnson als Rechtfertigung für die Ausweitung des Vietnamkrieges benutzt wurde, oder die Panikmache mit Massenvernichtungswaffen durch die Bush-Cheney-Regierung, mit der die Unterstützung von Medien und Öffentlichkeit zum illegalen Einmarsch im Irak erzwungen wurde. Prinzipiell ist die Regierung der größte Verschwörungsfreak von allen.

Was sind denn einige der Dinge, die man bisher als „Verschwörungstheorien“ diskreditiert hat, die inzwischen aber als wahr belegbar sind?

Hier weiter im Interview: http://www.nachdenkseiten.de/?p=34928

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